Eine Kriegslist rettete die Dillinger EisenbahnbrückeSoldaten schrieben für Feldzeitung

Eine Kriegslist rettete die Dillinger EisenbahnbrückeSoldaten schrieben für Feldzeitung

Die Tage der Wehrpflicht sind wohl gezählt, die Bundeswehr als Ganzes schrumpft, umso immenser wirkt heute die große Mobilmachungsübung vor 40 Jahren im Saarland. 5000 Soldaten und 1000 Militärfahrzeuge probten im September 1970 zwölf Tage den Ernstfall, zu großen Teilen im Landkreis Saarlouis

Die Tage der Wehrpflicht sind wohl gezählt, die Bundeswehr als Ganzes schrumpft, umso immenser wirkt heute die große Mobilmachungsübung vor 40 Jahren im Saarland. 5000 Soldaten und 1000 Militärfahrzeuge probten im September 1970 zwölf Tage den Ernstfall, zu großen Teilen im Landkreis Saarlouis.In der Zeit der erst beginnenden Ostpolitik unter Kanzler Willy Brandt zitierte die Saarbrücker Zeitung Landesinnenminister Ludwig Schnur damals so: "Nur der Abschreckungswirkung, die von der Nato und ihrer Verteidigungsbereitschaft ausgehe, sei die stabile Lage im Spannungsfeld zwischen West und Ost zu verdanken." Der Öffentlichkeit blieb das Kriegsspiel fast verborgen. Zu den offiziellen Schlachtenbummlern, die den Verlauf inspizierten, zählten ein gewisser Helmut Kohl, damals Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, und Generalmajor Karl-Theodor Molinari, Gründungsvorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbandes. Die Wehrbereichsführung war zunächst skeptisch gewesen, weil "die Verbandsübung ein gewisses Risiko in sich geborgen habe, da sich die eingesetzten Verbände zu 95 Prozent aus Reservisten zusammensetzten". Dass es "nur zwei leichte Unfälle und geringe Flurschäden" gegeben hat, registrierte sie als Erfolg. Vielleicht klang darin die Ahnung an, dass auch hier auf den Schlachtfeldern mehrerer Kriege nicht jeder Reservist den Test so ernst nahm wie einen Ernstfall. Das ist Erzählungen von Hans Dieter Berger zu entnehmen, die der Bexbacher jetzt zusammengetragen hat, inspiriert von einem historischen Foto der Dillinger Eisenbahnbrücke in der Saarbrücker Zeitung. Die Brücke der Niedtalstrecke hatte der Feldwebel der Reserve nämlich als stellvertretender Zugführer des 4. Zuges in dem Planspiel zu verteidigen in der Sicherungskompanie 4611 mit heimatnah eingeteilten Reservisten aus Saarlouis, Ensdorf, Lisdorf und Umkreis.Bei der Übung - "Sicheres Grubenlicht" genannt - stellten die aktiven Bundeswehreinheiten die Angreifer der Streitkräfte Orange und die Schiedsrichter, die das Geschehen bewerteten. Den Objektschutz der Verteidiger, der "Blauen Kräfte", übernahmen die Reservisten. Sogar Luftangriffe simulierten Jagdflieger aus dem Süddeutschen und Belgien. "Kaum hatte die Übung des Ernstfalls begonnen, überflog ein Düsenjet unseren Bereich", erinnert sich Berger. "Schon erklärte der Schiedsrichter unseren Zugführer für getroffen und tot. Zu schön hatte der in der Saarwiese zwischen Dillingen und Rehlingen gestanden und zugeschaut, wie der Jet zum Tiefflug ansetzte. Es fehlte nur noch, dass er ihm gewunken hätte." Prompt war der Bexbacher gefragt: "Berger, was machen Sie jetzt?", wollte der Schiedsrichter wissen. "Meldung an den Kompaniechef und den Zug übernehmen", war seine Antwort. "Gut, aber was machen Sie nun mit Ihrem toten Kameraden?" Berger