Es brodelt noch im Kirchenstreit

Es brodelt noch im Kirchenstreit

St. Wendel. Die evangelische Kirche im betulichen Hirstein prägt das Dorfbild. Kein mondäner Prachtbau dominiert den Namborner Ortsteil. Sondern Stil der 50er: schlicht, nützlich. Dennoch gehört das Gotteshaus da hin. Wie vielerorts.Mit dem Unterschied: Hier verbinden Menschen mit ihm statt Andacht und Stille einen bereits Jahre schwelenden Streit um eben jenes Gebäude

St. Wendel. Die evangelische Kirche im betulichen Hirstein prägt das Dorfbild. Kein mondäner Prachtbau dominiert den Namborner Ortsteil. Sondern Stil der 50er: schlicht, nützlich. Dennoch gehört das Gotteshaus da hin. Wie vielerorts.Mit dem Unterschied: Hier verbinden Menschen mit ihm statt Andacht und Stille einen bereits Jahre schwelenden Streit um eben jenes Gebäude. Dieser prägt bis heute das Leben im 1000-Seelen-Dorf. Auch wenn die meisten Bürger mittlerweile lieber dazu schweigen.

Trotzdem flammte die Debatte jetzt erneut auf. Auslöser: der Tod einer Hirsteinerin (72). Einer Protestantin. Beigesetzt auf dem hiesigen Friedhof. Die Trauerfeier fand nur in der Leichenhalle statt. Sowie davor, im Freien bei Minusgraden. Kritiker klagen: Ein Gottesdienst in der evangelischen Kirche für eine evangelische Christin hätte drin sein müssen.

Tod in falscher Gemeinde

War es aber nicht. Weil die Verstorbene der St. Wendeler Gemeinde angehörte. Nicht der für Hirstein zuständigen in Wolfersweiler. Das sei jedoch Pflicht für einen Gottesdienst in ihrem Heimatort. Das bestätigt der fürsGotteshaus verantwortliche Wolfersweiler Pfarrer Jörg Grates. Aber: "Ich sehe die Möglichkeit, den Konflikt zu Ende zu bringen."

- Hintergrund: 2004 wollte die Wolfersweiler Kirchengemeinde Hirsteins Gotteshaus wegen Finanzklemme verkaufen. Verhandlungsbasis: 100 000 Euro. Die evangelische Frauenhilfe in Hirstein sowie der Förderverein protestierten energisch. Mit Erfolg.

Frauenhilfe und Kirchenleitung schlossen nun einen Nutzungsvertrag. Den legten beide Parteien allerdings unterschiedlich aus. Deshalb brach rund die Hälfte der etwa 500 Hirsteiner Protestanten mit der Wolfersweiler Kirchenspitze, wechselte nach St. Wendel.

Darauf entzog das Kirchenparlament (Presbyterium) in Wolfersweiler den Abtrünnigen die Hirsteiner Kirchennutzung und Glockengeläut unter anderem bei Beisetzungen.

In Folge dessen ließ 2010 die Kommune Namborn neben der Friedhofshalle einen konfessionslosen Glockenstuhl errichten. Pikant: Der Wolferweiler Presbyter-Kirchenbeschluss gilt bis heute - außer für die Glocken bei Beerdigungen. Sie dürfen wieder für alle läuten. Faktisch ist damit der Glockenstuhl auf dem Friedhof unnötig.

Grates, seit 2011 in Wolfersweiler, scheint um Versöhnung bemüht. "Die Wogen waren ziemlich hoch." Der Riss spaltete nach Aussagen Betroffener sogar Familien. Doch für den Seelsorger spielten "organisatorische Fragen", wie er die Kirchennutzungsrechte nennt, keine Rolle. Unerheblich sei, wer welcher Gemeinde angehört. Obwohl für ihn kirchenrechtlich feststeht: "Hirstein gehört zu Wolfersweiler." Ob Grates' Ansicht künftig Auswirkungen aufs Hirsteiner Hausrecht hat, muss das Presbyterium in Wolfersweiler klären. Dort stehen zuerst einmal am 5. Februar Wahlen an.

