1. Saarland

Ein Blick kann trügen

Ein Blick kann trügen

Als ich vor drei Jahren anfing die Kolumne zu schreiben, fragte ich besorgt meinen Kollegen Martin Rolshausen: „Was ist, wenn mir kein Thema einfällt?“ „Passiert nicht, du bekommst nämlich einen Verwerterblick “, sagte er optimistisch. Kürzlich musste ich zur Ausländerbehörde, um mir für meinen neu ausgestellten kroatischen Pass eine Aufenthaltsgenehmigung ausstellen zu lassen.

Früher war das Ausländeramt mitten in der Stadt - im Nauwieser Viertel. Heute aber ist die Behörde irgendwo in der Einöde: Hinterm Ludwigskreisel, Lebacher Straße 6a, vorbei an einem Autohaus. Während mein Navigationsgerät mir den Weg wies, schaltete sich mein vermeintlich geübter Verwerterblick ein: "Von wegen: mitten in der Gesellschaft! An den Rand gedrängt haben sie uns Ausländer", sollte in meiner neue Kolumne stehen. Wenig später erklärte mir die Dame an der Rezeption, dass ich einen Termin bräuchte. "Das ist also die oft beschriebene Willkommenskultur Saarbrückens", schrieb ich gedanklich weiter. Ihr nettes Lachen imponierte mir nicht. Sie gab mir einen Zettel mit der Rufnummer einer Mitarbeiterin, die ich kontaktieren sollte. Ich tat es gleich, erklärte der Frau wenig hoffnungsvoll, dass ich im Wartezimmer stünde und ließ derweil meinen Verwerterblick kreisen: An die Wand gedrückt saßen einige Wartende. Sogar den Kinder war das Lachen hier vergangen. "Ich ruf' Sie gleich rein", überraschte mich die Frauenstimme am anderen Ende. Mein Verwerterblick ärgerte sich trotzdem über die lieblosen Plakate im Wartezimmer. Dann aber sah ich, wie ein Mitarbeiter einem überforderten Mann auf Englisch erklärte, was es mit dem Anmeldeautomaten auf sich hatte. Die Männer lachten noch, als meine Nummer auf dem Bildschirm aufblinkte. Meine Sachbearbeiterin strahlte. Gut, ich war ja ein leichter Fall. Sie würde mich nicht ausweisen müssen. Mit dem Beitritt Kroatiens in die EU am 1. Juli hätte ich mir fast die 60 Euro für die "Niederlassungserlaubnis in Kartenform" sparen können. "Das ist furchtbar teuer", sagte ich. Sie gab mir Recht. "Mist, alle nett hier", dachte ich still, "futsch die Kolumne..." Obwohl, ich bleibe dabei: Das Wartezimmer ist furchtbar hässlich! Reicht das zum Skandal?

Haben Sie einen echten Skandal für mich? Schreiben Sie mir eine Mail an marija.herceg@gmx.de.