Einzigartiger Fund am Kirchplatz"Beschlüsse haben keinen Ewigkeitsanspruch"

Einzigartiger Fund am Kirchplatz"Beschlüsse haben keinen Ewigkeitsanspruch"

Die Funde am Kirchplatz haben nicht nur die Experten überrascht. Wie sehen Sie die Entwicklungen? Alfons Lauer: Die Kreisstadt wird, wenn sich die historische Einordnung abgeschlossen ist, sicher mit einem einzigartigen kulturhistorischen Pfund wuchern können. Romanische Relikte an der Saar sind rar. Wir werden sehen müssen, wie wir das dann auch in Konzepte umsetzen

Die Funde am Kirchplatz haben nicht nur die Experten überrascht. Wie sehen Sie die Entwicklungen?Alfons Lauer: Die Kreisstadt wird, wenn sich die historische Einordnung abgeschlossen ist, sicher mit einem einzigartigen kulturhistorischen Pfund wuchern können. Romanische Relikte an der Saar sind rar. Wir werden sehen müssen, wie wir das dann auch in Konzepte umsetzen. Die Stadtverwaltung wird aber die Ergebnisse der historischen Funde bei den weiteren Umbaumaßnahmen auf dem Kirchplatz berücksichtigen und Ideen entwickeln, um die Funde dauerhaft in Erinnerung zu rücken.

Wie sehen diese Ideen denn konkreter aus? Es wird wohl nicht zu verhindern sein, dass die Funde wieder unter dem Parkplatzpflaster verschwinden?

Lauer: Zunächst: Professor Adler hat um etwas mehr Zeit, etwa zwei Wochen gebeten, um die Funde besser dokumentieren zu können. Dass muss die Stadt sich und den Forschern auch gönnen können. Allerdings müssen auch die Arbeiten vorangehen. Wir werden sehen, wie wir die Fläche noch offen halten können. Eine Idee ist für die spätere Andeutung des Funds zum Beispiel, dass LED-Leuchten den besonderen Umriss von St. Walpurga im späteren Pflaster nachzeichnen.

Stellen die Funde nicht auch den Stadtratsbeschluss in Frage, der eine Nutzung des Kirchplatzes als Parkplatz vorsieht?

Lauer: Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass die Verwaltung und ich die beschlossene Lösung so nicht wollten. Der Stadtrat ging auf die geäußerten Wünsche und Bedürfnisse der Anwohner und Geschäftinhaber ein. So ist nun einmal Demokratie. Aber Beschlüsse haben keinen Ewigkeitsanspruch.Merzig. "Das ist schon recht einzigartig im Saarland", hält Professor Wolfgang Adler vom saarländischen Landesdenkmalamt kurz und knapp fest. Auch seine örtliche Grabungsleiterin, Dr. Inken Vogt, ist von dem Bild nach den ersten Wochen der historischen Aufarbeitung des Bodens unter dem bisherigen Parkplatz am Kirchplatz überrascht (wir berichteten). "Das war in den Georadar-Analysen so bisher nicht zu identifizieren. Wir waren durch die historischen Beschreibungen eher von einem Bau mit Langschiff ausgegangen. Stück für Stück zeigte sich bei den Grabungen aber, dass St. Walpurga eine so genannte Vierkonchen-Form - also die eines vierblättrigen Kleeblatts - hatte. Das ist zwar für die Zeit nicht völlig ungewöhnlich, doch wirft das für die Stadt- und Kunstgeschichte Merzigs ganz neue Fragen auf."

Am vergangenen Donnerstag teilten Stadt und Landesdenkmalamt gemeinsam diese erste, herausragende Bestandsaufnahme der Grabungsarbeiten am Kirchplatz mit. Dennoch bleibt vieles hypothetisch: "Für eine detaillierte Analyse des Baus mit etwa 14 Metern Durchmesser brauchen wir noch genauere Daten, die wir in den nächsten Wochen hoffentlich sammeln können", so Vogt. Denn die so genannte Rettungsgrabung steht durch den Bauabschnittsplan rund um die Umbauarbeiten im Stadtkern unter Zeitdruck. Auch aus diesem Grund forderte Denkmalschützer Adler von den Stadtoberen, das Anlegen des neuen Parkplatzes, wenn möglich, um mindestens zwei weitere Wochen hinauszuzögern.

