Falsche Medikamente für Patienten im Saarland?

Gesundheit : Falsche Medikamente für ältere Patienten im Saarland?

Erhalten ältere Menschen im Saarland besonders häufig Medikamente, die mehr Risiken bergen als sie Nutzen versprechen? Das zumindest bemängelt die Barmer-Ersatzkasse – und die Saar-Kassenärzte widersprechen.

Hintergrund ist der neue Barmer-Arzneimittelreport, für den die Autoren vom Klinikum Saarbrücken und der Universität Köln Daten aus dem Jahr 2016 ausgewertet haben. Danach weise das Saarland nach der Region Westfalen-Lippe den höchsten Anteil älterer Menschen auf, denen ein Medikament der so genannten Priscus-Liste verschrieben wird – mehr als jeder vierte (28,65 Prozent). Die dort aufgelisteten 83 Präparate seien für ältere Menschen „kritisch“, erklärte Dunja Kleis, Landesgeschäftsführerin der Barmer in Rheinland-Pfalz und dem Saarland.

Allerdings bezweifelte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) des Saarlandes die Relevanz dieser Liste. Diese sei „kein hartes Kriterium“ und von wissenschaftlicher „Evidenz“ weit entfernt, sagte Wolfgang Herian, Bereichsleiter bei der KV Saarland, auf Nachfrage der SZ. Der Einsatz der Mittel sei eine „therapeutische Entscheidung der Ärzte“. Er favorisierte dagegen die so genannte Forta-Liste, die entwickelt wurde, um die Arzneimitteltherapie älterer Patienten sicherer und effizienter zu gestalten. Sie weise auch Alternativen zu jenen Medikamenten auf, die Älteren nicht gegeben werden sollen.

Auch bei einem zweiten Punkt interpretieren der Barmer-Report und die KV die Untersuchungsergebnisse unterschiedlich. Demnach verschreiben saarländische Ärzte zu oft Medikamente, die nicht zum Gesundheitszustand der Patienten passen, so die Barmer. So erhielt nach Angaben der Barmer fast jeder fünfte Saarländer (18,2 Prozent) laut Barmer eine Verschreibung für Protonenpumpenhemmer (PPI) etwa gegen Sodbrennen. Bei nicht mal jedem Zweiten davon (38,0 Prozent) lag der Barmer zufolge eine Diagnose vor, die eine entsprechende Verordnung nötig gemacht hätte. „Der Verdacht liegt nahe, dass vielen Versicherten ungeprüft PPI weiterverordnet werden“, sagte Kleis. Dabei könnten PPI schwerwiegende Nebenwirkungen verursachen, unter anderem ein höheres Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Herian und Gunter Hauptmann, der Vorstandsvorsitzende der Saar-KV, zweifelten im Gespräch mit der SZ aber ganz grundsätzlich die Datengrundlage für diese Aussage an. So sei davon auszugehen, dass Ärzte gegenüber den Kassen bei der Abrechnung nicht immer alle Diagnosen eintragen, die sie selbst in ihrer internen Dokumentation aufführen – etwa wenn ein Patient neben einer Haupterkrankung weitere medizinische Probleme habe. Barmer-Geschäftsführerin Dunja Kleis hält dem entgegen, die Autoren des Arzneimittelreports seien „ausgewiesene Fachleute“, sie „kennen die Arbeitsweisen in Arztpraxen sehr gut“. Kleis: „Die Ärzteschaft betont uns gegenüber immer wieder, dass sie Diagnosen korrekt und vollständig erfasst.“

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