1. Saarland

Ein Stadtteil lebt vom regen Vereinsleben

Ein Stadtteil lebt vom regen Vereinsleben

Erschwerte Bedingungen herrschten an jenem Samstag, an dem die Einwohner von Merchingen zusammenkamen, um für das Foto zur SZ-Aktion „Unser Ort hat viele Gesichter“ Modell zu stehen. Denn leider war der Dorfplatz, der eigentlich wesentlich besser für so ein Foto geeignet wäre, wegen des DRK-Kreistags belegt.

Die Kirche St. Agatha wurde von dem Tiroler Baumeister Clemens Holzmeister entworfen.
Ortsvorsteher Helmut Hoff.
In diesem Haus wird im Juni der Dorfladen eröffnen.

"Daher mussten wir auf den kleinen Dorfplatz ausweichen", erklärt Helmut Hoff (58), seit 2003 Ortsvorsteher des Merziger Stadtteils. Das Problem: Auf dem Platz konnten nicht alle der zahlreichen Bürger, die erschienen waren, untergebracht werden und, zu allem Überfluss, liegt er auch noch direkt an der Hauptstraße des Ortes, der Honzratherstraße. So musste man für das Foto auf die gegenüberliegende Straßenseite wechseln - bei dem Verkehr und den vielen Menschen kein leichtes Unterfangen.

Als diese Strapazen vorbei waren, hatte der Ortsvorsteher endlich die Möglichkeit, ein wenig über seinen Ort zu berichten. Zentrum von Merchingen ist das Vereinshaus, das die 16 örtlichen Vereine selbstständig verwalten. Das Besondere daran: "Normalerweise übernimmt die Stadt diese Aufgabe. Dass die Vereine ihr Vereinshaus selbst verwalten, ist mittlerweile sehr selten", erläutert Hoff. Die Vereine seien sehr aktiv, besonders die Jugend hebe sich durch ihr Engagement hervor. "Erwähnenswert sind vor allem der Heimatverein, der Bräuche erhält und bereits zwei Heimatbücher herausgegeben hat, der Kaninchenzuchtverein, der auf Landes- und Bundesebene sehr erfolgreich ist, sowie der Bauernverein, der an alte Traditionen erinnert und mit den Landfrauen jährlich das Erntedankfest ‚Summerhunn' veranstaltet", schildert Hoff.

Zu den aktiven Vereinen gehören des Weiteren der Sportverein 1928, die Oldtimer-Freunde, der Kaninchenzuchtverein, die Laienspielgruppe und der katholische Kirchenchor. "Neben diesen Vereinen gibt es noch einige freie Gruppierungen, die sich mit diversen Veranstaltungen ins Dorfgeschehen einbringen", ergänzt der Ortsvorsteher. Die größte dieser Veranstaltungen ist zweifelsohne der Merchinger Rosenmontagszug, der zwar ein echter Besuchermagnet ist, den Merchingern aber allmählich über den Kopf wächst. Hoff: "Es kommen immer mehr auswärtige Teilnehmer. Für uns ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Die Besuchermengen sind eigentlich auch nicht mehr zu organisieren. Ich warte jetzt die Regelungen der Stadt Merzig ab, um dann mit dem Ortsrat und der Vereinsgemeinschaft zu entscheiden, wie der Zug im nächsten Jahr durchgeführt wird."

Touristischer Glanzpunkt Nummer eins ist zweifellos die Clemens-Holzmeister-Kirche St.Agatha, neben St. Maria-Magdalena in Brotdorf das einzige andere Werk des Tiroler Architekten im Saarland. Einen Tipp für Wanderer hat der Ortsvorsteher parat: "Zwischen Brotdorf und Merchingen verläuft der so genannte Clemens-Holzmeister-Weg, der unter anderem auch am Gedenkkreuz ‚Galgenberg' vorbeiführt."

Weitere Sehenswürdigkeiten sind die beiden Kapellen: die Marienkapelle am Galgenberg, die nach dem Zweiten Weltkrieg von der Kolpingfamilie errichtet wurde, und die Antoniuskapelle, die auf dem ausgesiedelten Antoniushof von dessen Besitzer im Jahre 2009 erbaut wurde. Der Verbundenheit mit seiner Geschichte verleiht Merchingen auch mit dem Dorfgeschichtsweg Ausdruck. Hoff: "An mehreren Stellen im Ort sind Tafeln verteilt, auf denen ein Stück der Geschichte unseres Ortes verewigt ist. Man kann die Tafeln in beliebiger Reihenfolge besuchen, und wenn man fertig ist, weiß man alles Wissenswerte über die Dorfhistorie."

