Ein Buch und Kunstprojekt erinnern an die vergangene Kohle-Zeit im Saarland

Bergbau : Was nach der letzten Schicht bleibt

Der Künstler Martin Steinert versammelt in seinem Buch und Kunstprojekt „Kumpel“, was vom Bergbau erinnernswert ist.

Ob Bergmann, Bundeskanzler oder Bischof: Wer je als Arbeiter oder Besucher in eine Kohlegrube einfuhr, musste sich erst mal bis auf die nackte Haut ausziehen, seine Straßenkleidung gegen Bergmannskluft eintauschen, um dann später mit schwarzem Gesicht wieder an die Oberfläche zu kommen. Die Kleidung kam in große, hochgezogene Körbe, von denen der Saarbrücker Künstler Martin Steinert 400 Stück als Holzkonstruktion nachgebaut und mit bunten in Stoff verhüllten echten Bergmannsgeschichten angereichert hat. „Kumpel“ heißt das Kunstprojekt zum endgültigen Ende des Steinkohlebergbaus in Deutschland am 21. Dezember an der Ruhr. Jetzt präsentierte Steinert dieses Projekt zusammen mit dem gleichnamigen Buch und dem Film „Sehnsucht“ in der Prowin-Akademie im früheren Bergwerk und jetzigen Erlebnisort in Landsweiler-Reden.

Die Holzkonstruktion, die zunächst in zwei Tranchen an der Essener Zeche Zollverein und an der Saar stand, ist jetzt in dem mit warmem Grubenwasser aus 800 Meter Tiefe gespeistem Wassergarten der Grube Reden zusammengefasst. Die etwa hundert spannenden, amüsanten oder auch mal traurig-tragischen Bergmannsgeschichten, die Steinert für sein von der RAG-Stiftung und der Sparkasse Neunkirchen finanziertes Projekt gesammelt hat, wurden ihm von den Bergleuten verschiedener Kohlereviere als Briefe oder E-Mails zugeschickt und sind unverändert – teils noch in Handschrift – in den Körben, aber auch in dem reich bebilderten Buch „Kumpel“ (mit Fotos von André Mailänder) enthalten.

„Bischof“ ist beispielsweise eine Bergmannsepisode betitelt, die von der Untertage-Begegnung eines evangelischen Kirchenoberhaupts mit Bergmann Olaf handelt. In der Erzählung „Der Kleinste“ berichtet der kleinwüchsigste und dünnste eines Bergmannstrupps, wie er in Flöze kriechen musste, die kaum höher als einen halben Meter waren, um dort schweißtreibend nach Kohle zu schürfen. Andere Kapitel wie „Der Stempel“, „Seilbahnfahrt“ oder „Grubenholz“ erzählen von den Techniken unter Tage und ihren Gefahren.

Die vielleicht schönste Geschichte („Letzte Schicht“) ist aber die, in der Bergleute berichten, wie sie an einem 31. Dezember-Abend untertage Silvester feierten: mit in Rucksäcken nach unten in die Grube geschmuggelten Weingläsern, Weißbrot und einem in Alufolie gepackten gebratenen Hähnchen.

Ergänzt wird das Kumpel-Kunstprojekt Steinerts von einem etwa einstündigen Film „Sehnsucht“. Den hat die aus den Pyrenäen stammende junge französische Filmemacherin Mathilde Nodenot mit Videokamera und vielen Impressionen aus dem Bergmannsleben rund um die Zeche Zollverein, aber auch aus dem Erlebnisbergwerk Velsen und seiner „Kaffeekisch“, dem Rischbachstollen in St. Ingbert und dem Freibad bei der Grube Heinitz gedreht hat. Der nahezu ohne Worte auskommende Film lebt fast ausschließlich von Bildern mal schmucker, mal schiefer Bergmannshäuschen, mittlerweile begrünter Halden sowie Besuchern mit Helm, Lampe und Grubenkleidung in ehemaligen Bergwerken. Untermalt ist der Streifen gelegentlich mit Originaltönen von Bienensummen, Vogelzwitschern, Hundegebell oder auch Verkehrslärm. Länger gezeigt werden aber auch Proben des Saarknappenchors mit seinem langjährigen Leiter Walter Engel und des Ruhrkohle-Chors, wenn das Bergmannslied „Glück auf, der Steiger kommt“ angestimmt wird.

Doch Steinerts Kunstprojekt verdeutlicht nicht nur den sprichwörtlich kumpelhaften Zusammenhalt der Bergleute, die sich untertage aufeinander verlassen mussten, sondern zeigt auch die Schattenseiten der strapaziösen Arbeit bei der Jagd nach dem schwarzen Gold. So erzählt in einer der gesammelten Bergmannsgeschichten ein einstmals 16-Jähriger, der keine Lust mehr auf die Schule hatte und sich bei Saarberg als Schlosser ausbilden ließ, wie er schon als junger Mann dem Bergbau schnell wieder den Rücken kehrte. „Die unmenschliche Enge, die manchmal kaum zu ertragende feuchte Hitze und ewige Dunkelheit“ in mehr als 1000 Metern Tiefe machten ihm schwer zu schaffen. „Nie mehr“ überschrieb er seine Geschichte in Steinerts Buch.

Martin Steinert: „KUMPEL“, ISBN 978-3-00-061191-9.

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