1. Saarland

Berufsbetreuer: Eine resolute Frau für schwierige Fälle

Berufsbetreuer : Eine resolute Frau für schwierige Fälle

Elke Holstein aus Sulzbach betreut Alkoholiker, Drogenabhängige, Straffällige, Behinderte und Demenzkranke

„Ich habe gerade erst zwei Katzen ins Heim gebracht.“ Wenn Elke Holstein das erzählt, meint sie nicht das Tierheim, sondern ein Altenheim. Die Berufsbetreuerin musste vor ein paar Jahren eine ihrer Betreuten ins Heim bringen. Der alten Dame war es nicht mehr möglich, sich allein zu Hause zu versorgen. Dann gehört die Haushaltsauflösung zu den Aufgaben einer Berufsbetreuerin. Den Umzug in das Seniorenheim erledigte die 53-Jährige routiniert.

Doch wohin mit den Haustieren? Erleichterung für alle Beteiligten, als Elke Holstein erfuhr, dass auch Katzen in dem Dudweiler Heim willkommen sind. „Also bin ich zur Tierhandlung und habe neue Fressnäpfe, Körbchen und ein Katzenklo besorgt, damit die Tiere im Heim einziehen können“, sagt die seit 2010 als Berufsbetreuerin aktive Sulzbacherin.

„Um effektiv zu arbeiten, muss man den Beruf lieben“, versichert die 53-Jährige. „Es darf einem nichts zu viel sein!“ Dabei wusste die gelernte Bürokauffrau nicht, dass sie einmal Betreuerin werden würde. Aber sie wusste, dass nur Büroarbeit sie nicht befriedigen würde. Trotzdem machte sie noch einen Sekretärinnenkurs, der ihre Position im Büro jedoch eher festigte als mehr Freiraum ermöglichte.

Die zweifache Mutter schulte zur Podologin (Fußpflegerin) um. „Einerseits schuf mir die selbstständige Arbeit die Freiräume, mich sowohl der Kindererziehung wie einer befriedigenden Beschäftigung zu widmen. Andererseits konnte ich mit Menschen arbeiten und meine Bürokenntnisse für meine Verwaltung einsetzen.“ Dabei entstanden Kontakte zu Pflegezentren und älteren Leuten.

„Ich habe keine Berührungsängste“, stellt die verheiratete Frau fest. Zwölf Jahre hat sie „an Füßen gearbeitet“. In der Zeit pflegte sie auch die über 80-jährige Oma ihres Mannes. Zur Jahrtausendwende wurde Elke Holstein nach einem schweren Unfall ihrer Tochter mit dem Thema Betreuung konfrontiert. „Da wurde mir bewusst, dass es Situationen im Leben gibt, in denen Hilfe von kundigen und vertrauensvollen Fremden benötigt wird“, erinnert sich Holstein an ihren Einstieg als Betreuerin. Bei einer Beratung durch den Sozialarbeiter Johannes Schneider vom Betreuungsbüro des Regionalverbandes Saarbrücken ließ sie sich als ehrenamtliche Betreuerin gewinnen. „Ohne diesen Kontakt wäre ich noch heute als Podologin unterwegs“, sagt Holstein. Zehn Jahre lang führte die Sulzbacherin bis zu zehn ehrenamtliche Betreuungen. „Das sind die ‚einfachen’ Fälle“, erläutert sie. „Da ist von hauptamtlichen Betreuern alles geregelt: Haus verkauft, Rentenanträge gestellt und über die Unterbringung im Heim die Versorgung gesichert“, erklärt die Sulzbacherin.

Ehrenamtliche Betreuer organisieren das Leben von Heimbewohnern, die aufgrund psychischer Krankheiten, körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderungen nicht in der Lage sind, ihre Angelegenheiten selber zu regeln. „Dabei geht es im Wesentlichen um die Erledigung von Schriftverkehr mit den Sozialhilfeträgern. Natürlich gehören zur Arbeit auch Besuche im Heim, um zu sehen, dass es den Betreuten gut geht.“

Das erledigte die Mutter zweier Töchter so gut, dass sie 2010 vom Regionalverband Saarbrücken zu einem Vorstellungsgespräch für Betreuer eingeladen wurde. Die Frage, ob sie Berührungsängste gegenüber Alkoholikern, Drogenabhängigen oder anderen möglichen Klienten habe, verneinte die 53-Jährige.

