Ein rituelles Tauchbad soll Juden und Christen in Herxheim versöhnen

Rheinland-Pfalz : Tauchbad könnte Juden und Christen versöhnen

Nach dem jahrelangen Streit um die sogenannte „Hitler-Glocke“ in der Jakobskirche in Herxheim könnte ein Ritualbad nun Frieden mit jüdischen Kritikern stiften.

Eine lange vergessene Mikwe, ein jüdisches Ritualtauchbad, möchte Herxheim am Berg als Zeugnis für  das jahrhundertelange Zusammenleben von Juden und Christen in Zukunft  stärker in den Vordergrund  stellen. In einem Brief vom 5. April nimmt der parteilose Bürgermeister Georg Welker  erstmals direkten Kontakt zum Landesverband der jüdischen Gemeinden Rheinland-Pfalz auf. „Heute möchten wir Sie darüber informieren, dass wir im Rahmen unserer Arbeit an und mit der Vergangenheit uns mit dem letzten – aber besonderen – Objekt des jüdischen Lebens in unserem Ort, nämlich der wahrscheinlich einzigen noch existierenden privaten Mikwe in der Pfalz, näher befassen wollen. Sollten Sie Empfehlungen für den Umgang mit diesem religiös-kulturellen Denkmal haben, sind wir für eine Rückmeldung dankbar“, schreibt er. Die Mikwe könnte ein Weg aus der Sackgasse sein, in der sich beide Seiten befinden.

 Nach dem jahrelangen Streit um die sogenannte „Hitler-Glocke“ in der evangelischen Jakobskirche, die Gerichte und die internationalen Medien beschäftigte, ist ein Urteil gefallen. Die Glocke mit der Aufschrift „Alles für’s Vaterland – Adolf Hitler“ und einem Hakenkreuz darauf darf hängen bleiben. Nach Beschluss von Presbyterium und Gemeinderat wird sie aber nicht wieder läuten. „Als Mahnmal soll die Glocke dazu auffordern, sich mit der Vergangenheit verantwortungsvoll zu befassen, um für die Gegenwart und Zukunft zu lernen, rechtzeitig gegen Unrecht, Rassismus, Gewalt und Krieg das Wort zu erheben und Widerstand zu leisten“, steht auf der jüngst errichteten Gedenktafel vor der Kirche. Doch die jüdische Gemeinde ist damit nicht zufrieden. „Uns fehlt ein wichtiger Satz auf der Tafel, nämlich dass die Glocke nie mehr läuten wird“, schreibt Avadislav Avadiev, der Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Rheinland-Pfalz. „Nach unserem Empfinden ist das tatsächlich keine Gedenktafel, sondern eine reine Informationstafel.“

 Nicht weit von der christlichen Kirche mit der Tafel befindet sich die Mikwe. Christoph S. ist Mieter des Hauses aus dem 18. Jahrhundert, in dessen Keller sich das Tauchbad befindet.  „Ich hege und pflege sie“, berichtet der 70-jährige Maschinenbautechniker.  In seinem Keller voller Gläser mit selbstgemachtem Ketchup, eingelegten Tomaten, Gurken und Zuccini führen gleich neben der Waschmaschine zehn Stufen in ein Becken mit klarem, acht Grad kaltem Grundwasser hinunter. Die Mikwe war mit der Auswanderung der letzten Herxheimer Juden im 19. Jahrhundert lange in Vergessenheit geraten.  Wahrscheinlich hebräische Inschriften sind bei Umbauten in den 80ern verlorengegangen. Wie zahlreiche andere Deutsche, darunter die Familien Trump und Heintz aus dem Nachbarort Kallstadt, suchten die Juden aus  der verarmten Pfalz, meist  Vieh- und Weinhändler, in Amerika und anderswo ein besseres Leben. Erst 1999 hat der Herxheimer Hobby-Historiker Eric Hass die als Brunnen genutzte Mikwe wieder  ihrer ursprünglichen Funktion zuordnen können. Sie ist die einzige Dorfmikwe in der Pfalz, die noch Wasser führt und deshalb koscher ist, so Hass.

 Der israelische Archäologie-Professor Ronny Reich von der Universität Haifa und Katrin Keßler, von der Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa in Braunschweig – haben sie 2012 untersucht. Von fast 3000 Mikwen, die Keßler vom Mittelalter bis in die Gegenwart erfassen konnte, sind heute nur noch etwa 200 erhalten. Zahlreiche sind in schlechtem Zustand und nur wenige sind öffentlich zugänglich, so die Architekturhistorikerin. „Die großen, bekannten Ritualbäder des Mittelalters wie zum Beispiel in Andernach, Offenburg, Speyer, Worms, Köln oder Friedberg prägen zwar das allgemeine Bild, typischer für diese Baugattung sind aber jene neuzeitlichen, bescheideneren Bäder, die in großer Zahl in ganz Deutschland – vor allem in Süddeutschland – existiert haben“, erklärt sie. „Die Herxheimer Mikwe ist ein seltenes und  bemerkenswertes Zeugnis jüdischer Geschichte in der Pfalz“, urteilt Georg Peter Karn, Fachbereichsleitder Weiterbildung und Vermittlung der rheinland-pfälzischen Landesdenkmalpflege. Voriges Jahr hätten Juden hier Wasser geschöpft, erzählt Christoph S., in dessen Haus die Mikwe ist. Leider habe er sie nicht gefragt, wofür sie das Wasser brauchen. Und: „Für solches Wasser nimmt man kein Geld. Ich empfinde diesen Keller als liturgischen Ort“, gibt er seinen Gefühlen Ausdruck.

Die evangelische Jakobskirche in Herxheim bei Landau, in der die umstrittene „Hitler-Glocke“ hängt. Foto: Andrea Döring

 „Ich finde die Idee sehr gut, das jahrhundertelange Zusammenleben von Juden und Christen in den Vordergrund zu stellen. Man sollte jedoch nicht unangemessen harmonisieren“, meinte im März noch Michael Gärtner, scheidender Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche der Pfalz. Seine Nachfolgerin Dorothee Wüst  teilt diese Ansicht. Grundsätzlich begrüßt Avadiev von der jüdischen Gemeinde die Absicht, wendet aber ein:  „Unserer Ansicht nach stellt das einen Versuch dar, mit  einem  Versöhnungsprojekt  vom Problem mit der Hitlerglocke abzulenken beziehungsweise dieses zu entschärfen und zu lösen.“  Bürgermeister Welker sieht dagegen keinen Zusammenhang zwischen Glocken-Diskussion und Mikwe. „Die einzige Parallele ist, dass beide Themen lange liegen gelassen wurden und wir sie jetzt aufarbeiten wollen.“  Zum ersten Mal reden beide Seiten direkt miteinander. Mittlerweile seien Gespräche mit dem Verband geplant, auch ein Besichtigungstermin stehe im Raum, so Welker. Wie genau die Mikwe ins öffentliche Bewusstsein gerückt und ob sie überhaupt zugänglich gemacht werden könne, könne er nicht sagen. Dazu seien beispielsweise Gespräche mit den Eigentümern des Hauses nötig. „Aber ich weiß, dass das Ritualtauchbad wichtig ist für die jüdische Tradition im Ort und in der Pfalz“, erläutert Welker.