Ähnliche Zuversicht präsentiert St. Wendels Pfarrer Markus Karsch, seit Herbst 2006 im Amt. Er spricht vom "Status quo" in Hirstein. Außerdem habe bislang kein Hirsteiner Protestant mit St. Wendeler Gemeindezugehörigkeit von ihm gewünscht, die von Wolfersweiler verwaltete Kirche in Hirstein zu nutzen.

Ein viel entspannteres Verhältnis als noch vor wenigen Jahren sieht Liselotte Remus. Die Vorsitzende der evangelischen Frauenhilfe, deren Organisation damals im Zentrum des Kirchenstreites stand und viele deren Mitglieder nach St. Wendel wechselten, lobt die Zusammenarbeit der Pfarrer: "Zur 50-Jahr-Feier der Frauenhilfe am 16. Oktober in der Hirsteiner Kirche waren beide da. Es war eine tolle Feier."

"Ich äußere mich nicht mehr"

Enttäuscht ist sie, dass trotz Einladung weder Vertreter des nach Wolfersweiler orientierten evangelischen Frauenkreises noch des Kirchenfördervereins gekommen waren. Frauenkreis-Chefin Ursula Schlifski reserviert: "Ich äußere mich nicht mehr dazu." Ähnlich reagiert Ernst Färber für den Förderverein: "Wir sind zuständig für die Aufrechterhaltung der Kirche. Zu anderen Vorgängen geben wir keine Stellung ab." Foto: B&K

Meinung

Endlich versöhnen

Von SZ-RedakteurMatthias Zimmermann

Jahre nach Ausbruch des evangelischen Kirchenstreits in Hirstein klaffen Wunden. Bis heute gehen Protestanten getrennte Wege: die einen nach St. Wendel, die anderen ins einst für alle evangelischen Christen im Ort zuständige Wolfersweiler. Die Pfarrer Markus Karsch (St. Wendel) und Jörg Grates (Wolfersweiler) mühen sich um Aussöhnung. Beide übernahmen ihre heutigen Stellen lange nach dem Bruch zwischen den Hirsteiner Protestanten. Dies bot Chancen für einen unbefangenen Neuanfang. Mühselig, wie sich zeigt: Tief sitzt bei vielen der Schmerz. Mit der anstehenden Presbyterwahl besteht Aussicht auf einen Schlussstrich. Dies sollte für alle Ansporn für endgültige Versöhnung sein.

Auf einen Blick

Wegen des Streits zwischen Protestanten in Hirstein läutete die Glocke der evangelischen Kirche im Ort nicht mehr für alle Christen der selben Konfession bei Beerdigungen, Taufen, Hochzeiten. Ausschließlich jene, die der für Hirstein zuständigen Wolfersweiler Kirchengemeinde angehörten, hatten Anspruch.

Damit zumindest bei Trauerfeiern allen ein Geläut bereit steht, investierte die politische Gemeinde Namborn in einen Glockenturm auf dem Friedhof des Ortsteils. Kurz nachdem der Glockenstuhl aufgestellt war, entschied das Wolfersweiler Kirchenparlament (Presbyterium), die Glocken der Hirsteiner Kirche wieder für alle Protestanten zu Beerdigungen läuten zu lassen - auch jenen, die sich von Wolfersweiler ab- und St. Wendel zugewandt hatten.

Kosten der einfachen Stahlkonstruktion: rund 5000 Euro. Die teilten sich Kommune und Ortsrat (je 1000 Euro). 3000 Euro stellte das Saarland über das Förderprogramm Tatort Dorfmitte zur Verfügung. Die evangelische Frauenhilfe in Hirstein sammelte Spenden für die 3900 Euro teure Glocke. Einweihungstermin war der 19. Oktober 2010. hgn

Mehr von Saarbrücker Zeitung