1. Saarland

Gegen das Vergessen

Gegen das Vergessen

Auf den Spuren des Nazi-Regimes wird man im Saarland durchaus fündig, wenn man denn suchen und sehen will. Es sei erinnert an den "Platz des Unsichtbaren Mahnmals" vor dem Saarbrücker Schloss

Auf den Spuren des Nazi-Regimes wird man im Saarland durchaus fündig, wenn man denn suchen und sehen will. Es sei erinnert an den "Platz des Unsichtbaren Mahnmals" vor dem Saarbrücker Schloss. Das Konzept eines nicht sichtbaren Mahnmals geht zurück auf die Initiative des Kunstprofessors Jochen Gerz und mehrerer Studenten, die zwischen April 1990 und Mai 1993 - zunächst heimlich! - begannen, in die Pflastersteine des Schlossplatzes Namen ehemaliger jüdischer Friedhöfe einzumeißeln und diese Steine anschließend, mit der Beschriftung nach unten, wieder in das bestehende Pflaster einzufügen. Diese Idee wurde dann legalisiert durch einen Beschluss des Stadtverbandtages in Saarbrücken im Jahre 1991. Die Realisierung war mit der Übergabe des Mahnmals im Mai 1993 an die Öffentlichkeit abgeschlossen. Insgesamt 2146 Ortsnamen jüdischer Friedhöfe, die bis zum Jahr 1933 bestanden hatten, liegen bis heute - unsichtbar - dort. Auf diese Weise soll die Verdrängung der Geschichte symbolisiert sein.Sichtbarer erfassbar ist die original erhaltene Gestapo-Arrestzelle im Keller des Historischen Museums, an deren Wänden noch Inschriften der inhaftierten Opfer zu sehen sind. In der nah gelegenen Justizvollzugsanstalt Lerchesflur war übrigens das Gestapogefängnis und in der Polizeihochschule in der Mainzer Straße das Auffanglager für Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich vor der Saarabstimmung.

Eine Begehung des ehemaligen Gestapo-Lagers "Goldene Bremm" verdeutlicht besonders die Schreckensherrschaft der Nazi-Zeit. Politisch Verfolgte, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Widerstandkämpfer waren hier wie dort die Opfer.

Aber es gibt keine wirklich authentischen Orte bei uns, die sich mit der Vernichtung und Deportation der jüdischen Bevölkerung verbinden lassen. Das hat mit unserer Sonderrolle des bis 1935 unter Aufsicht des Völkerbundes stehenden Landes zu tun.

Gegen das Vergessen setzt man in den letzten Jahren daher neue Signale. Landesweit überziehen die "Stolpersteine" die Städte und Orte. Auch in Merzig gibt es eine entsprechende Initiative der Stadt in Zusammenarbeit mit engagierten Mitbürgern, die noch in diesem Jahr zur Ausführung sprich Verlegung kommen soll. Die "Stolpersteine" sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, Köln. Diese kleinen Betonsteine mit individuellen Inschriften auf Messingtafeln werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer an passender Stelle eingelegt.

Ein Großprojekt der Stadt Saarbrücken: "Der unterbrochene Wald" des Bildhauers Ariel Auslender wird ab Herbst 2012 als Mahnmal des Erinnerns an die ermordeten Juden auf dem neuen Rabbiner-Rülf-Platz zwischen Saar-Center und vorderer Dudweiler Straße gebaut. Die Fertigstellung und Einweihung ist für November 2013 vorgesehen "Die Skulpturengruppe aus 40 in Bronze gegossenen, gesägten Baumstämme assoziiert ein handgreifliches Bild für Verlust und brutal gekappte Tradition", wie die Jury vor einigen Wochen urteilte. Das Mahnmal gedenkt aller ermordeten saarländischen Juden und wird durch die zentrale Platzierung bis zu den Treppen am Saarufer sicherlich ins Auge fallen. Die Namensgebung erinnert an den Rabbiner Friedrich (Schlomo) Rülf, der von Herbst 1929 an bis Anfang Januar 1935 in der jüdischen Gemeinde in Saarbrücken tätig war. Er initiierte viele soziale Einrichtungen für diese. Auch gelang es ihm, noch im Frühjahr 1934 in der Landeshauptstadt eine jüdische Volksschule zu errichten. Die besonders unter dem öffentlichen Druck leidenden Schüler entzog er dadurch eine kurze Zeit dem Mob. Er war Mitgründer eines jüdischen Komitees, welches im Untergrund gegen den Nationalsozialismus kämpfte. In der Öffentlichkeit musste sich die jüdische Gemeinde allerdings zurückhalten in der Frage der Volksabstimmung 1935, um ihre Mitglieder nicht zu gefährden. Man geht davon aus, dass der Großteil der saarländischen Juden für die Beibehaltung der Völkerbundverwaltung war, was aber am überwältigen Abstimmungsergebnis "Heim ins Reich" leider nichts änderte. Hervorzuheben ist besonders, dass Friedrich Rülf am Zustandekommen des Römischen Abkommens zwischen dem Völkerbund und dem Deutschen Reich vom 3. Dezember 1934 maßgeblich beteiligt war, was zur Folge hatte, dass die saarländischen Juden noch bis zum 29. Februar 1936 unbehelligt blieben, ihr Hab und Gut "in Ruhe" verkaufen konnten und ihnen die freie Ausreise ermöglicht wurde. Friedrich Rülf, der nicht abstimmungsberechtigt war, verließ Anfang Januar 35 das Saargebiet und emigrierte nach Palästina, wo auch für ihn ein mühevoller Neuanfang als Lehrer, zunächst in Jerusalem, startete. Er kehrte nur noch einmal im Jahre 1951 nach Saarbrücken zurück. Zur Einweihung der Synagoge hielt er die Festpredigt und war dann als erster Rabbiner ein Jahr für die Synagogengemeinde Saar tätig. Er gründete in dieser Zeit ein "Israel-Hilfswerk der Saarjuden" mit dem Ziel, eine "Saar-Halle" bauen zu lassen in Nahariya, der Stadt in Israel, wo er seit 1937 die Leitung der Chaim-Weizmann-Schule innehatte. Dieses Projekt konnte dann auch im Jahre 1954 dort realisiert werden.

