Ein exotisches Spiel, das von seiner Härte lebt

Forbach. Der Wind weht über die Tribüne, und die rar besetzten Ränge im Stadion in Forbach lassen es erahnen: Die Akteure auf dem Feld sind Exoten. Nur 30 Zuschauer verfolgen das Geschehen. Doch exotisch erscheinen auch sie - zumindest was sie ihre Anfeuerungsrufe angeht. "Hau ihn weg", ruft eine Anhängerin ihrer Mannschaft zu

 Alex Monroe von Stade Sarrois (rechts) lässt sich von seinen Teamkollegen hochheben, um den Ballbesitz zu sichern.

Alex Monroe von Stade Sarrois (rechts) lässt sich von seinen Teamkollegen hochheben, um den Ballbesitz zu sichern.

Forbach. Der Wind weht über die Tribüne, und die rar besetzten Ränge im Stadion in Forbach lassen es erahnen: Die Akteure auf dem Feld sind Exoten. Nur 30 Zuschauer verfolgen das Geschehen. Doch exotisch erscheinen auch sie - zumindest was sie ihre Anfeuerungsrufe angeht. "Hau ihn weg", ruft eine Anhängerin ihrer Mannschaft zu. Weghauen sollen die Akteure auf dem Feld einen Gegner.

Raufen und rennen

Weghauen ist aber ein bisschen zu martialisch, auch wenn die Spieler weder den Gegner noch sich selbst schonen. Denn die Exoten sind hart im Austeilen und hart im Einstecken: Es sind die Rugby-Spieler von Stade Sarrois aus Saarbrücken und dem FSV Trier-Tarforst, die an diesem Samstag in der Regionalliga aufeinandertreffen. Zwei Mal 40 Minuten tacklen (angreifen), raufen und rennen 15 Spieler für jede Mannschaft - mit dem Ziel, den ellipsenförmigen Ball in der Endzone des Gegners, dem Malfeld, abzulegen und jeweils fünf Punkte für die eigene Mannschaft zu erzielen. Dabei können die Spieler den Ball sowohl mit den Händen, als auch mit den Füßen Richtung Malfeld befördern.

Besonders gut gelungen ist dies den Gästen aus Trier bisher, die in neun Saisonspielen erst einmal verloren haben und die Tabelle ungefährdet anführen. Stade Sarrois rangiert auf Platz vier. Doch es geht den Spielern nicht nur um Siege und Tabellenstände. Es scheint das pure Kräftemessen zu sein, das die Spieler fasziniert. "Rugby macht Spaß. Ich würde sagen, gerade weil es so hart ist", sagt Sarrois-Spieler Alex Monroe (22) nach der Partie entspannt. Monroe, der bei der Gasse (Einwurf) von seinen Teamkollegen immer in die Höhe gestemmt wird, stammt als Engländer aus dem Geburtsland des Rugby. Er ist als Austauschstudent zu Stade Sarrois gekommen.

Weniger entspannt ging es für Monroe während der Partie zu. In der Größe seiner Kniescheibe hat er sich auf dem knüppelharten Boden sein Knie aufgeschürft. Schlimmer hat es an diesem Tag Mannschaftskollegen Etienne erwischt. Er verlässt den Platz mit gebrochener Nase. Solche Verletzungen sind allerdings die Ausnahme, wie Sarrois-Trainer Benjamin Waschk (28) versichert: "Von der Zahl der Verletzungen passiert nicht mehr als bei anderen Sportarten auch."

Doch auch an Waschk scheint die Partie nicht spurlos vorüberzugehen: Mit angespannter Miene wandert er an der Seitenlinie wie ein Tiger in seinem Käfig auf und ab. Waschk raucht auch in Mario-Basler-Manier während des Spiels eine Zigarette. Nach der Partie sagt er: "Ich bin völlig durch den Wind."

