1. Saarland

Erinnerung an das Unfassbare

Erinnerung an das Unfassbare

Homburg. 250 Besucher gedachten gestern Abend am 70. Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938. Damals begann allerorten im Dritten Reich die systematische Verfolgung der Juden. Dem Gedenken in der protestantischen Stadtkirche Homburg folgte ein Schweigemarsch zur Ruine der Synagoge in der Klosterstraße

Homburg. 250 Besucher gedachten gestern Abend am 70. Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938. Damals begann allerorten im Dritten Reich die systematische Verfolgung der Juden. Dem Gedenken in der protestantischen Stadtkirche Homburg folgte ein Schweigemarsch zur Ruine der Synagoge in der Klosterstraße. Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Homburg hatte für die Predigt in der Stadtkirche den Mannheimer Professor Hans-Peter Schwöbel gewonnen. Die Verfolgung von Juden, von Andersdenkenden und Regimekritikern im Dritten Reich sei in schrecklicher Erinnerung. Sie sei nur einer von vielen denkbaren Auswüchsen als Folge des Machtstrebens kranker Persönlichkeiten. In der Gesellschaft, aber auch im "kleinen Alltag" seien Mut, Glaube, Bildung, Empathie, Kritik und soziale Intelligenz ebenso wichtig wie Solidarität, Bereitschaft zur Verantwortung sowie die Achtung vor sich selbst und anderen. Machtstreben habe nicht nur den Nationalsozialismus gekennzeichnet. Beispiele gebe es täglich im Großen und Kleinen zu sehen. Das Streben nach Macht sei oft nicht das Ergebnis wachsender Ich-Stärke, sondern deren Ersatz. Die NS-Herrscher seien ohne Ausnahme schwer gestörte Persönlichkeiten gewesen. Hitler habe sich als Paranoiker und gescheiterte Existenz erwiesen, Göring und Goebbels seien auf lächerliche Weise eitel gewesen. Rachsucht, Eitelkeit, bodenloses Selbstmitleid, Gleichgültigkeit und Gefühlskälte hätten sich zu kollektiven Mustern bei den NS-Führern verfestigt. Es erfülle ihn mit Zorn, vom "Gedankengut" Rechtsextremer zu hören, sagte Schwöbel. An deren Bösartigkeiten sei absolut nichts Gedanke oder Gut. Damals seien es die Juden gewesen, aber die Bedrohung richte sich heute in vielen Ländern etwa gegen Andersdenkende, Ausländer oder Schwule. Schon zu Beginn hatte Pfarrer Klaus Beckmann gemahnt, "aufrecht zu gehen" und sich nicht kritiklos vereinnahmen zu lassen. Die Redner sahen in der Gemeinde einen Ort, negativen Prozessen zu begegnen und so geistig-moralische Krisen zu überwinden. An die schon im Alten Testament enthaltenen Ideale erinnerten die Schüler des Leistungskurses evangelische Religion der Klassenstufe 13 des Mannlich-Gymnasiums. Die Ruine der Synagoge, wo der Schweigemarsch endete, sei Erinnerung an Unfassbares und eine Mahnung, etwas Derartiges zu verhindern, sagte der Beigeordnete Rüdiger Schneidewind. Den liturgischen Abschluss sprach Pfarrer Wilfried Bohn.