Erhalten die richtigen Kinder Sprachförderung?

Saarbrücken · Das Programm „Früh Deutsch lernen“ steht in der Kritik: Wissenschaftler bemängeln, das Verfahren, mit dem der Förderbedarf ermittelt wird, sei nicht objektiv genug und berücksichtige keine Mehrsprachigkeit.

Das saarländische Programm "Früh Deutsch lernen" ist in einem bundesweiten Vergleich auf einem der hinteren Plätze gelandet. Untersucht wurden die Verfahren, mit denen ermittelt wird, ob ein Vorschulkind Sprachförderung braucht oder nicht. 21 Verfahren nahm das Mercator-Institut für Sprachförderung unter die Lupe, das saarländische Programm landete auf Rang 19. Von 32 Qualitätsmerkmalen konnte es nur 9 erfüllen. Hauptkritikpunkte der Wissenschaftler: Das Verfahren sei nicht objektiv genug und berücksichtige keine Mehrsprachigkeit.

Das saarländische Bildungsministerium entgegnet, die Studie lasse keine Aussage über die Qualität des Verfahrens zu. Denn im Saarland werden keine Tests, sondern Beobachtungen durchgeführt. Das könne man nicht vergleichen. Wenn also in einem Punkt keine Angaben gemacht werden konnten, erhielt das Programm die Wertung "nicht ausreichend". Man wolle die Studie jedoch gründlich analysieren und prüfen, ob die vorgeschlagenen Maßnahmen für die Förderung der Kinder hierzulande geeignet seien.

Bei "Früh Deutsch lernen" besuchen Kinder im halben Jahr vor der Einschulung freiwillig Förderkurse. Seit 2010 nehmen alle saarländischen Grundschulen daran teil. Für das Schuljahr 2013/14 wurden 1348 Kinder angemeldet - eine Förderquote von 17 Prozent. 2,3 Millionen Euro investierte das Land 2012 in das Programm. Ob ein Kind gefördert werden muss, stellen Sprachförderlehrkräfte mit Hilfe eines Einschätzungsbogens fest. "Damit ist das Verfahren abhängig vom subjektiven Einfluss der pädagogischen Fachkraft. Da kann es zu Auswahlfehlern kommen", kritisiert Uwe Neugebauer vom Mercator-Institut. Auch dass kein Unterschied zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund gemacht wird, bemängeln die Wissenschaftler. Aber Neugebauer findet auch Worte des Lobes: "Das Verfahren kann sehr schnell durchgeführt werden." Die Konzentrationsfähigkeit des Kindes werde nicht über Gebühr strapaziert.

Lisa Brausch, Vorsitzende des Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, betont, dass "Früh Deutsch lernen" trotz allem ein "tolles Konzept" sei: "Man merkt, dass die Kinder Fortschritte machen." Unsicherheiten gebe es zwar immer, wenn ein Test nicht validiert sei, aber sie fordert, das Programm auszubauen. Die Zahl der Kursstunden (maximal 10 pro Woche) orientiere sich an der Gruppengröße. "Dass kleine Gruppen weniger Stunden brauchen, leuchtet nicht ein", sagt sie. Zumal immer mehr Kinder Sprachmängel aufwiesen.

Hintergrund der Studie ist, dass es in Deutschland einen wahren Flickenteppich von Sprachstandsverfahren gibt. Dabei schwankt die Förderquote je nach Bundesland zwischen 10 und 50 Prozent. "Das zeigt, dass der Förderbedarf nicht objektiv und vergleichbar ermittelt wird", sagt Neugebauer. Um die Verfahren zu vereinheitlichen, empfehlen die Wissenschaftler den Bundesländern, in einer Koordinierungsstelle gemeinsame Qualitätsstandards zu entwickeln.

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