Furioser Auftakt der St. Ingberter Pfanne

Kleinkunstpreis : Starker Auftakt der St. Ingberter Pfanne

„Elternzeit“-Geplänkel, „Wahlgesänge“ und ein „anatolischer Hildebrandt“: Willkommen beim Kleinkunstpreis, Tag 1.

Der Besuch des ersten Abends beim Kleinkunstpreis St. Ingberter Pfanne ist wie der Besuch bei einem guten alten Freund: Man weiß genau, wie die Begrüßung abläuft. Erst spricht Oberbürgermeister Hans Wagner (parteilos), dann Kultusminister Ulrich Commerçon (SPD); anschließend trägt Moderator Philipp Scharrenberg in Slammer-Manier selbstgereimte Wortakrobatik vor – und schwupps sind wieder 45 Minuten Verspätung herbei gequasselt. Und das, obwohl Scharrenberg diesmal auf eine ausführliche Erläuterung der Wettbewerbs-Regeln verzichtete, weil das Stammpublikum ohnehin in der Überzahl und mit dem Reglement vertraut ist. Wobei der Moderator am Samstag beim Blick in den Saal feststellte, dass die Fans der Pfanne angeblich immer jünger werden. Das wäre, angesichts des allgemeinen Jammers über die Vergreisung oder gar das Aussterben des Kabarettpublikums, doch tatsächlich mal eine gute Nachricht.

Etwas anderes kann einem dagegen Sorgen machen: Einer Übermacht von elf männlichen Solo-Künstlern steht im Wettbewerb nur ein einziges Frauen-Ensemble gegenüber. Sollte es um das weibliche Kleinkunst-Potenzial so schlecht bestellt sein? Commerçon jedenfalls kündigte den Zuschauern „die Besten der Besten“ an und meinte augenzwinkernd: „Sie kommen ja sowieso nur wegen der Grußworte.“

Nach besagt ausgiebigem Vorspiel durfte mit Sebastian Lehmann endlich der erste Wettbewerber auf die Bühne der vollen St. Ingberter Stadthalle. Regelmäßig telefoniert der Wahl-Berliner mit seinen Eltern in Freiburg, und diese fiktiven, satirisch überspitzten Dialoge – unter dem Nenner „Elternzeit“ auch als Radiokolumne zu hören – liest er im Sitzen vor. Eine ziemlich statische Angelegenheit, aber durch pointierten Vortrag und den gezielten Einsatz von Running Gags bringt der Comedian die Wortwechsel recht lebendig rüber. Dabei offenbaren sich nicht nur ein Stadt-Land-Gefälle, sondern die üblichen Generationenkonflikte, unerfüllten Erwartungshaltungen und die ewige Besorgnis der Eltern gegenüber dem vermeintlich nicht lebenstüchtigen Nachwuchs. Daneben dokumentiert Lehmann auch Gespräche mit anderen Zeitgenossen und offenbart dabei sowohl seine Sensibilität gegenüber Vorurteilen und denkwürdigen Begrifflichkeiten wie seine Hilflosigkeit im Umgang mit Kindern, die seinen Zynismus tiefenpsychologisch ausbremsen. Das ist so komisch wie die krude Natur- und Liebeslyrik, die Lehmann aus ungelenken Google-Übersetzungen der Texte von Pop- und Schlagerhits erdichtet.

Mehr Applaus ernteten freilich die „Wahlgesänge“ seines Kontrahenten William Wahl: Bekannt als Mitglied der a-cappella-Formation „Basta“, ist Wahl solistisch als Klavier-Kabarettist unterwegs und gibt musikalische Hilfestellungen für realistisch umdüsterte Romantiker. Immer nur nett sein? Lieber kultiviert Wahl leisen Spott und offene Schadenfreude, mit einer Bandbreite von groovigem Boogie Woogie über Chanson und Pop bis zum retrocharmanten Couplet in memoriam Georg Kreisler – ob er nun seiner Ex von Herzen nur das Beste wünscht oder mit der Ummünzung von ABBAs „Chiquitita“ in „Schicke Kita“ überbehütenden Brutpflegern eins überbrät. Stimmlich beherrscht Wahl dabei alle Timbres von zerbrechlich bis zornig, und auch mit zweifelhafter Musikpädagogik und kalauernden Wortspielen zum Mitmachen konnte er punkten.

Fatih Cevikkolu bei der St. Ingberter Pfanne 2019. Foto: Kerstin Krämer
Ebenfalls am ersten Tag dabei: Sebastian Lehmann. Foto: Kerstin Krämer

„Freunde! Brüder! Schwestern!“: Mit temporeichem und durchaus polarisierendem politischem Stand­up-Kabarett und enormer Bühnenpräsenz vereinnahmte und begeisterte zum Abschluss der türkischstämmige Kölner Fatih Çevikkollu. Vor dem Hintergrund des „epochalen Übergangs“ vom industriellen zum digitalen Zeitalter skizzierte und hinterfragte der „anatolische Hildebrandt“ (Scharrenberg) diverse „Fatih-Morganas“, von alternativen Fakten-Blasen bis zu ungewissen Zukunftsszenarien. „Technisch gehen wir durch die Decke, gesellschaftlich gehen wir zurück in die Höhle“, bilanzierte Çevikkollu und lud mit der Forderung „Empathie, Solidarität, Kreativität!“ alle digitalen Migranten zum aufgeklärten Perspektivwechsel ein. Souverän, eloquent, witzig und bestechend brillant – furioser Abschluss eines insgesamt starken Auftaktabends.

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