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Debatte um Essen gehen mit Kindern
„Eltern müssen vorleben, wie man sich im Restaurant benimmt“

Alexandra
Karr-Meng,
Erziehungs­expertin aus Neunkirchen.
Alexandra Karr-Meng, Erziehungs­expertin aus Neunkirchen. FOTO: Andreas Engel
Saarbrücken. Essen gehen mit Kindern ist nicht per se ein Problem, sagt die Beraterin aus Neunkirchen. Wenn doch, liege dies an Versäumnissen in der Erziehung. Von Tobias Fuchs

Alexandra Karr-Meng weiß, was Mütter und Väter umtreibt. Für ihr Buch „Kinder achtsam erziehen“ sprach die 43-jährige Saarländerin mit Dutzenden Eltern. Karr-Meng arbeitet als Unternehmensberaterin und Coach in Neunkirchen. Als Mutter eines Sohnes spricht sie auch aus eigener Erfahrung über Restaurantbesuche mit Kindern.


Frau Karr-Meng, haben Ihnen fremde Kinder im Restaurant schon mal den Abend verdorben?

KARR-MENG In Restaurants mag ich es auch gerne, wenn ich dort ordentlich essen und den Abend genießen kann. Es gibt natürlich Kinder, die sich einfach schlecht benehmen. Und Eltern, die ihre Kinder nicht stören oder ihnen im Vorfeld erklären, wie ich mich richtig verhalte. Im Restaurant ist es zu spät, da brauche ich nicht anfangen zu erziehen.



Schauen Eltern zu oft weg?

KARR-MENG Ich beobachte, dass die Eltern manches ignorieren, weil es nicht passt. Sie sitzen mit Freunden zusammen, wollen einen schönen Abend haben. Die Kinder sitzen einfach daneben – und denen ist natürlich langweilig. Eltern lassen dann manchmal auch durchgehen, was sie zu Hause unterbinden würden – um Ruhe zu haben.

Sind diese Erwachsenen ignorant – oder mit den Kindern überfordert?

KARR-MENG Es ist eine Frage der Einstellung. Essen ist für viele nur Nahrungsaufnahme, aber eigentlich steckt mehr dahinter: Austausch, Kommunikation, das Herstellen von Beziehungen. Das muss ich dem Kind vorleben, aber im Vorfeld zu Hause. Ein Elternteil kann überfordert sein, wenn es selbst nicht gelernt hat, wie man sich in Restaurants benimmt. Allerdings ist es manchmal auch ein bequemer Weg. Man will im Restaurant nicht das große Fass aufmachen. Doch irgendwann muss man regulierend eingreifen.

Wie können Eltern vermeiden, dass es zu Grenzsituationen kommt?

KARR-MENG Familien sollten zu Hause, im Alltag, schöne Essensrituale einführen. Damit die Kinder wissen: Essen ist etwas Schönes, ist Geselligkeit, auch Genuss. Wir essen zusammen am Tisch, wünschen uns einen guten Appetit. Das Vorleben ist das A und O. Bei kleinen Kindern rate ich immer, etwas zur Bespaßung mitzunehmen – was Ruhiges. Wenn ich vorhabe, ein Fünf-Gänge-Menü mit meinem Partner zu mir zu nehmen, sollte ich mir aber vielleicht einen Babysitter nehmen.

Kinder kennen keine Grenzen mehr, behaupten viele. Woran liegt das?

KARR-MENG Viele Eltern wollen ihre Kinder frei erziehen, ihnen etwas Gutes tun, möglichst viel Selbsterfahrungen machen lassen. Was im Grunde gut ist. Aber Kinder brauchen Grenzen, einen Rahmen, in dem sie sich bewegen können und wissen: Das darf ich und das nicht. Und wenn der Rahmen überschritten wird, muss ich mit Konsequenzen arbeiten und dem Kind zeigen, dass das jetzt nicht geht. Die Eltern möchten auf Augenhöhe erziehen. Das ist schwierig.

Was schlagen Sie vor?

KARR-MENG Man muss respektvoll erziehen, aber als Erwachsener schon mal sagen: So ist das jetzt, selbst wenn das zu Unmut führt, zu Ärger und Geschrei. Das Aushalten dieser Konsequenzen ist für viele Eltern nicht leicht. Wenn sie berufstätig sind, abends nach Hause kommen und es einen Streit gibt, dann zu sagen: Jetzt fällt das Fernsehen oder ein Spiel aus, heißt das für die Eltern: Sie müssen sich den ganzen Abend das Gequengel ihres Kindes anhören. Da sagen dann viele, lass’ das Kind lieber. Ich kann diesen Antrieb verstehen, aber es ist der falsche Weg.

Gibt es ein Alter, ab dem Restaurantbesuche erst Sinn machen?

KARR-MENG Mit ganz kleinen Babys ist es noch relativ einfach. Da hat man oft eine Stunde, in denen sie schlafen und friedlich sind. Schwierig wird es zwischen anderthalb und drei Jahren, weil Kinder in diesem Alter alles ausprobieren und viel herumlaufen wollen. Das wäre für mich die Zeit, in der ich in Gartenrestaurants oder Biergärten gehen würde – nicht in ein feines Restaurant. Sinnvoll ist es dann wieder ab dreieinhalb, vier Jahren. Weil die Kinder dann verstehen: Das ist jetzt ein Restaurant, da bleibe ich auch mal am Tisch sitzen.

Die Fragen stellte Tobias Fuchs.