Der Persönlichkeit des Rabbiner Rülf habe ich mich in meiner Darstellung etwas ausführlicher gewidmet, um aufzuzeigen, dass zu Recht diesem mutigen und engagierten Juden - stellvertretend für andere - die Ehre der Erinnerung durch den Platz und das Mahnmal zuteil wird. Sicherlich könnte die Auflistung von Erinnerungsorten im Saarland hier noch weiter fortgesetzt werden, aber das ist nicht eigentlich der Ansatz dieses Abschlussartikels der jetzigen SZ-Serie "Jüdisches Leben in Merzig".

Unsere Arbeitsgruppe "Jüdische Geschichte der Stadt Merzig" blickt auf ihr bisheriges Tun zurück und zieht Bilanz. Unsere Mittel sind sehr viel bescheidener als andernorts (und unsere Zeit erst recht!). Wir hoffen aber trotzdem, durch unsere Recherchen, Darstellungen und Aktionen etwas Wirkung erzielt zu haben. Sei es durch die Feierstunde im vergangenen Jahr aus Anlass des 150. Todestages "unseres" berühmten Merziger Rabbiners Moses Isack Levy, dessen Bild bis dato buchstäblich nur vage geblieben war. Auch gelang es, mit Hartnäckigkeit das frühere Wohnhaus des Gelehrten und seiner Familie in der Wagnerstraße ausfindig zu machen. Seitdem weist eine Gedenkplatte darauf hin. Einheimische und Besucher finden weitere Spuren der ehemaligen jüdischen Gemeinde Merzig wie den Synagogengedenkplatz Ecke Reh- und Synagogenstraße und den jüdischen Friedhof. Auch in den Stadtteilen Hilbringen und Brotdorf erinnern seit Mai 1984 entsprechende Hinweistafeln an die ehrwürdigen Gotteshäuser der israelitischen Gemeinden. Nennen möchten wir besonders den markanten Gedenkstein für Moses Isack Levy im Park der Andersdenkenden, den Professor Paul Schneider 2004 gestaltet hat. Und nachlesen kann man vieles Weitere in unserer Buchveröffentlichung vom Herbst 2011 " Reb Mosche Merzig und die Jüdische Geschichte der Stadt".

Was hier so nach Eigenlob klingt, soll vielmehr anderen Interessierten aufzeigen, welche Spurensuche möglich ist. Zeitzeugen befragen, Fotos und Dokumente suchen und sammeln, kooperieren. Vermitteln ist möglich, zum Beispiel auch durch themenbezogene Führungen und Flyer seitens der Stadt bzw. der Tourist-Info, durch Arbeitsgruppen in den Schulen und, und, und . . . es bleibt noch viel zu tun! Das Verstehen heutiger aktueller politischer Konflikte (oder eines Gedichtes) wird durch das Forschen und Darlegen der Vergangenheit plausibler. Und ein notwendiger Dialog in Bewegung gesetzt.

Viele sollten dafür sorgen, dass der Wunsch von Anne Frank - stellvertretend für alle Menschen jüdischen Glaubens - "Ich will noch fortleben nach meinem Tode" in Erfüllung geht und Wirklichkeit ist.

Annemay Regler-Repplinger hat diesen Text als Mitglied und im Auftrag der "Arbeitsgruppe Jüdische Geschichte der Stadt Merzig" geschrieben.

Foto: DVA Verlag

"Ich will noch fortleben nach meinem Tode."

Anne Frank,

Tagebucheintrag vom 4. April 1944

Gedenkfeier

Am 21. und 22. Juli 1842 wurde die neue Merziger Synagoge an der Ecke Rehstraße und Neustraße feierlich eingeweiht. Die Arbeitsgruppe "Jüdische Geschichte der Stadt Merzig" nimmt dies zum Anlass zusammen mit der Stadt Merzig und der Synagogengemeinde zu einer kleinen Feierstunde am Sonntag, 22. Juli, um 15 Uhr einzuladen. Treffpunkt ist der Platz der ehemaligen Synagoge in der heutigen Synagogenstraße.

In kurzen Ansprachen und Erläuterungen will man Historie lebendig werden lassen. Daran schließt sich der Gang zum jüdischen Friedhof an, der Ort, wo neben vielen jüdischen Mitbürgern auch der berühmte Talmudlehrer Moses Isack Levy, genannt "Reb Mosche Merzig", nach seinem Tod am 29. September 1861 beerdigt wurde. Eine Gedenkplatte soll dort künftig an ihn und sein Wirken erinnern.

Zum Ausklang sind alle Teilnehmer der Veranstaltung bei einem Ehrenwein, Getränken und weiteren Gesprächen ins Vereinshaus Merzig in der Propsteistraße eingeladen. red