Erinnerungsort für die von Nazis ins Lager Gurs und ins KZ Auschwitz verschleppten Juden aus Rehlingen-Siersburg nachts angegriffen.

Angriff auf Mahnmal für verschleppte Juden in Rehlingen-Siersburg : Unbekannte schänden Holocaust-Mahnmal

Zwei Tage nach dem Auschwitz-Gedenktag haben Unbekannte in Rehlingen-Siersburg die Gedenkstätte für die deportierten Juden angegriffen.

Die weißen Rosen liegen zertrampelt am Boden, die jungen Eichen sind abgeknickt: Tief betroffen zeigen der Siersburger Ortsvorsteher, Umweltminister Reinhold Jost (SPD), und die Beigeordneten der Gemeinde Rehlingen-Siersburg, Joshua Pawlak und Andreas Hoffmann, die Zerstörung am Mahnmal zum Gedenken der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus in Siersburg. In der Nacht zum Mittwoch ist das Mahnmal auf dem Friedhof an der Siersburger Kirche St. Martin geschändet worden.

Der materielle Schaden ist nicht immens, aber der symbolische Charakter dieser Tat, kurz nach dem Gedenktag am 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz, wiegt schwer. „Das ist für uns mehr als ein Mahnmal, es ist Symbol für die Erinnerungsarbeit unserer Gemeinde in den letzten Jahren und Jahrzehnten“, sagte Jost der SZ. Dieser Erinnerungsort soll den Siersburger Opfern der NS-Zeit „wieder einen Namen und ein Gesicht geben“, erklärte Jost. Für ihn steht fest: „Hier sollte ein Bekenntnis zerstört werden, für das unsere Gemeinde eintritt.“

Die Schäden seien am Morgen von einer Nachbarin entdeckt worden, wie Werner Klemm von der AG Stolpersteine Rehlingen-Siersburg und Mitglied der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Erinnerungsarbeit der SZ sagte. Aus der Gemeinde seien am 22. Oktober 1940 sechs Juden nach Gurs verschleppt worden, „Drei starben dort vermutlich an Typhus wegen der unzureichenden Hygiene im Lager, einer wurde später in Auschwitz ermordet, zwei konnten entkommen“, berichtete Klemm. Eine Siersburger Jüdin, die im Oktober 1940 noch nicht aus der Evakuierung in Thüringen zurück war, sei 1942 im Vernichtungslager Auschwitz von den Nazis ermordet worden. „Heute lebt in der Gemeinde kein Jude mehr“, sagte Klemm.

Polizisten sicherten am Mittwoch Spuren. Konkrete Hinweise auf Täter gebe es nicht, aber ein antisemitischer Hintergrund liege nahe, erklärte Polizeisprecher Stephan Laßotta: Auch eine Belohnung in Höhe von 2000 Euro hat die Gemeinde ausgesetzt.

Das Mahnmal für die jüdischen Holocaust-Opfer aus Siersburg wurde 2017 errichtet, Jugendliche aus zehn Ländern halfen dabei mit, wie Klemm sagte. Es besteht aus einem Davidstern aus Bahnschienen, sechs US-Eichen und einem Rosenstock. Sechs Findlinge aus den Pyrenäen, die aus der Nähe von Gurs stammen, stehen für die Siersburger Opfer. Der Stacheldraht um die Rosen und die Erde, in die sie gepflanzt sind, stammen auch aus Gurs. Beschafft hatte sie Alt-Bürgermeister Martin Silvanus (SPD). „Gerade die Rosen haben wir gepflanzt als Zeichen der Hoffnung, dass sich solche Taten nie wiederholen“, sagte er. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich die Gemeinde Rehlingen-Siersburg mit der Aufarbeitung der NS-Zeit und dem Schicksal ihrer jüdischen Mitbürger. Klemm sprach mit zahlreichen Zeitzeugen, Schüler der nach einem jüdischen Mitbürger benannten Lothar-Kahn-Gemeinschaftsschule beteiligten sich, recherchierten die Biografien der Opfer und verlegten Stolpersteine. Die Gemeinde wolle den Gedenkort schnellstmöglichst wieder herrichten und rufe am heutigen Donnerstag, 30. Januar um 17 Uhr, zu einer Mahnwache am Gedenkort auf, sagte Pawlak.

Der Vorsitzende der LAG Erinnerungsarbeit Frank-Matthias Hofmann schrieb an Klemm, dass die frevelhafte Tat bei der LAG „Empörung und Abscheu“ hervorgerufen habe. „Für solche Taten darf es keine Akzeptanz in unserer Gesellschaft geben, die Täter müssen gefunden und bestraft werden“, so Hofmann. Die Täter würdigten das lobenswerte ehrenamtliche Engagement der AG Stolpersteine herab und Teile der Arbeit Klemms sollten offenbar zunichte gemacht werden. „Ich bin aber sicher, dies wird nicht gelingen, und denke, dass die meisten in Rehlingen-Siersburg unsere Abscheu über das Geschehene teilen“, so Hofmann. Der Saar-Antisemitismus-Beauftragte Professor Roland Rixecker (SPD) sagte, er befürchte, dass es einen „Zusammenhang zwischen dem Auschwitz-Gedenktag und den Motiven der Täter“ gebe. 2019 sei nach dem Auschwitz-Gedenktag der Kranz an den Gedenkstätte Gestapolager Neue Bremm in Saarbrücken zertreten worden.