Gesichter in der namenlosen Masse

Gesichter in der namenlosen Masse

Saarlouis. Stolpersteine erinnern stellvertretend an die Masse der Opfer des Nazi-Regimes. Doch hinter jedem Stein steht auch ein Schicksal. Zwölftklässler des Max-Planck-Gymnasiums recherchierten diese Geschichten. Unter den Opfern waren jüdische Familien wie die Familien Cahn und Meyer. Die jüdische Kaufmannsfamilie Cahn bewohnte ein stattliches Haus im Kaiser-Friedrich-Ring 25

Saarlouis. Stolpersteine erinnern stellvertretend an die Masse der Opfer des Nazi-Regimes. Doch hinter jedem Stein steht auch ein Schicksal. Zwölftklässler des Max-Planck-Gymnasiums recherchierten diese Geschichten.Unter den Opfern waren jüdische Familien wie die Familien Cahn und Meyer. Die jüdische Kaufmannsfamilie Cahn bewohnte ein stattliches Haus im Kaiser-Friedrich-Ring 25. Leo Cahn und seine Frau Emilie (genannt Julie, geborene Fribourg) sowie seine Schwägerin Leonie (geborene Fribourg) wurden ermordet. Julia Barsowski und Janna Kessler recherchierten: "In der Reichspogromnacht 1938 wird die Wohnung der Cahns verwüstet. Leo Cahn muss das Haus der Familie für einen Spottpreis auf Druck der NSDAP-Kreisleitung an den Landkreis verkaufen." Leo und Emilie flüchteten nach Amsterdam, Leonie nach Frankreich - doch das Exil ist keine Rettung. "Leonie Cahn wird nach Theresienstadt deportiert und im KZ Treblinka 1942 ermordet. Leo Cahn und seine Frau Julie werden in das Vernichtungslager Sobibor gebracht."

Ganze Familien deportiert

Der Geschäftsmann Hans Meyer, seine Frau Martha Rosa (geborene Hanau) und Tochter Helga Johanna wohnen in der Professor-Notton-Straße. "Hans Meyer verlässt mit seiner Familie 1936 Deutschland und emigriert in die Niederlande. Im Sommer 1942 beginnt auch in den Niederlanden die Deportation der Juden. Hans, Martha Rosa und Helga Johanna werden in das KZ Auschwitz deportiert und vergast", berichtet Tobias Ditzler.

Der Arzt Dr. Ludwig Wolff war während des Medizinstudiums Mitglied einer schlagenden Studentenverbindung geworden, deshalb wird er aus der jüdischen Gemeinde ausgeschlossen. In Saarlouis praktiziert er ab 1920 als angesehener Arzt. "Nach Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wird er dazu gezwungen, sein Praxisschild in "Ludwig Israel Wolff, Krankenbehandler" umzuändern. Deshalb kommen nur noch wenige Patienten in seine Praxis", berichten Julia Barsowski und Janna Kessler.

Wolff hielt politische Verbrechen in Deutschland aber nicht für möglich und blieb. "Im Zug der Gewalttätigkeit bei der Pogromnacht in Saarlouis wird Dr. Wolff in das Konzentrationslager Dachau deportiert. 1939 wird er von seinen Verbindungsbrüdern freigekauft, wird allerdings gezwungen, nach Shanghai auszuwandern", fanden die Schülerinnen heraus. Im Exil stirbt Wolff 1941.

Politisch Verfolgte

Auch politische Verfolgungen gehörten zum Alltag der Nazi-Zeit: Der Kommunist Fritz Ellmer, verheiratet mit der Jüdin Hella (geborene Edelstein), floh vor den Nazis von Preußen nach Saarlouis. "Er ist kommunistischer Stadtverordneter und agitiert im Abstimmungskampf gegen den Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland", recherchierte Thomas Kunzler. 1935 emigriert Ellmer mit seiner Frau Hella nach Paris. 1941 wird er verhaftet und stirbt am 20. Juli 1942 im KZ Oranienburg-Sachsenhausen. Von 1945 bis 1951 war in Saarlouis eine Straße nach Ellmer benannt, jedoch wurde sie 1951 in Albrecht-Dürer-Straße umbenannt, fand Kunzler heraus.

Auch nach Peter Berger wird 1945 eine Straße benannt, aber 1951 in Johann-Sebastian-Bach-Straße umgetauft. Peter Berger ist in der Sonnenstraße 8 als orthopädischer Schuhmachermeister tätig. Als überzeugter Pazifist und Mitglied der kommunistischen Partei wird er Fraktionsvorsitzender der KPD im Stadtrat. Nach der Saarabstimmung muss er 1935 mit seiner Familie nach Frankreich fliehen, kehrt jedoch bald nach Saarlouis zurück. Berger wird in den folgenden Jahren immer wieder Opfer von Willkürmaßnahmen des NS-Staates: "Verhaftet, wieder freigelassen, zur Wehrmacht eingezogen, wegen Erblindung entlassen, 1944 erneut verhaftet wird er über das Gestapo-Lager "Neue Bremm" in das KZ-Dachau verschleppt und dort im März 1945 ermordet", schildert Mandy Thinnes sein Schicksal. Für seine Enkelin Brigitte Berger, die heute noch in Saarlouis lebt, ist die späte Ehrung sehr wichtig: "Es ist keine Wiedergutmachung, aber eine Genugtuung, dass ein Widerstandskämpfer in seiner Stadt geehrt wird." Ihr Onkel Nikolaus Berger, Schuhmacher in Rehlingen, lässt sich 1935 im thüringischen Suhl nieder. "Doch dort wird er 1938 verhaftet und im Dezember 1941 im KZ Mauthausen umgebracht."

Auch zwei Euthanasieopfern wird in Saarlouis mit Steinen gedacht. Walter Löb erinnert sich an das Schicksal seiner Schwester: "Meine zu der Zeit zehnjährige Schwester Marlies wurde gegen den Willen meiner Mutter von zu Hause einfach abgeholt und weggebracht. Marlies hatte Wachstumsstörungen, war aber ansonsten gesund. Sie wurde in Idstein im Taunus, in einem Heim, untergebracht." Der verzweifelte Versuch, Marlies zur Familie zurückzuholen, scheiterte, beschreibt Löb: "Marlies wurde nach Hadamar verlegt. Zwei Monate später erhielten wir dann von dort ein kurzes Telegramm, dass meine Schwester an einem Hirnschlag verstorben wäre."

Joseph Keil litt am Down-Syndrom. Die Familie wohnte in Lisdorf, Provinzialstraße 88. "Die Familie nennt ihn liebevoll Bubbi", fanden Sonja Haben und Tamara Plath heraus. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten änderte sich die Einstellung gegenüber Behinderten: 1936 wird Joseph in das Vincenzstift nach Aulhausen eingewiesen. Aus der Patientenakte geht hervor, dass Joseph in die Heilerziehungs- und Pflegeanstalt nach Nassau-Scheuern verlegt wird, wo er 1938 verstirbt.

Fritz Ellmer.
Marlies Löb 1940 in der Evakuierung in Thüringen.
Helga Johanna, Martha Rosa, Hans und Paul Meyer (von links). Foto: Mark M. Meyer.

Den zwölf Stolpersteinen sollen in den nächsten Jahren weitere folgen, kündigte das Kulturamt der Stadt Saarlouis an.

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