Durch den Wind ist so mancher Spieler auch nach der ein oder anderen Aktion. Denn sobald der ballbesitzende Spieler zu Boden geht, muss er den Ball loslassen. Dann kämpfen die Mannschaftskollegen um das Ei. Ein Knäuel bildet sich, in dem sich die Spieler ineinander verhaken, zahlreiche Körper verdreht und verknotet übereinanderliegen und ab und zu ein schmerverzerrtes Gesicht zum Vorschein kommt. Das Menschenknäuel löst sich auf, sobald ein Team wieder im Ballbesitz ist und in Richtung der gegnerischen Endzone rennt.

Dann geht sie wieder los, die Jagd auf den Ballführenden. Und nach ein paar Metern ist es wieder soweit. Dann knallen zwei Körper mit einem dumpfen Knall gegeneinander. Der Kampf geht von vorne los. Und das alles ohne Schutzkleidung. Manche Spieler tragen eine gepolsterte Kopfbedeckung, andere ziehen unter ihr Trikot ein T-Shirt mit Schulterpolsterung an. Diese ist nur millimeterdünn. "Das ist einfach eine psychologische Sache", sagt Monroes Mannschaftskollege Lars Landsrath (26), als ob er sagen wolle: "Viel bringt das eh nicht."

Die Härte der Spieler ist auch an dem Platz abzulesen. Stellenweise ist nur noch zu erahnen, dass an den braunen, sandigen Stellen einmal sattgrüne Grashalme gestanden haben. "Dort, wo ein Gedränge stattfindet, treffen eben ein paar Zentner aufeinander", sagt Lars Landsrath, 1,94 Meter groß und 109 Kilo schwer, schmunzelnd. In einem Gedränge, das nach Regelverstößen angeordnet wird, verhaken sich jeweils acht Spieler jeder Mannschaft mit den Armen ineinander, drücken und schieben, bis der in ihrer Mitte "begrabene" Ball wieder zum Vorschein kommt.

Gegenseitiger Respekt

Doch bei aller Härte fällt eines nach der Partie, die Stade Sarrois mit 31:17 gewinnt, auf: So hart sich beide Teams bekämpfen, so freundschaftlich ist der Umgang nach dem Schlusspfiff. Die Spieler liegen sich in den Armen und genießen ein Bier zusammen. "Da jeder weiß, wie gefährlich es während der Partie ist, hat auch jeder Respekt voreinander", sagt Monroe: "Einer hat mit seinem Knie auf meinem Nacken gelegen. Da habe ich zu ihm gesagt, hol' das da weg, und es war sofort weg."

So hart Rugby auch sein mag, es ist beileibe nicht nur ein Sport der schweren Jungs. "Rugby ist für jeden da. Egal, ob groß und schwer oder klein und schnell", sagt Landsrath. "Auf jeder Position gibt es einen Spezialisten", erklärt Monroe. Da gibt es den oft großen und schlanken Schlussmann. Der muss in der Formation vor der eigenen Endzone die gegnerischen Angreifer als letzter aufhalten. Und er kann nach einem Punktgewinn durch einen Zusatzkick zwischen die 5,60 Meter breiten und sechs Meter hohen Tore zwei Extra-Punkte erzielen. Und da gibt es die Stürmer, die oft aufgrund ihrer Größe und ihres Gewichts dem Gegner bereits Respekt einflößen.

So exotisch sich das Geschehen im Rugby-Stadion in Forbach anschauen lässt, so simpel scheint das Erfolgsrezept eines Rugby-Spielers. "Du musst volle Kanne reingehen", sagt Monroe. Doch für einen Außenstehenden hört es sich dann doch irgendwie exotisch an. "Von der

Zahl der Verletzungen passiert nicht mehr als bei anderen Sportarten auch."

Benjamin Waschk, Trainer von

Stade Sarrois

 Die Spieler verharken sich ineinander und kämpfen um den Ballbesitz. Fotos: Dietze

Die Spieler verharken sich ineinander und kämpfen um den Ballbesitz. Fotos: Dietze

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