Eine Gastfamilie ohne Gäste

Obersalbach · Ein Leben ohne Annette und Mary? Das können sich Eva und Günter Merten gar nicht mehr vorstellen. Das Ehepaar beteiligt sich seit neun Jahren an einem Gastfamilienprogramm für seelisch kranke Menschen.

Es riecht nach Kuhmist. Die Vögel zwitschern. Pudel Daiki springt auf und ab. Willkommen bei Familie Merten in Obersalbach. Ein dreigeschossiges Einfamilienhaus. 200 Quadratmeter. Villa Kunterbunt mitten im Saarland. Und obwohl Pippi Langstrumpf nicht zu den Mitbewohnern zählt, ist das schwedische Lebensgefühl gar nicht so weit entfernt. Denn als Annette Gramm nach vielen seelischen Achterbahnfahrten vor acht Jahren bei den Mertens einzieht, ist ihr erster Gedanke: "Ich habe mich gefühlt wie die Königin Silvia." Dabei kann sie sich ein herzhaftes Lachen nicht verkneifen.

Rechts daneben thront Mitbewohnerin Marie Luise Mörsdorf wie eine Adlige auf ihrem Sessel. An ihrem Stammsitz. "Marie" oder "Mary", wie sie alle hier nennen, lässt dabei ihr Blöckchen nie aus der Hand. Notiert Wörter wie "Faasebooze" oder "Vorstellung". Namen und Gesprächsfetzen, die sie akribisch dokumentiert. Die Schrift ist leicht unleserlich. Die Rechtschreibung könnte schlimmer sein. Wenn Mary spricht, ist es schwer, sie akustisch zu verstehen. Aber ihre Gedanken sind oft glasklar. "Sie weiß genau, was sie will", sagt Gastmutter Eva Merten.

Die beiden Frauen, Gramm 54 und Mörsdorf 68 Jahre alt, leben seit fast neun Jahren bei den Mertens. Marie Mörsdorf seit Oktober 2008, Annette Gramm seit April 2009. Gastfamilie? Eigentlich ist der Begriff hier fehl am Platz. Denn hier gibt es keine Gäste. Hier gibt es nur Familie.

Mörsdorf und Gramm brauchen genau das. Denn sie sind dauerhaft seelisch erkrankt. Wie derzeit 28 weitere Männer und Frauen sind die beiden Frauen Teil des Gastfamilienprogramms, das das Zentrum für Psychiatrische Familienpflege der SHG-Kliniken in Völklingen organisiert. Die Gäste bekommen nicht nur familiären Rückhalt. Sie haben auch einen Betreuer, der das Leben in der Gastfamilie begleitet. In diesem Fall heißen die Betreuer Frank Budzinski und Andrea Blum-Schröter. So wie heute besuchen der Heilerziehungspfleger und die medizinische Fachangestellte ihre Schützlinge alle drei bis vier Wochen. Mehr Begleitung sei im Falle der Mertens nicht nötig, sagen beide.

Zu anderen Patienten müssten sie dagegen täglich. Jede Familie habe eine eigene Dynamik. Budzinski: "Familien sind wie Kartoffelsalat. Es schmeckt immer anders." Zu Familie Mertens sagt er: "Es wäre gut, wenn es in der Gesellschaft mehr solcher Familien gäbe." Das Programm vergleicht er mit einer Partnervermittlung. "Manchmal passt es, manchmal passt es nicht." Deshalb sei Probewohnen Teil des Konzepts. Gast und Familie sollen sich erst einmal kennenlernen, bevor sie sich entschließen, vielleicht bis an ihr Lebensende zusammenzuwohnen: "Man muss ein Grundvertrauen haben, wenn ein fremder Mensch in der Wohnung ist."

Dieses Grundvertrauen testet Familie Merten, die schon seit 30 Jahren in ihrem Haus in Obersalbach lebt, erstmals im Jahr 2007. Da nimmt sie einen Mann mittleren Alters drei Wochen lang bei sich auf. "Der wollte gar nicht mehr heim", erzählt Gastmama Eva.