Für Menschen mit Behinderungen ist in Merchingen ebenfalls gesorgt: "Wir haben hier neben einem Kindergarten auch eine Caritas-Tagesförderungsstätte und die Schule zum Broch vor Ort. Beide Einrichtungen nehmen geistig und schwerbehinderte Menschen auf, wobei die Tagesförderstätte auch Erwachsenen offen steht", beschreibt Hoff. Die Tagesförderstätte gibt es bereits seit 30 Jahren im Ort, sie wurde vor kurzem aber in einen Neubau verlegt, da die Räumlichkeiten im alten Pfarrhaus nicht mehr ausreichend waren.

Leider sieht nicht alles im Ort erbaulich aus, der Ortsvorsteher hat auch schlechte Nachrichten: "Es fehlt uns insbesondere an der Infrastruktur, es gibt kein einziges Geschäft im Ort." Am 1. Juni wird aber immerhin ein Dorfladen neu eröffnet werden, der dann zum zentralen Treffpunkt im Ort werden soll, plant Hoff. Immerhin gibt es aber noch ein paar Betriebe, unter anderem eine Schnapsbrennerei und ein Getränkefachhandel.

Ein weiterer Dorn im Auge des Ortsvorstehers: die Raserei auf der Hauptstraße, der Honzratherstraße. "Der Verkehr braust hier mit einem Affenzahn durch den Ort, was in den Kurven ein echtes Sicherheitsrisiko darstellt. Da muss unbedingt etwas passieren", wünscht sich Hoff.

Das größte Problem ist und bleibt aber die rückläufige Einwohnerzahl, wie Hoff sagt. "Wir haben aktuell nur noch an die 930 Einwohner, und es werden immer weniger. Es ist aber auch offensichtlich warum: Unser letztes Neubaugebiet ‚Schlimmfeld' hatten wir Anfang der 80er Jahre, im Moment gibt es in Merchingen gerade mal vier Bauplätze", vermerkt der Ortsvorsteher betrübt. Es fehle einfach an jungen Leuten, meint Hoff. "Wir laufen in die Demografie-Falle, wie so manch anderer Ort auch."

Einen Wunsch äußert der Ortsvorsteher noch abschließend: "Anfang Februar fand lange Zeit die Agathakirmes bei uns im Ort, statt, eine alte Tradition, auf der aber leider mittlerweile nichts mehr los ist. Da es mir wichtig ist, solche alten Traditionen am Leben zu halten, wäre ich sehr froh, wenn wir die Kirmes wiederbeleben könnten."Merchingen wird erstmals im Jahr 816 erwähnt und dürfte eine fränkische Gründung sein. Funde von römischen Münzen, Scherben und Dachziegeln ebenso die Tatsache, dass sich hier einst drei Römerstraßen kreuzten, lassen zudem den Schluss zu, dass hier auch bereits vereinzelt Römer siedelten. Ein trauriges Kapitel der Merchinger Geschichte sind die überlieferten Hexenprozesse von 1591, in deren Verlauf eine Frau aus Merchingen und ihr Sohn hingerichtet wurden. 1593 starb Lawers Barbell ebenfalls auf dem Scheiterhaufen. Merchingen war 1643, 25 Jahre nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, gänzlich unbewohnt.

Erst 1667 begannen zwei Heimkehrer den Wiederaufbau ihrer Häuser. Der Ort gehörte bis 1766 zum Herzogtum Lothringen und danach bis 1816 zu Frankreich. Die ausgesteinte deutsch-französische Grenze von 1778/1779 umfasst beinahe zwei Drittel der Gemarkungsgrenze. 1830 gab es mehrere Brandkatastrophen im Ort zu beklagen: Am 1. Mai traf es 15 Häuser, am 26. Juli 13 Häuser und am 16. Oktober nochmals 14 Häuser - bei 69 Feuerstellen und 519 Einwohnern.

Bis heute hat auch die Landwirtschaft große Bedeutung in Merchingen: Allein 634 Hektar der heutigen Gemarkungsgröße von 943 Hektar wird immer noch landwirtschaftlich genutzt. Größter landwirtschaftlicher Reformer war Bauernpastor Mathias Deutsch, der 1846 in Merchingen eine landwirtschaftliche Schule gründete, die erste Schule dieser Art im gesamten Regierungsbezirk. 1892 erhält Merchingen außerdem noch eine Mädchenschule, ebenfalls keine Selbstverständlichkeit zu dieser Zeit.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts ändert sich das Ortsbild zusehends: 1912 erhielt man elektrischen Strom, 1929 wurde der Grundstein für die Pfarrkirche St. Agatha gelegt, 1930 kommt ein neues Pfarrhaus hinzu, während die alte Kirche zusehends abgetragen wird. Im Zuge der Gebietsreform kommt Merchingen 1974 mit 1008 Einwohnern als Stadtteil zu Merzig.