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Das Leben von Max Slevogt
Der Privatmann hinter der Staffelei war nicht nur Genussmensch

Die Work-Life-Balance stimmte: So erlebte Max Slevogt 1904/1905 eine „Meditation“. Zigarrenrauchen war seine Leidenschaft: (Titelblatt zu der Folge „Schwarze Szenen“, Radierung).
Die Work-Life-Balance stimmte: So erlebte Max Slevogt 1904/1905 eine „Meditation“. Zigarrenrauchen war seine Leidenschaft: (Titelblatt zu der Folge „Schwarze Szenen“, Radierung). FOTO: Stiftung Saarländischer Kulturbesitz / Foto: Stiftung Saarländischer Kulturbesitz
Saarbrücken. Zum 150. Geburtstag: Das sind die regionalen Wurzeln des berühmten Künstlers Max Slevogt. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

20. September 1932, ein gewittriger Spätsommertag. Um 15.30 Uhr, nach einem Unwetter, starb Max Slevogt (1868-1932) auf seinem Hofgut Neukastel im süd­pfälzischen Dorf Leinsweiler. Noch im August hatte der 64-Jährige geschrieben: „Dieses Jahr ist die Luft mit teuflischen Strömen geladen“. Das passt: Slevogt war immer schon fasziniert von großen Auftritten und pathetischen Momenten, seien es Sonnenuntergänge, Opernarien oder Löwenjagdszenen. So kennt man ihn, denn so spiegelt ihn sein Werk. In diesem Jahr, in dem sich Slevogts Geburtstag am 8. Oktober zum 150. Mal jährt, wird es gleich an drei Orten, in Mainz, Hannover und in Saarbrücken, wieder erfahrbar. Und ja, die Kunst erzählt bereits sehr viel über den Menschen Slevogt.  Selbstporträts zeigen den Zigarren-Fan, mondäne Porträts enthüllen die Zugehörigkeit zur großbürgerlichen und intellektuellen Elite seiner Zeit und ekstatische Tanzszenen die Vorliebe für alles Theatrale. Zum Katzenliebhaber Slevogt schlagen die Raubkatzen-Gemälde einen Bogen, die 1901 im Frankfurter Zoo entstanden. Zeitweise soll Slevogt bis zu 40 Katzen gehabt haben. Und muntere Strand- und Picknickszenen in süffigen Sommerlandschaften lassen keinen Zweifel daran aufkommen, wie dionysisch-diesseitig Slevogt zu leben verstand. „Heute ist es viel zu schön zum Malen“, verfügte er nicht selten. Die „Work-Life-Balance“ stimmte. Dazu treten der sehr temperamentvolle Farbauftrag in den Gemälden und der satirisch zupackende Pinselstrich in den Buchillustrationen – fertig ist das Bild des vitalen Genussmenschen, vom Naturburschen und Actionpainters unter freiem Himmel.



Von 1909 an wählte sich Slevogt, der in Berlin zur Maler-Avantgarde zählte und gut verdiente, die Südpfalz zur Wahlheimat. Seine Frau Antonie Finkler, die er 1898 heiratete, stammte von dort. In Godramstein, in der Villa seiner  Schwiegereltern, verbrachte Slevogt von 1909 an regelmäßig die Sommermonate. 1914 erwarb er dann selbst einen Bauernhof und machte ihn zum repräsentativen Herrensitz mit Bibliothek und Musikzimmer. Man sieht ihn also vor sich, den Malerfürsten in der deutschen Toskana, inmitten blühender Gärten und Weinhänge. Doch wer war der Privatmann hinter der Staffelei? Ein dauerkränkelnder Mann, von Gicht und Erkältungen oft wochenlang ins Bett verbannt. Über seine schwächelnde Gesundheit berichtet Slevogt häufig in seinen Briefen, klagt auch oft über das Wetter. 277 davon besitzt das Saarlandmuseum, Dr. Eva Wolf hat sie erstmals in Gänze ediert. Über 480 Seiten dick ist dieses Buch geworden, dank 139 lebenspraller Zeichnungen, mit denen der Künstler seine Post an Freunde und Geschäftspartner spontan versah.

Trotzdem eignen sich die Briefe, zumindest die in Saarbrücken aufbewahrten, kaum für ein Psychogramm, denn Slevogt enthüllt nichts Intimes, auch seine krisenfreie, glückliche Ehe bleibt nahezu ausgespart. Ton und Inhalt der Briefe, selbst gegenüber seinem aus St. Ingbert stammenden Freund Heinrich Kohl, auf dessen Slevogt-Sammlung der kapitale Bestand des Saarlandmuseums zurückgeht, klingen über weite Strecken geschäftsmäßig. Es geht um Personalintrigen in Museen, um Aufträge und Referenzen, um den Frust, dass Bayreuth ihn, den Richard-Wagner-Verehrer, nicht als Bühnenbildner ruft. Um Stress, den die Versorgung mit Arbeitsmaterialien verursacht, nachdem die Pfalz nach dem Ersten Weltkrieg französisch besetzt war. Auch die Verbindungen ins Saarland spielen keine Rolle, nur an zwei Briefstellen taucht Saarbrücken auf. Dabei gab es familiäre Wurzeln, Kindheitserfahrungen. Slevogts Mutter Sophia Caroline Lucas wurde 1840 in St. Johann geboren, ihr Vater war Müller der Gipsmühle in Brebach. Slevogt malte sie 1885, das Bild ist in der Modernen Galerie zu sehen. Slevogts Vater wiederum war beim Militär in Landau, er starb im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Die musische Mutter zog nach Bayern um, ermöglichte dem Sohn eine Akademie-Ausbildung zum Maler. Doch der eckte in München mit seinen „modernen“ Themen an, wurde zu „Slevogt, dem Schrecklichen“. Erst durch den Kontakt mit den Brüdern Cassirer gelang ab 1901 der Aufstieg in die Berliner VIP-Szene der Kunst.



Wie sieht ihn die Saarbrücker Wissenschaftlerin Eva Wolf, nachdem sie über zwei Jahre tief in seine Korrespondenz abtauchte? „Er war mir sympathisch. Er macht kein Geheimnis aus sich.“ Wohl wahr. Mysterien und Abgründe hat dieser Geerdete wohl nicht zu bieten.

Die von den Franzosen besetzte Südpfalz wurde nach dem Ersten Weltkrieg vom Paradies zum Kerker:  Das „Selbstbildnis auf der Terrasse von Neukastel“  entstand 1918/19.
Die von den Franzosen besetzte Südpfalz wurde nach dem Ersten Weltkrieg vom Paradies zum Kerker:  Das „Selbstbildnis auf der Terrasse von Neukastel“  entstand 1918/19. FOTO: Stftung Saarländischer Kulturbesitz / Raphael Maass