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Suche nach einer Kriegsüberlebenden
Das Mädchen, das den Bomben entkam

Das Gasthaus „Zur Pinne“ in der Kasseler Altstadt: In der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1943 wurde es von Bomben vollständig zerstört. Über 400 Menschen waren in den Kellern eingeschlossen. Das Foto zeigt rechts unten das Kellerfenster, durch das sich ein zehnjährige Mädchen befreien konnte. Seine Spur führt ins Saarland.
Das Gasthaus „Zur Pinne“ in der Kasseler Altstadt: In der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1943 wurde es von Bomben vollständig zerstört. Über 400 Menschen waren in den Kellern eingeschlossen. Das Foto zeigt rechts unten das Kellerfenster, durch das sich ein zehnjährige Mädchen befreien konnte. Seine Spur führt ins Saarland. FOTO: Stadtarchiv Kasssel / Stadtarchiv Kassel
Kassel/Saarbrücken. Wie durch ein Wunder überlebte eine Zehnjährige die Kasseler Bombennacht im Oktober 1943. Ihre Spur führt ins Saarland. Von Horst Seidenfaden

Bei den Flächenbombardements der Alliierten im Zweiten Weltkrieg wurden viele deutsche Städte schwer zerstört. Unvorstellbare menschliche Schicksale spielten sich in den Quartieren ab, die von Spreng- und Brandbomben dem Boden gleich gemacht wurden. In Kassel – die Altstadt wurde in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1943 völlig vernichtet – starben 10 000 Menschen bei einem Angriff. Und doch gibt es eine besondere, einem Wunder gleichende Geschichte einer Überlebenden, deren Spur ins Saarland führt.



An diesem Abend vor knapp 75 Jahren sammeln sich die Menschen in den Luftschutzräumen. In den Kellern der Gaststätte „Zur Pinne“ im Haus Wildemannsgasse 19, dem schönsten steinernen Wohnhaus der Altstadt, kommen fast 500 Menschen zusammen. In den Kellergewölben ist ausreichend Platz. Es ist einer von vielen Bombenalarmen in diesen Wochen. Die Stimmung ist nicht besonders angespannt. Die dicken Mauern der Keller, so glauben viele, bieten ausreichend Schutz.

Um 21.42 Uhr fallen die ersten von insgesamt über 400 000 Bomben, abgeworfen von rund 400 britischen Flugzeugen. Man hört Einschläge, das Zischen und Krachen. Manche wollen aus den Kellern raus, nach ihren Häusern sehen – der Luftschutzwart entlässt etwa 70 Personen durch die klemmende Eingangstür. Minuten später geht eine Sprengbombe auf den Häuserblock nieder, das Gebäude fällt zusammen, Trümmerhaufen versperren den Ausgang. 439 Menschen sind in den Kellern gefangen, deren Mauern tatsächlich standgehalten haben. Draußen aber brennt die Altstadt lichterloh. Ein Feuersturm fegt durch die Straße. Und das Feuer frisst den Sauerstoff. In den Kellern der Pinne wird die Luft knapp und knapper.

Trotzdem ist es ruhig hier unten, berichten die wenigen Überlebenden später, die Sauerstoffnot macht die Menschen müde. Zwischen 22 Uhr und 23 Uhr gibt es die ersten Toten, immer mehr Menschen schlafen einfach ein – 400 werden nicht mehr aufwachen. Gegen 23 Uhr sind nur noch wenige bei Bewusstsein. In diesen Minuten fasst sich ein schmächtiges Mädchen ein Herz. Es löst sich vom Körper der toten Mutter, krabbelt über Schichten von Leichen instinktiv in die richtige Richtung, klettert hinauf zu einer kleinen Kellerluke. Sie schiebt den Schutt beiseite und zwängt ihren schmalen Körper durch die Öffnung nach draußen. Mit viel Glück durchquert das Mädchen die brennende Altstadt, entkommt herabstürzenden Trümmerteilen. Irgendwann am nächsten Nachmittag wird es im nahen Stadtteil Rothenditmold entdeckt. Sie ist die einzige Überlebende der Familie. Da die Zehnjährige in Kassel keine Verwandten mehr hat, bringt man sie bei Angehörigen in der Saar-Region unter. Hier allerdings verliert sich die Spur des Mädchens, dessen Nachname „Mahler“ oder „Maler“ war und dessen Eltern nach Zeitungsberichten die Gaststätte „Klosterkrug“ in Kassel betrieben.

Zum 75. Jahrestag der Zerstörung Kassels soll nun das „Wunder der Pinne“ komplett erzählt und dokumentiert werden. Die Autoren suchen dazu nach Spuren des Mädchens, das vermutlich 1933 geboren wurde und dann in die Saar-Region kam. Wie erging es ihr? Lebt sie noch? Oder gibt es Nachfahren?