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80. Jahrestag der Reichspogromnacht
„Die SS zwang sie, ein großes Grab vorm Hauptbahnhof zu schaufeln“

Die Saarbrücker Synagoge an der Ecke Futterstraße/Kaiserstraße 1934. Vier Jahre später wurde sie von Nazis niedergebrannt. 
Die Saarbrücker Synagoge an der Ecke Futterstraße/Kaiserstraße 1934. Vier Jahre später wurde sie von Nazis niedergebrannt.  FOTO: Stadtarchiv Saarbrücken
Saarbrücken . Mitglieder des Runden Tischs Erinnerungsarbeit planen für den 80. Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November einen Gedenk-Marsch durch Saarbrücken. Von Dietmar Klostermann
Dietmar Klostermann

Die 22 Mitgliedsorganisationen des „Runden Tischs Erinnerungsarbeit“ im Bildungsministerium haben jetzt eine Gedenkkundgebung aus Anlass des 80. Jahrestags der Reichspogromnacht beschlossen. Wie der Vorsitzende des Synagogengemeinde Saar, Richard Bermann, der SZ sagte, werde am 9. November 2018 ein Marsch durch Saarbrücken stattfinden. „Ich habe beim Runden Tisch erzählt, wie sich 1938 die Grausamkeiten durch die Nazis an den Juden abgespielt haben“, sagte Bermann. 150 jüdische Männer seien von der SS zum Saarbrücker Hauptbahnhof geprügelt worden. „Die bekamen Schaufeln und Hacken in die Hand gedrückt und mussten dann ein großes Grab schaufeln“, sagte Bermann. Die Männer hätten geglaubt, sie würden dort umgebracht werden. Das sei jedoch nicht passiert. Die SS habe die 150 Juden durch die Bahnhofstraße getrieben vor die brennende Synagoge an der Ecke Futterstraße/Kaiserstraße. „Dort wurden den Männern zur Lächerlichmachung vor den Zuschauern Blechtrommeln um den Hals gehängt, man hat ihnen Stempel der Gemeinde auf die Stirn gedrückt und sie mussten dann hebräische Lieder singen“, berichtet der Chef der Synagogengemeinde. Dann habe die SS die geschundenen Männer mit roher Gewalt über den St. Johanner Markt und die Alte Brücke hinauf zum Schloss gestoßen. Dort war die Zentrale der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) angesiedelt. „Weil die Zellen dort nicht ausreichten für 150 Männer, hat man einen Teil noch weitergetrieben hinauf auf die Lerchesflur ins dortige Gefängnis“, beschreibt Bermann die Gräueltaten der Nazis, die die saarländischen Bürger jüdischen Glaubens erleiden mussten. Dort sei  ein Todesfall eingetreten. „Ein jüdischer Mann aus der Karcherstraße, der durch die Schläge schwer verletzt war, durfte nicht von Ärzten behandelt werden. Er ist im Lerchesflur-Gefängnis am 13. November 1938 an den Folgen der Schläge gestorben“, erklärt  Bermann. Das war ein Mord durch unterlassene Hilfeleistung.


Die anderen Inhaftierten seien mit einem Sammeltransport für drei Monate in das bayerische Konzentrationslager Dachau gebracht worden. Die Männer seien danach nach Saarbrücken zurückgekehrt.

„Diesen Marsch, den die 150 Juden in Saarbrücken am 9. November 1938 von der SS gezwungen antreten mussten, werden wir gemeinsam mit Mitgliedern der 22 Organisationen des Runden Tisches am 9. November 2018 nachgehen“, betonte Bermann. Auch Landtagpräsident Stephan Toscani (CDU) habe bereits seine schriftliche Zusage gegeben, dass er sich beteiligen und den Mahngang komplett mitgehen werde. Zudem habe auch die Saarbrücker Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD) zugesagt. „Britz und Toscani werden auch sprechen“, sagte Bermann.



Es werde drei Stationen auf dem Mahnmarsch geben. Am Hauptbahnhof solle der neue Vorsitzende des Sprecherrats der Landesarbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit, die am 6. September den bisherigen Runden Tisch Erinnerungsarbeit ablösen werde, sprechen. Er selbst werde auf den Anlass des Marsches hinweisen. Am Brunnen an der Ecke Bahnhofstraße/Sulzbachstraße werde das Adolf-Bender-Zentrum Plakatwände errichten und Mitglieder des Staatstheaters würden dort Gedichte vortragen, die jüdische Kinder in den KZs aufgeschrieben hätten.

An der Ecke Futterstraße/Kaiserstraße, wo die ehemalige Synagoge stand, werde Britz sprechen. Auf dem Vorplatz der Synagoge am Beethovenplatz werde es eine Lichter-Demonstration geben. „Mit rund 1000 Kerzen werden wir die Worte „Nie wieder!“ schreiben“, so Bermann. Der Klezmer-Musiker Helmut Eisel und ein zweiter Musiker würden dort musizieren und die Teilnehmer dann in die Synagoge führen. Dort finde dann begleitet von der Orgel ein Gedenken statt.

Dieses Programm sei bei einer Sitzung des Runden Tisches Erinnerungsarbeit so festgelegt worden, erklärte Bermann.