Spätestens dann wissen die Mertens, dass sie nicht nur mit einem, sondern mit zwei Gästen zusammenleben möchten. "Es war unsere gemeinsame Entscheidung. Wir haben meinen kranken Vater bis an sein Lebensende betreut. Es liegt uns in den Genen. Wir haben die Entscheidung in keiner Sekunde bereut." Und so selbstverständlich ist für sie auch der Umgang mit Mary, die nicht alleine duschen kann, die darauf besteht, in ihrem Zimmer einen Kanarienvogel und einen Wellensittich zu halten. "Sie ist unsere Vogelbeauftragte", sagt Mama Eva und lacht. In Marys Schlafzimmer, 25 Quadratmeter groß, müssen sich Medikamente auf der Kommode den Platz mit Skelett-Figuren teilen. Mary liebt Skelette. Und die Zeitschrift Micky Maus. 18 Jahre ihres Lebens habe sie in einer Behinderteneinrichtung in Losheim verbracht, erzählt Eva Merten. "Wir haben sie gleich ins Herz geschlossen." Ganz am Anfang habe sie oft in der Ecke gesessen und nicht viel gesprochen. Bei den Mertens blüht sie auf.

Genau wie ihre Gastschwester Annette, die am Frühstückstisch ihre Geschichte erzählt. Wie sie vor dem Einzug bei Familie Merten zwei Jahre lang in einer Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt Völklingen lebt und dann über die Bekanntschaft mit ihrer Betreuerin von dem Gastfamilienprogramm erfährt. "Das hatte ich vorher noch nie gehört", sagt sie. Sie erzählt von ihrer Jugend, von der Schulzeit auf dem Völklinger Marie-Luise-Kaschnitz-Gymnasium, von Migräne-Anfällen, die sie nicht in den Griff bekommt. "Es war ein Friss-oder-stirb", sagt sie über ihre damalige Lage.

"Ich wollte Arzt- oder Apothekenhelferin werden. Oder Lehrerin." Nach der Schule habe sie 95 Bewerbungen verschickt und nur eine Zusage bekommen: für eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin. Etwas, was sie eigentlich nie wollte. Und doch hilft es ihr. "Ich bin selbstständig geworden."

Dann erlebt sie Mobbing, kündigt und findet Arbeit in der Knappschaftsklinik in Püttlingen. "Als Mädchen für alles." Gramm erinnert sich, wie sie mit weißem Kittel durch die Flure stolziert und Fremde sie mit "Frau Doktor" ansprechen. Zehn Jahre lang. Bis sie 37 ist und eine private Krise sie in die Frührente treibt.

Krankenhausaufenthalte prägen von nun an ihren Alltag. Es ist ein Kapitel, über das Gramm nur ungerne spricht. Ihr Blick schweift ab. Sie steht auf, geht auf den Balkon, raucht eine Zigarette. Nach ein paar Minuten kommt sie wieder, setzt sich an den Tisch. "Wenn mich einer hier wegtragen wollte, würde ich mich am Tisch festhalten." Gastmama Eva lacht und nickt: "Wir sind eine Einheit." Die Mertens haben noch zwei Töchter und eine Enkeltochter. Das Enkelchen und seine Tante leben mit Mörsfeld und Gramm in einem Haus. "Sie könnten meine Schwestern sein", sagt Gramm. "Ich möcht' sie nimmer hergeben."

Gramm ist in Obersalbach integriert. Jeden Mittwoch geht sie zum Turnen. Ein solcher Ausgleich ist auch für das Ehepaar Merten wichtig. 28 Tage Urlaub stehen ihnen als Gastfamilie im Jahr zu. "Wir raten den Familien immer, sich eine Auszeit zu gönnen", sagt Betreuerin Blum-Schröter. Demnächst geht es für Eva und Günter Merten nach Kroatien. "Wenn wir aus dem Urlaub zurückkommen, backt Annette immer Kuchen. Wir werden dann empfangen wie die Könige", sagt Mama Eva. Und wieder ein Lachen, eine Umarmung.

Wer das Geheimnis dieser Familie verstehen will, kommt am Ende vielleicht doch nicht um Pippi Langstrumpf herum. Die Mertens machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt. Mit einer großen Portion Liebe.

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