Einsamkeit quält HIV-Infizierte

Wer aufpasst, mit wem er schläft, gehört nicht zur Risikogruppe. Gospodinov: Das ist nur im Prinzip richtig. Es ist eher so: Schläft man nur mit seinem festen Partner ohne Kondom, ist man fast sicher und kann risikogemindert leben. Aids ist und bleibt eine Krankheit der Homosexuellen. Gospodinov: Nein

Wer aufpasst, mit wem er schläft, gehört nicht zur Risikogruppe.Gospodinov: Das ist nur im Prinzip richtig. Es ist eher so: Schläft man nur mit seinem festen Partner ohne Kondom, ist man fast sicher und kann risikogemindert leben.

Aids ist und bleibt eine Krankheit der Homosexuellen.

Gospodinov: Nein. Aids ist die Krankheit der Leute, die sich nicht diagnostizieren lassen, um die Krankheit im HIV-Stadium zu entdecken. Jeder Mensch hat ein Risiko, sich zu infizieren.

Ein HIV-Test ist teuer, und man wartet lange auf das Ergebnis.

Gospodinov: Nein, das stimmt nicht. Der HIV-Test ist in Gesundheitsämtern, etwa in der Stengelstraße 10-12, kostenlos. In einer Arztpraxis kostet ein normaler präventiver Test 25 Euro. Das Ergebnis hat man nach circa fünf Tagen. Die Tests können vier Wochen nach einem Risikokontakt feststellen, ob eine Infektion passiert ist oder nicht.

Wenn man positiv ist, aber eine Therapie macht, besteht für den gesunden Partner keine Ansteckungsgefahr.

Gospodinov: Das stimmt de facto nur unter folgenden Bedingungen: Wenn ein Paar mit einem infizierten Partner, der eine gut verlaufende Therapie macht, in einer festen Beziehung lebt, in der keiner der Beiden eine andere sexuell übertragbare Krankheit hat, ist das Risiko minimal. Auch muss die Viruslast, die Menge des Virus' im Blut, seit mehreren Monaten unter der Nachweisgrenze sein. Dann kann man überlegen, auf Kondome zu verzichten. Viele infizierte Frauen machen das, weil sie Kinder wollen. Es ist heute möglich, dass HIV-infizierte Frauen gesunde Kinder haben können. Aber diese Entscheidung muss letztlich der Nichtinfizierte treffen. Das Restrisiko, dass sich der gesunde Partner infiziert, besteht immer.

An eine HIV-Notfallprophylaxe kann man im Notfall schnell und einfach herankommen.

Gospodinov: Diese Prophylaxe ist nur für den Notfall, etwa nach einem Stich an einer infizierten Nadel oder einem Kondomunfall mit einem infizierten Partner. Es ist kein Freifahrtsschein für ungeschützten Sex. Die Prophylaxe muss - je nach Fall - 28 Tage bis 6 Wochen als Tabletten eingenommen werden und kostet für 28 Tage etwa 1 300 Euro, was die Krankenkassen normalerweise nicht zahlen. Die Prophylaxe, die auch Nebenwirkungen hat, sollte am besten innerhalb von 24 Stunden nach dem Risikokontakt beginnen. Aber das ist keine Garantie, dass sie wirkt und das Virus am Eindringen in die Zellen hindert.

Aids ist heute keine Tabukrankheit mehr.

Gospodinov: Das sollte nicht so sein, ist es aber. HIV-Infizierte haben Probleme mit der Infektion, weil sie sich nicht vollwertig oder gar wie Dreck fühlen, weil sie denken, dass sie einen Makel haben. Mit HIV infiziert zu sein scheint mir heute schlimmer zu sein, als einen Mord begangen zu haben oder im Gefängnis zu sitzen. Eine HIV-Infektion ist oft in der eigenen Familie noch ein Tabu. Ich habe Patienten, die es ihren Eltern oder Kindern aus Angst nicht erzählen. Nicht die Infektion, sondern dass sie in ihrer Familie nicht darüber reden und innerlich vereinsamen, ist das Schlimme. > Bericht: Seite C 3

Foto: Gerrit Dauelsberg