Ein Türke erklärt das deutsche Bildungssystem

Ein Türke erklärt das deutsche Bildungssystem

Saarbrücken. Für viele Migranten ist das deutsche Bildungssystem nur schwer zu durchschauen, selbst noch in der zweiten und dritten Generation. "Meist kommen Eltern auf mich zu, wenn es um die Wahl der weiterführenden Schule für ihr Kind geht", sagt Harun Kilic

Saarbrücken. Für viele Migranten ist das deutsche Bildungssystem nur schwer zu durchschauen, selbst noch in der zweiten und dritten Generation. "Meist kommen Eltern auf mich zu, wenn es um die Wahl der weiterführenden Schule für ihr Kind geht", sagt Harun Kilic. Der gebürtige Saarbrücker mit türkischem Pass ist zwar erst 20 und selbst noch in der Ausbildung - aber in Sachen Bildung, Aus- und Fortbildung ist er ein Experte. Denn Kilic hat sich im Auftrag seines Vereins, der D.I.T.I.B. - türkisch-islamische Gemeinde Saarbrücken, zum "Bildungsbeauftragten" schulen lassen.Über rund eineinhalb Jahre erstreckte sich diese vom Bundesbildungsministerium und dem Europäischen Sozial-Fonds geförderte Qualifizierungsmaßnahme, durch die Migranten Berater aus den eigenen Reihen erhalten.

16 Frauen und Männer haben erfolgreich an dieser Maßnahme teilgenommen, die das Koordinierungsbüro Schule-Beruf (KoSa) des Regionalverbands und das Qualifizierungsmanagement (Quasa) des Zentrums für Bildung und Beruf (ZBB) Saar gemeinsam durchgeführt haben.

Neben einem Zertifikat bekam jeder Teilnehmer zum Abschluss individuelle Plakate in der von ihm gewünschten Sprache mit auf den Weg, um auf seine ehrenamtliche Beratertätigkeit aufmerksam zu machen. Am wichtigsten aber ist für Harun Kilic, der Aktenordner, der sich im Laufe der Schulung füllte. In dem hat der Türke bei jeder Beratung Schaubilder, wichtige Adressen und Ansprechpartner von allen Bildungseinrichtungen, Schulen, Universitäten, Behörden bis hin zu den Kammern und Berufsverbänden sofort zur Hand. "Bildung wurde in unserer Familie immer sehr wichtig genommen", sagt Kilic. Sein Großvater wanderte in den 60er Jahren als Gastarbeiter ein, sein Vater hat hier Betonbauer gelernt. Harun besuchte erst das Gymnasium, wechselte dann zu einer Erweiterten Realschule, dann zur Fachoberschule für technische Informatik und macht derzeit eine Ausbildung zum technischen Modellbauer bei Halberg Guss. "Von daher habe ich praktisch alle Schulformen kennengelernt", sagt er schmunzelnd. So ungefähr 15 bis 20 Eltern-Paare seiner Moscheegemeinde hätten sich seit Juni 2010, dem Beginn der Qualifizierung, bereits Rat suchend an ihn gewandt, berichtet Kilic. Eine Familie habe ihren Sohn unbedingt auf ein Gymnasium schicken wollen, nennt er ein Beispiel. "Die Noten waren nicht sehr gut, die Lehrerin hatte zur ERS geraten." Kilic erläuterte den Eltern, dass ihr Sohn auch nach dem erfolgreichen Abschluss noch zum Gymnasium wechseln könne. Einem Gleichaltrigen wiederum drohte der Abbruch der Ausbildung, weil seine Firma insolvent wurde. Auf Kilics Rat hin wandte er sich an die Handwerkskammer und fand so zu einer anderen Firma.

Wenn Kilic einmal nicht weiterweiß, kann er sich an die KoSa wenden. Sie hilft ihm auch, wenn er sich über Neuerungen im Schulsystem wie die Einführung der Gemeinschaftsschule schlaumachen muss. Kilics Gemeinde ist mit ihrem jungen Ehrenamtler offenbar sehr zufrieden: Sie möchten ihn jetzt zusätzlich in ihren Vorstand aufnehmen. sbu

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