stutzte: "Das war eine Überlegung wert; lasse ich den abtransportieren?" Die Kompanie hatte kein Fahrzeug, nur einen Kradmelder. "Abtransport gibt es nicht, wir sind im Ernstfall", dirigierte der offizielle Beobachter. Also Beerdigung vor Ort. "Der Gräberregistriertrupp muss her." Dass so etwas existierte, war Berger neu, räumt der 69-Jährige heute ein. Doch eine halbe Stunde rückte der Trupp an, um den Punkt für eine spätere Umbettung des Gefallenen zu dokumentieren. Der Zugführer musste dann trotz realitätsnaher Übung nicht unter die Erde. Anders als ein Fußballer, der die Rote Karte bekommt, wurde er nicht des Platzes verwiesen. Er musste in der Nähe bleiben, sich aber aus der Übung raushalten - was ihm schwerfiel.Schnell hatte die Truppe gelernt, den Schiedsrichter, ein kompromissloser Hauptmann vom Kreiswehrersatzamt Trier, nicht aus dem Blick zu lassen. "Überall hatte er seine Augen, nichts entging ihm", fasst Berger zusammen, "tauchte ständig an allen möglichen Stellen auf, immer die Aktentasche unterm Arm." So zog er Neugier auf sich. Zog sich der Schiedsrichter mittags zu Körperpflege, Aktenstudium und Ruhepause ins Zelt zurück, beobachtete ihn ein Völklinger Obergefreiter durch einen Zeltspalt. Ständig mussten die Reservisten auf der Hut sein, nicht vom Orange-Lager überrascht zu werden. Eines Nachts Alarm: Gegen zwei Uhr früh läuft ein Unbekannter, direkt auf abgesperrtes Gebiet zu, trotz Aufforderung, das Kennwort zu nennen, immer weiter. Ein Ablenkungsmanöver? Bis der circa 30-Jährige in den Stacheldraht der Absperrung stürzt, sich verheddert, Hemd und Hose zerreißt, sich Schnittwunden zuzieht und jämmerlich zu schreien anfängt. Hier war echte Not: Sanitäter eilten herbei, versorgten die Wunden. Der Schiedsrichter neutralisierte das Geschehen und fuhr den Zivilisten heim. Doch als er bei der erfragten Adresse klingelte, rief die Mutter des Verletzten: "Der kommt mir nicht herein, der ist in Merzig in der Nervenheilanstalt untergebracht", und warf die Tür zu. Die Spannung blieb, wann Orange zum Angriff blasen würde. Immer wieder attackierten die Angreifer andernorts. Fallschirmspringer eroberten den Sender "Europa 1" auf dem Sauberg in Berus - ein hessisches Jägerbataillon eilte aus Lebach herbei und nahm den Stützpunkt wieder ein. Aber die Brückenschützer blieben noch ungeschoren. Feldposten auf dem Bahndamm erspähten mit Nachtsichtgeräten mehr Liebespaare als Gegner, weiß Berger rückblickend. Da kam dem frischgebackenen Zugführer die Neugier des Obergefreiten gelegen. Das Völklinger Schlitzohr hatte sich während der Mittagsruhe ins Zelt des Schiedsrichters geschlichen, einen Blick in die Geheimnis umwitterte Tasche des schlafenden Hauptmanns gewagt und den Ablaufplan der Übung entdeckt. "Diese, wenn ich es einmal so nennen darf, angewandte Kriegslist brachte mir als Zugführer viel", erklärt Berger. "So wusste ich, dass in der kommenden Nacht die Brücke zerstört werden sollte, wann und wo der Angriff starten sollte." Eine offizielle Umstrukturierung seines Zuges hätte diesen Wissensvorsprung verraten, also sprach er sich mit seinen Gruppenführern heimlich ab. "Gar nicht so einfach. Überall lag der Schiedsrichter in Lauerstellung - und hatte der untätige ,tote' Ex-Zugführer etwas gerochen?" Der Plan