Frankreich-Strategie im Saarland braucht politisches Engagement

Kostenpflichtiger Inhalt: Weitsicht gefordert : „Das Ziel der Frankreich-Strategie ist nicht unrealistisch“

Saarländische Akteure aus dem Kultur- und Bildungsbereich plädieren für eine weitere Förderung der Sprache der Nachbarn.

Während die saarländische Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) Zweifel an der damals unter Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) initiierten Frankreich-Strategie äußert, erheben sich auch im Bildungsbereich Stimmen, die für ihren Erhalt kämpfen wollen. „Die Zweisprachigkeit einer Region in so kurzer Zeit zu erreichen, ist natürlich ein ambitioniertes Ziel“, sagt Hans Bächle, Leiter des Deutsch-französischen Gymnasiums in Saarbrücken. „Doch die Politik braucht nicht nur leichte, schnell umsetzbare Ziele, sondern auch solche Visionen.“ In einer Grenzregion wie dem Saarland müsse Mehrsprachigkeit das Ziel sein. Er warnt davor, das ehrgeizige Projekt so sehr runterzufahren, dass Französisch hierzulande an Bedeutung verliert. „Das Ziel der Frankreich-Strategie ist nicht unrealistisch. Das Saarland sollte an die Umsetzung weiter arbeiten“, so Bächle. Dabei sei schon einiges erreicht geworden, vor allem im Schul- und Vorschulbereich. „Natürlich ist Englisch heute eine Selbstverständlichkeit, doch Französisch ist das entscheidende Plus, das die Schüler in unserer Grenzregion brauchen.“ Der Vorwurf, dass sich nur die Saarländer darum bemühen würden, die Sprache des Nachbarn zu lernen, kann Bächle nicht nachvollziehen. Im Austausch mit seinen Kollegen auf der anderen Seite der Grenze habe er ähnliche Anstrengungen festgestellt. Das Interesse an Deutsch sei dort auch groß. „Die Hälfte unserer Schüler kommt aus Frankreich, weil sie sich für Deutsch interessieren und weil die Eltern möchten, dass ihre Kinder diese Sprache intensiv lernen“, so der Schulleiter. Ohne politischen Rückenwind sei das ganze Projekt aber nicht umzusetzen.

Ähnlich sieht sieht es auch Martha Kaiser, künstlerische Leiterin des deutsch-französischen Festival für junges Publikum ‚Loostik’, das am Dienstag gestartet ist und in Saarbrücken und Forbach stattfindet. „Das Interesse an der Zweisprachigkeit erleben wir bei ‚Loostik’ jeden Tag. Die Fünf- und Sechsjährigen, die Französisch in der Schule haben, wollen unbedingt die französische Version der Stücke sehen“, erzählt sie. Bei ‚Loostik’ wollen Kaiser und ihre Kollegen Raum für Begegnungen von jungen Deutschen und Franzosen außerhalb der Schule schaffen. „Es ist wichtig, dass die Menschen im Alltag spüren, warum sie die Sprache lernen sollten, zum Beispiel um sich mit Gleichaltrigen zu verständigen.“ Außerdem habe sich das Saarland mit der Strategie einen Alleinstellungsmerkmal auch über die regionalen Grenzen hinaus geschaffen. „Projekte wie Loostik stoßen in Frankreich landesweit auf viel Interesse.“ Sie weiß aber auch, wie wichtig es ist, Geduld und Ausdauer zu haben. „Die Systeme sind unterschiedlich, es gibt einige Hürden zu bewältigen, wenn man grenzüberschreitend arbeiten will. Doch wir feiern dieses Jahr die siebte Auflage von ‚Loostik’, der lange Atem hat sich gelohnt.“

Dass die die Frankreich-Strategie ein langfristig angelegtes Projekt ist, sieht auch die französische Generalkonsulin Catherine Robinet so. „Es handelt sich um eine grundlegende Aufgabe, für die man Geduld zeigen muss. Man kann nicht eine Gesellschaft plötzlich wie mit einem Zauberstab verändern.“ In den Aussagen von Streichert-Clivot sieht sie kein Aus für das Projekt. „Ich zweifle nicht eine Sekunde an dem politischen Willen der saarländischen Regierung, was die Frankreich-Strategie angeht. Doch eine Regierung alleine kann nicht ein solches Vorhaben von oben anordnen. Damit die Frankreich-Strategie gelingt, braucht es eine Akzeptanz in der ganzen Bevölkerung.“

Nicht schnell genug geht es der Vereinigung der Saarländischen Unternehmensverbände (VSU). Neben mehr zweisprachigen Kindergärten einzurichten, müssten auch Hindernisse im im grenzüberschreitenden Wirtschaftsleben abgebaut werden. „Gerade hier hakt es aber weiterhin massiv“, sagt Geschäftsführer Jens Colling. „Unternehmen, die im Nachbarland wirtschaftlich aktiv werden wollen, haben mit erheblichen bürokratischen Hindernissen zu kämpfen.“ Hier würde er sich noch mehr Engagement der Landesregierung wünschen. „Wenn wir wirklich eine Frankreich-Strategie verfolgen wollen, darf es keine Alibi-Veranstaltung sein.“

Mehr von Saarbrücker Zeitung