Neben dem Zeitdruck stellen neue Aspekte für die Forscher weitere Herausforderungen: Es gibt viele Fragen, die sich schon an den wenigen erhaltenen Mauersteinen ergeben: Warum hatte die Kirche in der damaligen Randlage der Siedlung wohl vier Altäre, die sich in den Grabungen abzeichnen? Ist nach dem Bau von St. Peter um 1200 der deutlich kleinere Zentralbau wirklich als Pfarrkirche benutzt worden? Oder wurde er wegen seiner geringen Größe eher als ein Baptisterium, also reine Taufkirche, neben St. Peter benutzt? Und wie ändert sich dadurch die Bewertung der Gesamtlage im historischen Stadtbild?

Zunächst versuchen die Forscher laut Professor Adler, die genauere Datierung vorzunehmen. Dazu könnten die umliegenden Gräber Auskunft geben, die zum Teil unter den Mauern liegen und daher älter sein müssen als die Kirche. Das organische Knochenmaterial aus diesen Gräbern könnte mit einer so genannten C14-Analyse zumindest eine Einordnung erlauben. Eine historisch korrekte Rekonstruktion aber, wie die innere und äußere Gestaltung der Kirche im Detail ausgesehen haben könnte, wird kaum zu klären sein. Die zum Teil nur wenige Zentimeter hohen Mauerreste lassen dazu kaum Rückschlüsse zu.

Die vorläufige Hypothese, was die Entstehung angeht, beruht auf den spärlichen Überlieferungen. Aus dem Jahr 1153 liegt eine Nachricht vor, dass Augustinermöche aus dem heute in der Eifel liegenden Springiersbach vor den späteren Prämonstratensern, den Erbauern von St. Peter, Klostergebäude in Merzig vollständig errichtet hatte. "Es ist daher davon auszugehen, dass St. Walpurga als ihre Klosterkirche um 1150 entstand", deutet Adler Quellen und Daten. Die Augustiner hätten auch aus ähnlichen Bauanlagen in Lonnig bei Koblenz wohl die nötigen Kenntnisse gehabt, um Sakralbauten in dieser besonderen Bauweise zu errichten.

Ungeklärt bleibt allerdings auch noch, warum die Kirche letztlich aufgegeben wurde. Nachgewiesen sind der Umzug des Taufregisters und Sakralgegenstände. Nach ihrem Abriss errichteten die Merziger im 18. Jahrhundert an ihrer Stelle zwar eine kleinere Kapelle, St. Walpurga aber verging völlig. Vielleicht können die weiteren anstehenden Grabungen auch dazu noch mehr ans Licht bringen. "Wir werden die Umbauarbeiten am Kirchplatz eng begleiten und am dann zugänglichen Boden rund um das Vereinshaus und das Pfarrhaus weitere Analysen vornehmen", so Bodendenkmalexperte Adler.

Meinung

Zupflastern

kann jeder

Von SZ-RedakteurWolf Porz

Die saarländische Bodendenkmalpflege ist zurückhaltend, wenn sie mögliche Superlative verkünden soll. Die Begeisterung jedoch, die die Landes-Archäologen bei der Vorstellung der Funde auf dem Kirchplatz St. Peter an den Tag gelegt haben, sagt eindeutig: Hier ist eine historische Sensation ans Tageslicht gefördert worden. Diese ist viel zu schade, wieder zugeschüttet und mit einem Parkplatz abgedeckt zu werden. Das Wort des Oberbürgermeisters "Beschlüsse haben keinen Ewigkeitsanspruch" sollte jedem Mitglied des Stadtrates, aber auch jenen, die vehement auf "ihren" Parkplatz an der Kirche beharrten, in den Ohren klingeln. Merzig hat nun die Chance, die wertvolle Funde für die Nachwelt zugänglich zu erhalten und gleichzeitig einen Stadtplatz zu schaffen, der den Namen verdient.

Zupflastern kann jeder - aber nicht eine Stadt mit mehr Möglichkeiten.