1. Saarland

„Eine einseitige Sichtweise“

„Eine einseitige Sichtweise“

Die öffentliche Kontroverse um die geplanten Windparks auf deutscher und französischer Seite der Grenze auf dem Saargau bei den „Steinen an der Grenze“ geht weiter. Der Sprecher des Kreisverbandes von Bündnis/Die Grünen, Karl-Heinz Raczek, hat nun die Pläne zur Errichtung von insgesamt 13 Windrädern (neun in Frankreich, vier im Saarland) gegen Kritik verteidigt.

Am Wochenende hatten Vertreter des Bildhauersymposiums "Steine an der Grenze" wie dessen künstlerischer Leiter, der Bildhauer Paul Schneider, Front gegen das Vorhaben gemacht. Er hatte, gemeinsam mit Ex-Kulturminister Jürgen Schreier und Alfred Diwersy, dem Vorsitzenden des Trägervereins, in einer Resolution an Kultusminister Ulrich Commerçon erklärt, die Errichtung der bis zu 200 Meter hohen Windräder in unmittelbarer Nähe der Steinskulpturen würde das Symposium als Gesamtensemble zerstören.

Diese Position kann der Grünen-Sprecher im Kreis nicht nachvollziehen: "Den geplanten Windpark direkt als Verschandelung zu betrachten, ist eine einseitige Sichtweise. Wir sollten honorieren, dass nachhaltige Energie eine intelligente Idee ist und die Umwelt schont. Vielleicht sind das ja auch sympathische Aspekte, die gar dem Image der Region zu Gute kommen?", erklärt Raczek gegenüber der SZ.

Ganze Landstriche freizuhalten von dieser "dringend benötigten Technologie", entspricht aus seiner Sicht nicht weiter der Lebensrealität. Razcek mahnt: "Viele leben in der Illusion, wir hätten Zeit. Die haben wir nicht. Wir müssen unverzüglich handeln und schon mal die Schritte vornehmen, die wir tun können, um den negativen Auswirkungen unseres immer noch zunehmenden Energiebedarfs entgegenzuwirken." Windräder könnten demontiert werden, einmal produzierter Atommüll bleibe indes für viele Generationen ein nicht wieder gutzumachendes Problem. "Derzeitige Dauerbaustellen wie Tschenobyl und Fuku-shima bedrohen uns fernab der Medienpräsenz fast unbemerkt weiter. Allein ein trocken laufender Brennstab in Fuku-shima könnte uns zu den Boat-People der Zukunft machen - denn die Kettenreaktion hätte das Potenzial, die ganze Nordhalbkugel zu verseuchen", betont der Grüne.

Er sieht offenbar sogar die Möglichkeit, dass die Skulpturen bei "Steine an der Grenze" und die dort geplanten Windräder einmal ein sinniges Gesamtensemble ergeben könnten. "Wir werden einmal durch einen deutsch-französischen Windpark spazieren gehen, Kunstwerke säumen den Weg, und die Aussicht wird dort trotzdem noch sehenswert bleiben." Vielleicht könnte im Gegenzug dafür der Anblick des Atomkraftwerkes Cattenom einmal von der Bildfläche verschwinden. "Also, wohin denn sonst, wenn nicht dorthin?", findet Razcek.

Vielleicht könnten die Windräder bei zukünftigen Spaziergängen an der Grenze auch als Mahnmal herhalten dafür, "dass sie sich wegen uns drehen, um unseren Hunger nach Energie zu stillen". Razcek fährt fort: "Deshalb sind wir aufgerufen, Veränderungen, die unserem Lebensstil geschuldet sind, kritisch jedoch auch kreativ zu begleiten und verantwortbare Maßnahmen, die der Vernunft und dem gesunden Menschenverstand Rechnung tragen, zu akzeptieren." Welche Brücke, so der Grünen-Sprecher abschließend, "wäre sinniger zu schlagen als die zwischen unserer Lebenswahrnehmung und den Anforderungen und Fragen unserer Zeit"?