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Flirten ausdrücklich erlaubt

Flirten ausdrücklich erlaubt

Kreis Neunkirchen. Die Debatte um Sexismus in Deutschland zieht immer weitere Kreise. Einige können es schon nicht mehr hören, andere vertreten die Meinung, dass die Diskussion gerade erst richtig los geht. Wieder andere sind der Meinung, dass die aktuelle Debatte am Kern der Sache vorbei geht

Kreis Neunkirchen. Die Debatte um Sexismus in Deutschland zieht immer weitere Kreise. Einige können es schon nicht mehr hören, andere vertreten die Meinung, dass die Diskussion gerade erst richtig los geht. Wieder andere sind der Meinung, dass die aktuelle Debatte am Kern der Sache vorbei geht. Während sich die fünfte Jahreszeit ihrem Höhepunkt nähert, gibt es kaum eine Kappensitzung, Narrenschau oder andere närrische Veranstaltung, bei der das Thema nicht für den ein oder anderen Scherz herhalten muss. Diesen Umstand hat die Lokalredaktion zum Anlass genommen, Frauen, die im Landkreis Neunkirchen in der Öffentlichkeit stehen, zu fragen, ob und wie sich ihrer Meinung nach die Debatte auf die närrischen Feierlichkeiten auswirkt. Geäußert haben sich die Eppelborner Bürgermeisterin Birgit Müller-Closset (SPD), Nicole Cayrol, Vorsitzende des SPD-Stadtverbandes Ottweiler, und Ulla Karthein, aktive Fastnachterin beim KKV Hoppeditz in Neunkirchen.An Fastnacht wird traditionell gefeiert. Dabei steigt mit fortschreitender Dauer der Veranstaltung in der Regel auch die Stimmung. Geflirtet wird, was das Zeug hält, und im Trubel von Rathauserstürmungen und Feierlichkeiten bleibt dabei der ein oder andere zweideutige Spruch wohl nicht aus. Dass es dazu kommen kann, sieht auch Fastnachterin Karthein so. "Allerdings erwarte ich bei den Veranstaltungen von allen Teilnehmern Respekt", sagt sie. Birgit Müller-Closset: "Leicht anzügliche Sprüche gehören dazu. Von Männlein wie Weiblein. Auf der Bühne und auch vor der Bühne." Das sieht auch Nicole Cayrol so. Sie appelliert dabei an beide Geschlechter, deutlich zwischen Flirt auf der einen und einer sexistisch herabwürdigenden Äußerung auf der anderen zu unterscheiden. Die meisten, so Cayrol, fänden es bestimmt schade, wenn die Debatte dazu führen würde, dass in der Fastnacht auf den Flirt verzichtet werden müsste.

Bei der Frage, ob in der närrischen Zeit andere Regeln für den Umgang zwischen Frauen und Männern gelten, sind sich alle einig: Es muss, auch außerhalb der Session, spätestens dort Schluss sein, wo es für einen Beteiligten unangenehm wird. Jeder müsse für sich entscheiden, was er sich in den tollen Tagen gefallen lässt. Nicole Cayrol: "Eine Frau sollte sich sowieso nichts ,gefallen lassen'. Außer wenn sie daran Gefallen findet."

Um das Thema auf die sprichwörtliche Spitze zu treiben, haben wir nach einer solchen gefragt. Nach der an der Krawatte nämlich. Es ist alter Brauch, dass Frauen am Fetten Donnerstag zur Schere greifen und die Männer mit einem symbolischen Schnitt am feinen Zwirn entmachten. Die Symbolik zu Ende gedacht, könnte sich von Männerseite hier, befeuert durch die Debatte, durchaus Protest ankündigen. Für gestandene Fastnachterinnen wie Ulla Karthein ist die Sache mit dem Schlips ein alter Brauch aus dem Rheinland, ein Symbol für die Machtergreifung der Frau und eine Aktion der Gleichberechtigung. Nicole Cayrol kann aus persönlicher Erfahrung sagen: "Ich habe bisher nicht das Gefühl gehabt, dass sich ein Mann dadurch herabgesetzt oder bedrängt gefühlt hätte." Im Eppelborner Rathaus hatte man eine besonders pfiffige Idee. "Um der ganzen Debatte aus dem Weg zu gehen, werden die Frauen im Rathaus dieses Jahr mit Krawatte erscheinen und sich diese abschneiden lassen", kündigt die Bürgermeisterin an.

Alle drei wissen natürlich um den eigentlich ernsten Kern der Debatte - gerade auch außerhalb der Fastnacht. Nicole Cayrol definiert Sexismus so: "Er beginnt für mich dort, wo eine Person aufgrund ihres Geschlechtes unwürdig behandelt oder herabgesetzt wird oder stereotype Verhaltensmaßstäbe angelegt werden." Äußerungen, die unter die Gürtellinie gehen, wären für Birgit Müller-Closset Anlass genug, um einzuschreiten. Dass die Debatte um den richtigen Umgang zwischen Männern und Frauen die Freude bei den Feierlichkeiten hemmt, glaubt indes niemand.

Nur wenige wollten sich bei einer kleinen Umfrage zum Thema äußern. Kim Pleines (23) aus Neunkirchen sagt, dass sich zwar viele Frauen speziell an Fastnacht besonders aufreizend verkleiden, bei einer unsittlichen Berührung sei jedoch eine Grenze überschritten. Dass die Debatte Auswirkungen auf die Feierlaune hat, kann sie sich nicht vorstellen. Das sieht auch Florian Mayer (24) aus Neunkirchen so. Er vermutet, dass Frauen die aktuelle Diskussion sensibler wahrnehmen als Männer, ist aber auch der Meinung, dass Regeln des guten Umgangs für beide Geschlechter gelten - auch an Fastnacht.

Weiberfasching in Erbach



Rathaussturm in Neunkirchen