Galions-Figur der Grünen geht

Kreis Neunkirchen. "Auf dieser Seite informieren wir, welche Inhalte im Kreistag seitens der Grünen umgesetzt bzw. auf den Weg gebracht werden" heißt es auf der Internet-Homepage des Grünen-Kreisverbandes Neunkirchen, wenn man "News" anklickt. Das ist überholt

 Verbunden mit der grünen Prominenz zeigte sich Bernd Thul (links) noch vor genau zwei Jahren beim Politischen Aschermittwoch der Saar-Grünen. Er ließ sich mit "Stargast" Cem Özdemir, dem Bundevorsitzenden der Grünen, ablichten. Foto: Grüne

Verbunden mit der grünen Prominenz zeigte sich Bernd Thul (links) noch vor genau zwei Jahren beim Politischen Aschermittwoch der Saar-Grünen. Er ließ sich mit "Stargast" Cem Özdemir, dem Bundevorsitzenden der Grünen, ablichten. Foto: Grüne

Kreis Neunkirchen. "Auf dieser Seite informieren wir, welche Inhalte im Kreistag seitens der Grünen umgesetzt bzw. auf den Weg gebracht werden" heißt es auf der Internet-Homepage des Grünen-Kreisverbandes Neunkirchen, wenn man "News" anklickt. Das ist überholt. Die Grünen sind aus der Kreistagsrunde herausgefallen, weil Bernd Thul, der 2003 bei den Grünen eingetreten war und sie seit der Wahl 2009 im Kreistag als "grüner Einzelkämpfer" repräsentiert hat, die Partei verlassen hat. Seine Ämter als Kreisvorsitzender und Beisitzer im Landesvorstand hat er zuvor niedergelegt. Thul stellt nun einen Aufnahmeantrag bei der SPD und will sein Mandat dahin mitnehmen. Damit werden im Kreistag nur noch vier Parteien vertreten sein: SPD (bisher 14, dann 15 Sitze), CDU (11), Linke (5), FDP (2). An den Mehrheitsverhältnissen ändert dies im Grundsatz nichts - die Koalition aus SPD und Linken wird mit einer dazugewonnenen Stimme weiterarbeiten.Für Bernd Thul, der nach eigener Aussage schon ein dreiviertel Jahr über diesen Schritt nachgedacht hat, ist das Taktieren seines Landesvorstandes unerträglich geworden. In der öffentlichen Begründung seines Austritts fährt der 51-Jährige schweres Geschütz gegen Landeschef Ulrich auf. "Hubert Ulrich hat sich ein Imperium geschaffen, dass alle Kritik im Keime erstickt und die Wortführer der Partei ausschließt", heißt es da. Thul kritisiert hart, dass die Linke bei Ulrich und seinen Getreuen zunächst nicht hoffähig waren, nun aber "in diametralem Gegensatz" dazu eine Verfassungsänderung zu Gunsten der Schulreform mit Hilfe der Linken bevorsteht. Auch dass der Landesvorstand am Samstag "lieber in ein Hotel zur Klausur geht" statt die Baden-Württemberg-Grünen im Wahlkampf bei einer Menschenkette gegen Atomenergie zu unterstützen, stößt dem ausgewiesenen Atomgegner Thul sauer auf. Das Fass zum Überlaufen brachte wohl das jüngste Taktieren um die Grünen-Position in Sachen Hartz-IV-Reform. "Das war nur geprägt von Machthunger und nicht vom Interesse den Betroffenen zu helfen!", so Thul.

Seine künftige Wirkungsstätte sieht Thul bei der SPD, der er bescheinigt, dass sie sich an "den Anliegen der Menschen von der Straße" orientiert. "CDU und FDP kamen wegen ihrer Atompolitik nicht in Frage", so Thul zur SZ. Er sehe nun die Chance, viele Umweltanliegen umzusetzen. Und noch etwas will der Bartträger festgehalten wissen: Es habe keinen Kuhhandel bei seinem Übertritt gegeben. "Der Wechsel bedeutet keinen einzigen, wie auch immer gearteten persönlichen Vorteil für mich, auch wenn dies von dem Panzer aus Saarlouis oder einem seiner Vasallen behauptet werden wird!"

Prompt forderte gestern Grünen-Landesgeschäftsführer Markus Tressel dazu auf, sein Mandat zurückzugeben. Er habe sich "von der SPD einkaufen lassen". Die SPD, das liegt nahe, zeigt sich erfreuter. "Ich denke, dass er beim Thema Umwelt eine Bereicherung für uns ist", so Kreischefin Cornelia Hoffmann-Bethscheider auf SZ-Anfrage. Man habe Bernd Thul 2009 im Oberbürgermeister-Wahlkampf als fairen Konkurrenten schätzen gelernt, merkte die Neunkircher SPD-Landtagsabgeordnete Gisela Kolb an. Damals wollte der gelernte Erzieher und Wirtschaftsinformatiker Thul noch grüner OB von Neunkirchen werden. "Ich bin ein Nicht-

Schubladen-Typ."

Selbsteinschätzung von Bernd Thul

Meinung

Grünes Loch

auf Kreisebene

Von SZ-RedakteurGunther Thomas

Es ist müßig, darüber zu streiten, ob Bernd Thul sein Kreistagsmandat niederlegen sollte. Der Ratssitz ist nun mal personengebundenen, auch wenn die "verlassenen" Parteien verständlicherweise regelmäßig "Verrat am Wähler" reklamieren. Thul hinterlässt nun ein "großes, grünes Loch" auf Kreisebene. Denn er war im öffentlichen Erscheinungsbild Repräsentant der Grünen schlechthin - als Kreisvorsitzender nahezu Solist, im Kreistag grüner Einzelkämpfer. Nun muss sich zeigen, ob die Schnittmenge des eher konservativ eingeschätzten Politikers mit den Sozialdemokraten ausreicht. Ob die Klammer Umweltpolitik stark genug ist. Zumindest in Sachen Rot-Rot wird sich Thul umstellen müssen: Der entschiedene Jamaika-Befürworter kreidet der Grünen-Landesspitze an, dass sie ihre Schulreform-Pläne nun mit Hilfe der Linkspartei durchsetzen will. Als künftiges Mitglied der SPD-Fraktion im Kreistag muss er akzeptieren, dass seine neue Partei ihre Ziele auf Kreisebene in Zusammenarbeit mit der Linken realisiert.