Doch die Arbeit einer Betreuerin ist nicht immer leicht: In Friedrichsthal fand Elke Holstein bei einem ihrer wöchentlichen Besuche eine Alkoholleiche. Aus Dudweiler hatte ein Mann angerufen, dass seine Freundin tot in der Wohnung liege. Zwei Tage vor Heiligabend entdeckte sie die von ihr betreute Mittfünfzigerin, die an einer Alkoholvergiftung verstorben war. Derzeit hat Holstein 105 Straftaten „in Verhandlung“, wobei sie die Diebstähle aus Altenheimen als „unterstes Niveau“ bezeichnet. Dann war da noch das total vermüllte Haus eines Mannes. Aus der Kühltruhe drang der Ekel erregende Geruch faulenden Fleisches. Das Surren zahlloser Mücken hätte sie darauf hinweisen müssen, dass die Wohnung von Maden übersät war. „Aber damals war ich noch neu. Entweder schaffst du das“, habe sie sich gesagt, „oder du machst etwas anderes.“

Sie hat es geschafft, „denn es tut dir selber gut, wenn du anderen helfen kannst. Wenn Heimbewohner im Sterben liegen gehe ich hin, um mich zu verabschieden“, berichtet Holstein. Altenheime, Gesundheitsämter oder Obdachlosenheime, die sich um das Wohlergehen ihrer Klienten sorgen, schlagen die Sulzbacherin immer wieder als Berufsbetreuerin bei Gericht vor.

Auch vom Vormundschaftsgericht werden ihr aufgrund der vorhergehenden ehrenamtlichen Tätigkeit gerne „die schwierigen Fälle“ übertragen. „Ich betreue Alkoholiker, Drogenabhängige, Straffällige, Behinderte und Demenzkranke“, erzählt Elke Holstein. „Meine Klienten sind zwischen 22 und 101 Jahren alt.“ Für ihre jüngeren Betreuten hat sie schon einige private Insolvenzverfahren auf den Weg gebracht, um deren Zukunft frei von finanziellen Sorgen gestalten zu können. „Ich muss sehen, dass Alleinstehende nicht verwahrlosen, Verwahrloste zu einem ordentlichen Leben zurückfinden.“ Zu ihrem Aufgabenbereich gehören die Organisation von Krankenhausaufenthalten und Rehabilitationsmaßnahmen, der Verkauf von Häusern zur Finanzierung einer eventuell notwendigen Heimunterbringung und – in wenigen Fällen – die Vermögensverwaltung.

Gespräche mit Polizei und Gerichten sind Alltag: „Da klaut einer einen Lkw für eine Spritztour durch das Saarland. Ein anderer sucht Hasenfutter und findet dabei eine Hanfpflanze, die er zu Hause weiter wachsen lässt, bis Nachbarn die Polizei rufen. Und wieder ein anderer bricht bei einer Motorradgang ein.“ Das sind ihre Kandidaten für die Entzugsanstalt auf dem Schaumberger Hof oder der Merziger Psychiatrie.

Was man als hauptberufliche Betreuerin braucht? Dazu hat die Sulzbacherin klare Vorstellungen: soziales Engagement, Menschenkenntnis und „man muss sich einarbeiten wollen. Da helfen eine solide Berufsausbildung und Gesetzeskenntnis“. Holstein bedauert, dass das Bild der Berufsbetreuer oft in schlechtem Licht dargestellt werde. „Diejenigen, die sich nicht um ihre Betreuten kümmern und dann auch noch wegen Unterschlagung von fremden Vermögen in die Schlagzeilen kommen, machen all’ die engagierte Arbeit zunichte, von der leider keiner erfährt“, sagt Holstein.

Rund 1,3 Millionen Menschen sind in Deutschland auf Betreuung angewiesen – rund 13 000 Berufsbetreuer übernehmen deren Beratung, Unterstützung und Vertretung. „Man braucht eine gewisse Empathie für schwierige Menschen“, sagt Elke Holstein. Aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland gibt es Bedarf an zuverlässigen, vertrauensvollen und im Sozialwesen kundigen Betreuern, denn zunehmend mehr Menschen sind vom Leben überfordert und brauchen ohne Anverwandte Unterstützung, weil sie sich nicht selbst versorgen können.

Zwischen 201 und 854 Euro zahlt das Vormundschaftsgericht für eine Betreuung im Quartal. Bei Elke Holstein entspricht ihr Einkommen einem guten Bürojob. Als Freiberuflerin muss sie davon allerdings alle Ausgaben von der Krankenversicherung über das unerlässliche Auto bis hin zum Büro bestreiten. „Man kann davon leben, muss aber auch rund um die Uhr bereit sein, bei Problemen der Betreuten sofort Lösungen anbieten zu können“, betont Holstein. Für ihre jüngeren Betreuten ist die zweifache Mutter eine resolute Helferin, wenn sie selber nicht mehr weiter wissen.