1. Saarland

Erinnerung an jüdisches Leben in Merzig

Erinnerung an jüdisches Leben in Merzig

Reb Mosche Merzig, Rabbiner und Talmudlehrer und womöglich bedeutendster Merziger des 19. Jahrhunderts, hat seit gestern auf dem jüdischen Friedhof wieder einen Grabstein. Seiner wurde gedacht am 170. Jahrestag der Einweihung der Merziger Synagoge, die während des Nazi-Regimes zerstört worden war.

Merzig. Zum Glück ist nicht alles vernichtet worden, was an jüdisches Leben in Deutschland erinnert. Dazu gehören gottlob die Archive jüdischer Publikationen wie der "Allgemeinen Zeitung des Judentums". So konnte Richard Bermann, der Vorsitzende der Synagogengemeinde Saar, gestern am Gedenkstein der jüdischen Synagoge Merzig anhand der Berichterstattung von damals schildern, wie sich die zweitägige Eröffnung des Gotteshauses in Merzig abgespielt hat - exakt 170 Jahre zuvor. Das Wetter war wie gestern sommerlich, war es zuvor wohl sehr wechselhaft gewesen. In feierlicher Prozession war die Tora von der bisherigen Synagoge in der heutigen Querstraße zur neuen Synagoge Ecke Neustraße/Rehstraße gebracht worden. Das war im Juli 1842. Keine 100 Jahre alt wurde die Synagoge, die heute nur noch ein Gedenkstein erinnert. Und seit gestern auch eine Info-Tafel, errichtet durch die Kreisstadt und auf Betreiben der "Arbeitsgruppe Jüdische Geschichte der Stadt Merzig". Die Tafel - gestern wurde sie enthüllt - erzählt die Geschichte der drei insgesamt drei Merziger Synagogen.Nirgendwo im Saarland hatten mehr Bürger jüdischen Glaubens gelebt als im Merzig des 19. Jahrhundert, erinnerte am Sonntag Merzigs Oberbürgermeister Alfons Lauer an das lebendige Miteinander von Juden und Christen in Merzig. Dieses Miteinander fand ein "jähes Ende", sagte er, als das "Wahnsinnsregime der Nationalsozialisten die Macht übernommen hatte". Auch in Merzig brannte die Synagoge, auch hier wurden Juden verhöhnt, gedemütigt, vertrieben. Viele von ihnen nahmen den gleichen Leidensweg wie die rund sechs Millionen Juden in Europa. Aber: "Merzig spielte eine besondere Rolle bei der Aussöhnung", wie Lauer sagte. Es gab - auf Initiative von Georg Hasenmüller und der CEB - Besuche. Und Lauers Amtsvorgänger Walter Anton - am Sonntag Gast der Gedenkstunde - hatte 1983 mit seinem Beigeordneten Alfred Diwersy - heute Sprecher der Arbeitsgruppe Jüdische Geschichte - ein Treffen für ehemalige Merziger Juden organisiert. 52 von ihnen waren in die früherer Heimatstadt gekommen - ein "Treffen mit symbolischer Kraft", wie Lauer sagte.

Richard Bermann nutzte nicht nur die Gelegenheit zum Blick 170 Jahre zurück, sondern schaffte den Spagat zum heute. Latenter Antisemitismus in Deutschland mache ihm Sorgen, sagte er: "Dies ist ein Entwicklung, die wir nicht für möglich gehalten haben." Er nannte als Beispiel die aktuelle Diskussion um die Beschneidung. Die jüdische Gemeinschaft sei in Alarmstimmung. "Man fragt sich als Jude, wo soll das hinführen. Und man fragt sich, ob man nicht schon seinen Koffer packen soll."

Der jüdische Friedhof von Merzig, wenige Meter von der ehemaligen Synagoge entfernt, wurde ebenfalls in den Zeiten des Pogrom geschändet, viele Grabsteine zerstört. Reb Mosche Merzig liegt dort begraben, auch sein Stein wurde Opfer des braunen Mobs. Gestern nun wurde in etwa an der Stelle, an der seine sterbliche Überreste1861 beigesetzt wurden, ein neuer Grabstein enthüllt. Seine Grabstelle und die vieler anderer Merziger Juden ist nicht mehr exakt zu benennen, weil auch die Unterlagen zum Friedhof der Juden von Merzig vernichtet wurden.

Kantor Benjamin Chait sprach zur Enthüllung der Grabtafel das traditionelle jüdische Cadia.