Fast ein Drittel der saarländischen Neuntklässler scheitert an IQB-Bildungstest

Kostenpflichtiger Inhalt: Schlechtes IQB-Testergebnis für das Saarland : Völlig verrechnet

Warum sind fast ein Drittel der saarländischen Neuntklässler beim IQB-Bildungstest 2018 an den einfachsten Aufgaben gescheitert?

Wenn ein Rechteck vier Zentimeter lang und drei Zentimeter breit ist, wie groß ist dann der Flächeninhalt? Ist doch kinderleicht, könnte man meinen: vier mal drei, macht zwölf Quadratzentimeter. Für so manchen Neuntklässler im Saarland eine unlösbare Aufgabe. Mindesstandard verfehlt, urteilen die Studienautoren aus Berlin. Und es ist nicht das erste Mal, dass sie den saarländischen Schülern ein teils desaströses Zeugnis ausstellen.

Bereits 2012 hatte das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) einen Bildungstrend veröffentlicht. Auch damals standen die Kompetenzen der Schüler am Ende der Sekundarstufe 1 im Fokus.

Fast ein Drittel der getesteten Neuntklässler im Saarland war mit diesen Aufgaben aus dem IQB-Bildungstrend 2018 (Form angepasst) überfordert. Foto: SZ

Was hat sich seitdem getan? Um das herauszufinden, waren zwischen April und Juni 2018 schulexterne Testleiter in ganz Deutschland unterwegs. An allgemeinbildenden Schulen und Förderschulen untersuchten sie, wie fit die Neuntklässler im Fach Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern sind. Die Förderschüler erhielten angepasste Tests.

Mathematik Bildungsstudie. Foto: SZ/Müller, Astrid

Das Ergebnis für das Saarland ist ernüchternd. Von 8583 saarländischen Neuntklässlern nahmen 2292 an der Studie teil. Ein Blick auf das Fach Mathematik offenbart die Lücken: Hier verfehlten 31,2 Prozent den Mindeststandard für den mittleren Schulabschluss (MSA). Also fast ein Drittel der Teilnehmer. Deutschlandweit vorletzter Platz, nur Bremen schneidet schlechter ab. 2012 waren es noch 28,2 Prozent, die an den Basisaufgaben scheiterten.

Den Regelstandard erreichten nur 36,8 Prozent. Umgekehrt heißt das: Mehr als 60 Prozent der untersuchten Neuntklässler verfehlten die Erwartungen, die diese Schülergruppe „im Mittel“ erfüllen sollte, ein Minus von 3,8 Prozent im Vergleich zu 2012. Unterwegs waren die Tester im Saarland an 74 Schulen, darunter zwei Realschulen, acht Förderschulen, 24 Gymnasien und 40 integrierte Gesamtschulen, sprich Gemeinschaftsschulen.

Ein separates Ergebnis liefert die Studie nur für Gymnasien. Da schneidet das Saarland deutlich besser ab: Den Regelstandard erreichen 79,1 Prozent (Platz acht). Spitzenreiter Sachsen bringt es auf 93,7 Prozent, Schlusslicht Bremen nur auf 66,3 Prozent. In der Kategorie „Optimalstandard“ – eine Sonderkategorie für Gymnasien für überdurschnittliche Leistungen – ist der Test für die Saarländer allerdings kein Ruhmesblatt. Nur 6,3 Prozent entsprachen hier den Anforderungen. In Bayern waren es 18,2 Prozent.

Warum das alles so ist, müssten künftige Studien beantworten. Den Schluss, dass es allein an den Gemeinschaftsschulen hänge, will Studienautorin Nicole Mahler jedenfalls nicht ziehen. Die Gemeinschaftsschulen seien hierzulande erst nach der ersten IQB-Studie eingeführt worden. „Das Saarland war in Mathematik aber schon 2012 unterdurchschnittlich.“

Unstrittig ist, dass die nicht-gymnasialen Ergebnisse insgesamt schlechter ausfallen. Der Vorsitzende des saarländischen Philologenverbands, Marcus Hahn, nennt das Resultat „verheerend“. Und er geht noch einen Schritt weiter: „Der IQB-Test an Gymnasien ist eine sinnlose Sache“, sagte Hahn am Dienstag gegenüber der SZ. Gymnasiasten strebten in der Regel nicht den mittleren Bildungsabschluss an. Es wäre daher viel geeigneter, sie mit Blick auf die „Studierfähigkeit“ zu testen.

Lisa Brausch Vorsitzende des Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands. Foto: MB Photo

Eine Argumentation, die Studienautorin Mahler nicht nachvollziehen kann. Lehrkräfte aus ganz Deutschland hätten die Testaufgaben, die für Gemeinschaftsschüler und Gymnasiasten identisch waren, „solide“ erstellt. Auch die Vorsitzende des Lehrerverbands, Lisa Brausch, ärgert sich über Vergleiche. Gymnasiasten hätten systembedingt (Stichwort G8) ein „ganz anderes Niveau“ als die Gemeinschaftsschüler.

Das saarländische Bildungsministerium warnt davor, „die Schulformen gegeneinander auszuspielen“. Die stärkere Konfrontation mit Inklusion und Zuwanderung machten die Herausforderungen an Gemeinschaftsschulen „um ein Vielfaches größer“ als an Gymnasien. Außerdem sieht die Behörde einen Zusammenhang zum an Gemeinschaftsschulen höheren Anteil von Kindern „mit niedrigem sozio-ökonomischem Status“. Gesicherte Daten zu diesen potenziellen Ursachen liefert die Studie allerdings nicht. 

Als Reaktion auf die Ergebnisse verspricht das Ministerium unter anderem, die Angebote zur Aus- und Fortbildung von Lehrern zu verbessern. „Wir können mit unserem Abschneiden nicht zufrieden sein“, sagte Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) kurz nach der Veröffentlichung am Freitag. Schließlich habe die Studie auch in den Fächern Biologie und Chemie Lücken aufgezeigt.

Wie sie zu schließen sind, dafür hat auch der Landesschülersprecher kein Patentrezept. Mehr Lehrer alleine könnten es nicht richten, sagte Usamah Hammoud. Vielmehr müsse sich das Konzept Gemeinschaftsschule noch entwickeln. Immerhin gehen auch die Studienautoren in ihrem Fazit davon aus, dass sich das Niveau der Gemeinschaftsschulen dem der Gymnasien längerfristig annähern könnte.

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