Ende der Ära Meinrad Maria Grewenig im Völklinger Weltkulturerbe

Völklinger Weltkuturerbe : Grewenig appelliert an die Politik: Raus aus dem Jammertal!

Vom Land gab es am Dienstag keinen Blumenstrauß. Meinrad Maria Grewenig inszenierte seinen Abschied aus dem Völklinger Weltkulturerbe stattdessen selbst.

Von wegen Routinier. Am Ende war Meinrad Maria Grewenig (64) dann doch noch für eine Überraschung gut. Statt bei seiner Bilanz-Pressekonferenz über seine 20-jährige Dienstzeit im Völklinger Weltkulturerbe in Selbstlob zu baden, mit Superlativen und Rekord-Besucherzahlen zu jonglieren und Nabelschau zu halten, wie das mancher vom Marketing-„Zampano“ erwartet hatte, lieferte der scheidende Weltkulturerbe-Generaldirektor eine substanzielle Analyse zum Thema Industriekultur, um damit einen politischen Appell zu verbinden. „Ich wünsche mir, dass sich das Saarland aus der zögerlichen Position herausbegibt und rauskommt aus der Jammerperspektive“, sagte Grewenig, der am Sonntag seinen letzten Arbeitstag hat. Die Industriekultur sei die maßgebliche „Kulturplattform des 21. Jahrhunderts“, um zeitgemäße Kulturerfahrungen zu ermöglichen, denn die zielten heutzutage eher auf ein emotionales Erfassen denn auf rationale Erkenntnis.

Hier biete Industriekultur eine „gigantische Chance“, um die mittlerweile durchlässigen Grenzen zwischen den im 19. Jahrhundert zementierten Kunst-Gattungen und Institutionen gänzlich zu sprengen, zwischen Archiven und Geschichts-Museen oder zwischen bildender und Theater-Kunst. Grewenig erinnerte daran, dass das Röchlingsche Eisenwerk 1994 das erste Industriedenkmal überhaupt auf der Unesco-Welterbeliste war: „Die Industriekultur der Welt beginnt hier in Völklingen.“ Dies sei in der öffentlich-politischen Debatte nicht wirklich angekommen.

Allerdings ist Grewenig just deshalb überzeugt: Das Saarland hat alle Möglichkeiten, aus der Provinz-Ecke hervorzutreten, und das Land habe bei klarer Prioritätensetzung auch genügend Geld für weitere industriekulturelle Groß-Vorhaben. Man müsse nur den politischen Willen haben und einen Auftrag formulieren, so Grewenig. Wie einst, 1999? Nicht von ungefähr verlas Grewenig zu Konferenz-Beginn Auszüge aus dem Gesellschaftsvertrag zur Gründung des Weltkulturerbes. In der Präambel heißt es: „Wie kein anderes Kulturdenkmal ist die Völklinger Hütte Symbol für das Saarland, seine Identität und die Entwicklung der Saar-Lor-Lux-Region. Die Entwicklung der Völklinger Hütte zu einem Europäischen Zentrum für Industriekultur ist die wichtigste Kulturaufgabe des Saarlandes.“ Wann hörte man in den vergangenen Jahren auch annähernd ähnlich Klares von einem für das Weltkulturerbe zuständigen Minister? Und welche „Mission“ gibt die Landesregierung dem Grewenig-Nachfolger mit auf den Weg? Auch dazu herrscht bisher Schweigen.

Der Weltkulturerbe-Chef selbst hält Kreativität, Durchsetzungskraft und geistige Flexibilität für Haupt-Voraussetzungen, um die Völklinger Hütte zu managen. „Wer denkt, dass ein solches Projekt nur noch verwaltet werden muss, geht vollständig am eigentlichen Thema vorbei“. Welche Programminhalte seiner Meinung nach unerlässlich sind, um den Stahlkoloss als touristisches Premiumprodukt am Markt zu halten, wollte Grewenig nicht sagen: „Ich werde keine operativen Ratschläge geben.“ Der Neue müsse für das, was er tue oder lasse „den Kopf hinhalten und durchs Feuer gehen“. Jedoch steht für den Noch-Weltkulturerbe-Chef fest, dass die Industriekultur noch nicht in der komfortablen Situation sei, allein, ohne Verknüpfung mit massenwirksamen Inhalten, viele Menschen zu mobilisieren. Seit Grewenig am Ruder ist, weist die Statistik über vier Millionen Besucher aus, rund 60 Ausstellungen wurden realisiert. Die drei erfolgreichsten waren: „Die Kelten“ (196 043 Besucher) und die zwei „Inka Gold“-Projekte (186 545 beziehungsweise 193 073 Besucher). Zu Beginn waren laut Grewenig 60 Prozent der Gäste männlich, zwischenzeitlich liegt die Frauenquote bei diesem Wert. Rund 70 Prozent der Besucher sind Nicht-Saarländer.

Fotos wie dieses sorgten dafür, dass das Bild Meinrad Maria Grewenigs mit dem der Hütte zu einer Marke verschmolz. Hier posiert er in der Ausstellung „Die Kelten – Druiden. Fürsten. Krieger“ (2010). . Foto: Oliver Dietze
Grewenig beim Besuch des niederländischen Königspaares im Oktober 2018. Foto: BeckerBredel
Der Staatstheater-„Rigoletto“ lief 17 Mal in der Gebläsehalle. Foto: Becker&Bredel
Jeder Termin ein öffentlichkeitswirksamer Auftritt: Grewenig mit der Figur „Chiquita Banana“ . Foto: Thomas Wieck
Grewenigs letztes Großprojekt: Der Wasserhochbehälter wird in den nächsten Jahren zum zentralen Eingang umgebaut. Der Weltkulturerbe-Chef wird die Eröffnung als Gast erleben. Foto: Iris Maria Maurer

Grewenig erklärte, er und sein „außergewöhnliches Team“, das er mehrfach hervorhob, hätten die Industriekultur aus einem „Schattendasein“ herausgeführt – gemäß dem im Gesellschaftsvertrag formulierten politischen Ursprungsauftrag einer „breiten Vermittlung“. Sprich: das Bedienen von Industriekultur-Puristen „war nicht unser vorderstes Ziel“. Er verlasse sein Völklinger Amt ohne Groll und Narben: „Für das, was ich und mein Team haben machen dürfen und konnten, bin ich dankbar. Das reicht für drei Leben.“

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