klappte. Berger, der wusste, dass Orange mit Schlauchbooten flussabwärts angreifen wollte, dünnte nach Anbruch der Dunkelheit die äußeren Feldposten aus und verstärkte den Schutz der Brückenpfeiler. Die Attacke kam eine Stunde früher als geplant. "Aber wir haben sie erwartet und ihnen tüchtig Senf gegeben, mit Platzpatronen von unten und oben, rechts und links. Im Ernstfall wären sie nicht mal bis zu den Brückenpfeilern gekommen." Nach dem abgewehrten Angriff verlagerte sich das Geschehen, im Saartal kehrte Ruhe ein. Während der untote Zugführer bei der Feldparade in Lebach mitmarschierte, organisierte Berger den Abbau des Lagers als "Nachmittag der offenen Tür" für Frauen und Kinder der Soldaten. Platzpatronen und Leuchtmunition gaben ein Feuerwerk. Doch endete die Wehrübung nicht heiter, sondern ernst. "Das Lager war abgebaut, alles mit dem Lkw nach Merzig in die Kaserne ,Auf der Ell' geschickt", berichtet Berger. "Alle waren weg: der Feldwebel mit den Soldaten, sämtliches Gerät. Nur die Waffen sollten noch geholt werden, aber keiner kam." Nur 20 Monate nach den vier Soldatenmorden beim Überfall auf das Munitionsdepot der Lebacher Fallschirmjäger saß Berger mit über 30 Gewehren, drei Maschinengewehren, drei Panzerfäusten, fünf Leuchtsignalpistolen und drei Pistolen allein in einem Zelt auf den Saarwiesen. "Es wurde Nacht, Nebel kam auf, keine zehn Meter weit konnte ich sehen. Komisches Gefühl da mutterseelenallein auf weiter Flur zu sein. Mir ging die Klammer und schlafen konnte ich gar nicht." Sein Vorteil: So wenig er sah, so wenig wurde auch gesehen.Kreis Saarlouis. Für die Reservistenübung im September 1970 erschien täglich eine Feldzeitung mit dem Namen der Übung "Sicheres Grubenlicht". Voriges Jahr konnte der Bexbacher Hans Dieter Berger die Zeitung im Bundesmilitärarchiv in Freiburg ausfindig gemacht hat. Zuständig war damals die Topographielehrbatterie 700. Neben der Beschreibung der Übung zielten einige eher kommentierende Beiträge der Zeitung auch darauf, die Moral der Truppe zu stärken. So hieß es unter der Überschrift "Reservist vollwertiger Kämpfer" in der Ausgabe vom 8. September 1970: "Die Übung ,Sicheres Grubenlicht' wird zeigen, dass der übende Reservist ein vollwertiger Kämpfer und Kamerad ist! Das Gros der eingesetzten Kräfte - Geräteeinheiten, Sicherungskompanien und das Jägerbataillon - bestehen aus Reservisten. Es sind gestandene Männer, die Können und Einsatzwillen immer wieder unter Beweis stellen. Dass die meisten von ihnen Saarländer sind, mag viel dazu beitragen. Für sie wird die enge Verbindung zu Haus und Hof nicht unterbrochen, sie üben in der Heimat - ein Beweis für die Richtigkeit der Konzeption, die bei der Aufstellung der Heimatschutztruppe Pate stand: Der Reservist schützt seine Heimat!" kni "Kaum hatte die Übung begonnen, wurde der Zugführer für tot erklärt." Erinnerungen eines Reservisten"Diese Kriegslist brachte mir als Zugführer viel." Hans Dieter Berger

Auf einen BlickNach ihrer Rettung in dem Kriegsspiel überlebte die Brücke von 1901 übrigens gerade noch sechs Jahre und wurde 1976 durch eine neue Konstruktion ersetzt.Reservisten, die an der Übung teilgenommen haben und sich darüber austauschen wollen, erreichen Hans Dieter Berger unter (0 68 26) 93 82 63. kni

Mehr von Saarbrücker Zeitung