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Mundart
Ein Schirm nicht bloß für Mundart

In jeder Ausgabe stellt die Literaturzeitschrift „Paraple“ auch einen Künstler der Region vor. In der aktuellen Ausgabe den Saarbrücker Maler Elmar Willié, hier mit seinem Bild „Gefangener der Vernunft“.
In jeder Ausgabe stellt die Literaturzeitschrift „Paraple“ auch einen Künstler der Region vor. In der aktuellen Ausgabe den Saarbrücker Maler Elmar Willié, hier mit seinem Bild „Gefangener der Vernunft“. FOTO: Elmar Willié/Paraple / Paraple
Bouzonville. Seit fast 20 Jahren bietet die mehrsprachige Zeitschrift „Paraple“ ein Forum für Autoren der Region. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Ökonomisch spräche man wohl von einem Nischenprodukt. Schon weil Literaturzeitschriften ihrer Natur nach immer den erlesenen Kreis brauchen. Doch in der ohnehin kleinen Nische suchte sich die „Paraple“-Equipe überdies noch ein Eckchen aus. Ein Nischeneckprodukt also. Zwei Mal im Jahr erscheint das Heft. Dies jedoch so selbstbewusst auf nobel glänzendem Papier als seien es abertausende und nicht bloß 350 Exemplare pro Ausgabe.



Die Zeitschrift schafft aber seit 18 Jahren auch unverzagt etwas, was all’ die Sonntagsredner in Sachen Frankreich-Strategie bislang nur predigen. Der „Paraple“, also Regenschirm von französisch Parapluie, druckt echte Mehrsprachigkeit: Français, Deutsch, Platt. Letzteres wird manchmal gar zur wunderbaren Melange der Sprachen hier an der Grenze, was man auch im aktuellen Heft nachlesen kann.

Bleiben wir mal beim Platt: Wo Mundart sonst gern mal ins banal Heimattümelnde abgleitet, hält das vom in Bouzonville sitzenden Verein „Gau und Griis“ herausgegebene Magazin die Qualität hoch. Gérard Carau, wenn man so will, der Kopf eines vom einstigen Redaktions-Quintetts verbliebenen Trios, legt da enorm Wert darauf. „Es sollte nie einfach nur Nostalgisches sein“, sagt er. Man wählt mit Bedacht die Texte. Und gibt den Autoren aus Lothringen, Luxemburg und dem Saarland immer wieder ein Motto vor. „Alles hat seine Zeit“, lautet es alttestamentarisch in der 34. Ausgabe. „Das funktioniert überraschend gut“, sagt Carau, selbst Mundart-Autor (unter anderem in der Saarbrücker Zeitung), das wirke strukturierend.

Alle schreiben übrigens ohne Honorar. Aber unterm Schirm, unterm Paraple, gedeihen Talente, können wachsen. Eher wenig Luxemburger, etwas mehr Lothringer, die Mehrzahl sind saarländische Autoren, die mosel- oder rheinfränkisch schreiben, aber auch Hochdeutsch. Georg Fox, sonst beredter Mundart-Protagonist wie Propagandist überrascht da etwa mit einer melancholisch-heiteren Mäh-Medidation in Hochdeutsch; ja auch der (oder das) „Rasen“ hat seine Zeit. Nein, nicht alles an Poesie und Prosa auf den knapp 80 Seiten sind Perlen. Viele der Autoren sind einem seit Jahren, Jahrzehnten vertraut. Manche aber sind eher Talente geblieben. Doch wie Frank Schumann aus St. Ingbert in „Here comes the sun“ dem Beatles-Song folgend ein ganzes kleines, großes Leben mit seinen Sehnsüchten in prägnante Verse bringt, ist so ein Kabinettstückchen. Die Themenwahl ist dabei so reich wie die Autoren vielfältig sind. Daniel Dubourgs „Noël endormi“ bettet etwa die Klimaerwärmung in ein nachgeholtes Weihnachtsmärchen: poetisch – aber auch politisch. Noch dazu stellt jedes Heft einen (bildenden) Künstler der Region vor, dieses Mal den Saarbrücker Maler Elmar Willié  mit seinem „kubistischen Surrealismus“.

All das schafft die „Paraple“-Redaktion ohne eine Annonce, nur mit einem Gros treuer Abonnenten und ein paar Euro Fördergeld von der Region Grand Est. Aus dem Saarland gibt es nichts, sagt Carau - und klingt dabei keineswegs bekümmert. Warum auch, wenn man seit fast zwei Jahrzehnten so beherzt den Schirm über den Dichtern der Region aufspannt.



Den „Paraple“ (Preis: acht Euro) gibt es in ausgewählten Buchhandlungen in Saarlouis, Saarbrücken und Merzig oder übers Internet: www.gaugriis.com