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„Da unten steht ein Ami!“

Ortrud Kleis (r.) und Gisela Richter vor dem Stolleneingang an der Kirkeler Burg. Hier suchten sie vor 70 Jahren Schutz vor dem Artillerie-Feuer und den Jagdbombern der US-Amerikaner. Foto: O. Dietze
Ortrud Kleis (r.) und Gisela Richter vor dem Stolleneingang an der Kirkeler Burg. Hier suchten sie vor 70 Jahren Schutz vor dem Artillerie-Feuer und den Jagdbombern der US-Amerikaner. Foto: O. Dietze FOTO: O. Dietze
Kirkel. Am 20. März 1945 sah Ortrud Kleis den „ersten schwarzen Menschen“ ihres Lebens. Es war ein US-Soldat. Mit dem Einmarsch der Amerikaner endete für die Menschen im Kirkeler Oberdorf der Zweite Weltkrieg. Dietmar Klostermann

. Es war ein sonniger Frühlingsmorgen, als am 20. März 1945 die ersten amerikanischen Soldaten das Oberdorf von Kirkel erreichten. "Irgendwann waren die deutschen Soldaten einfach verschwunden. Unsere Haustür stand den ganzen Tag offen und die Leute saßen vor dem Haus auf der Treppe. Plötzlich sagte jemand: Da unten steht ein Ami! Dann waren es zwei und dann drei und alle mit dem Gewehr im Anschlag", beschreibt Ortrud Kleis, 73, die Szenerie. Die Rentnerin, die heute in St. Ingbert wohnt, hat sehr lebendige Erinnerungen an das Frühjahr 1945, obwohl sie damals gerade einmal drei Jahre alt war. "Wenn wir es jetzt nicht erzählen, gerät alles in Vergessenheit", betont die ehemalige Krankenkassenangestellte gegenüber der SZ. "Der Queckenbauer nahm das Zepter in die Hand, hing ein weißes Betttuch ins Fenster und befahl jedem, ein weißes Taschentuch in die Hand zu nehmen. Meine Schwester Hildegard und ich blieben auf der Treppe sitzen und unsere Mutter hinter uns stehen. Die Amerikaner kamen die Straße hoch, sicherten mit ihren Gewehren nach beiden Seiten und meine Cousine Elli sagt noch heute, die hatten Angst", berichtet Ortrud Kleis. Die Angst der US-Infanteristen war berechtigt, denn es gab noch genügend fanatische Nazis, die an den "Endsieg" glaubten und für den Führer den Tod in Kauf nahmen.

Doch für die Kinder des Kirkeler Oberdorfes war die Befreiung von den "Erz-Nazis", wie Ortrud Kleis die vielen NSDAP-Parteigänger jener Zeit nennt, auch ein Vorstoß in eine neue Welt. "Es waren die ersten schwarzen Menschen, die wir als Kinder zu sehen bekamen. Einer kam zu uns an die Treppe, hielt uns etwas hin und Mutter sagte: Nimm's! Es war das erste Kaugummi. Dieser schwarze Mann lachte und hatte ein mordsweißes Gebiss im Gesicht. Für uns Kinder etwas ganz Neues", berichtet Kleis eindrücklich.

Die US-Soldaten, die in Kirkel auf keine Gegenwehr der Wehrmacht oder Waffen-SS mehr stießen, richteten sich in und um die Gaststätte "Lottchen" häuslich ein. "Dann kamen die Hausdurchsuchungen. Bei uns fanden sie kein Hitlerbild, wir hatten nämlich keines, der ‚Mein Kampf' lag im Küchenschrank unter dem Kochbuch, den fanden sie nicht, aber die Eisenbahnermütze von Tante Elses Vater nahmen sie triumphierend mit und hingen sie am Jeep freudestrahlend auf. Alles, was nach Uniform aussah, machte ihnen große Freude", schildert Ortrud Kleis die Begeisterung der GIs über vermeintliche Nazi-Trophäen. "Am 20. März 1945 war für uns der Krieg vorbei. Die Matratzen kamen wieder aus dem Keller und wir zogen in unsere Betten im Schlafzimmer. Ich stieg mit meinem Kissen vor dem Bauch die Kellertreppe hinauf und sang: Der Kriesch iss aus, der Kriesch iss aus!", so die Rentnerin, die ihre Erinnerungen auch niedergeschrieben hat.

Welche Befreiung, nicht nur von den Nazis, die Ankunft der US-Soldaten für die Bürger war, beschreibt Kleis ebenso: In den Wochen und Monaten zuvor hatten bedrohliche Kurzwörter den Kindern Angst und Gänsehaut bereitet: "Ari-Beschuss" und "Jabos", also Artillerie-Feuer und Jagdbomber der Amerikaner, zwangen sie auch am helllichten Tag in den frisch gegrabenen Stollen unterhalb des Kirkeler Burgturms. Der gewaltige rotbraune Erdhaufen, der von dem Stollenbau zeugte, war für die niedrig fliegenden Bomber ein beliebtes Ziel. "Vom Burgberg konnten wir am 14. März Richtung Osten den feuerroten Himmel sehen, der von dem Bombenteppich auf Zweibrücken und Homburg kündete", sagt Ortrud Kleis.

Für sie und ihre Familie war die Befreiung doppelt wichtig, denn der Vater hatte vor 1935 als Sozialist gegen den Anschluss an Hitler-Deutschland (für den Status quo, also das Völkerbundsmandat) geworben und musste nach der Volksabstimmung wie tausende andere Saarländer vor den Nazis nach Frankreich fliehen. Er überlebte den Zweiten Weltkrieg nur deshalb, weil er als Bergmann dringend gebraucht wurde, zuletzt im Harz im Mittelbau Dora, wo das NS-Regime die Vergeltungswaffen (V-2) untertage weiterbaute, nachdem die Werke in Peenemünde zerbombt worden waren. "Wir waren nur drei Familien von Status-quo-lern im Dorf", sagt Ortrud Kleis. Kirkel war eine Nazi-Hochburg während der Völkerbund-Zeit, stellte mit Heinrich Welsch am 1. Januar 1933 den ersten NSDAP-Bürgermeister im Saargebiet überhaupt, wie es in der "Verdrängten Geschichte", herausgegeben vom Saarpfalz-Kreis, heißt. 1955, nach der zweiten Saar-Abstimmung und dem Rücktritt der Regierung Johannes Hoffmann (CVP), wurde Welsch Ministerpräsident des Saarlandes.