| 20:28 Uhr

Nachwuchssorgen
Warum sich das Rote Kreuz verändern muss

Das Rote Kreuz ist die Umkehrung der Schweizer Flagge. Das Symbol wurde zu Ehren des Gründers Henry Dunants und seines Heimatlandes gewählt.
Das Rote Kreuz ist die Umkehrung der Schweizer Flagge. Das Symbol wurde zu Ehren des Gründers Henry Dunants und seines Heimatlandes gewählt.
Saarbrücken. Die Hilfsorganisation mit 44 600 Mitgliedern leidet unter dem gesellschaftlichen Wandel. Neue Ideen fürs Ehrenamt sind gefragt. Von Daniel Kirch
Daniel Kirch

Chefkorrespondent Landespolitik

Jedes Kind kennt das Rote Kreuz, die Marke ist weltweit so bekannt wie Coca-Cola oder Apple. Das Rote Kreuz gab es gefühlt schon immer und es wird es auch künftig immer geben – wirklich? Nicht unbedingt, sagt der Präsident des DRK Saarland, Michael Burkert.


Michael Burkert, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes im Saarland
Michael Burkert, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes im Saarland FOTO: Saartoto / Peter Kerkrath/Saartoto

Auf den ersten Blick ist das DRK im Saarland eine kerngesunde Organisation. Mit 44 600 Mitgliedern ist es größer als CDU und SPD zusammen, größer als die Gewerkschaft Verdi oder als alle Musikvereine. Der harte Kern, die rund 6000 Aktiven, schmilzt bisher zumindest nicht – das ist in der heutigen Zeit schon etwas. Trotzdem ist der DRK-Spitze klar, dass sich die Organisation wandeln muss.



Denn der Nachwuchs kommt nicht mehr automatisch, wie früher. „Es wird immer schwieriger, Schulausbildung und Ehrenamt unter einen Hut zu bekommen“, sagt Burkert, der kürzlich als DRK-Präsident wiedergewählt wurde. Wegen der Nachwuchssorgen ist es eine Frage der Zeit, bis dies auch die Ortsvereine treffen wird. Die Zahl der Mitglieder ist schon seit Jahren rückläufig, allein in den letzten fünf Jahren hat das DRK im Land rund 4000 verloren. Einige Ortsvereine wurden schon aufgelöst, andere sind eingeschlafen oder haben nur noch eine Handvoll Helfer. Vor Jahren gab es 251 Ortsvereine, heute sind es 221.

„Die Debatte um die Ortsvereins-Strukturen wird kommen, aber sie muss von unten nach oben laufen“, sagt Burkert. Er selbst sei beim Thema Fusionen eher zurückhaltend, auch weil die Ortsvereine in den Orten feste Rolle haben – auch wenn es nur die ist, Blutspende-Termine anzubieten; 483 solcher Termine gab es im vergangenen Jahr landesweit, übrigens rund 30 mehr als 2015 und 2016.

Wie aber kann eine Massen-Organisation wie das Rote Kreuz attraktiv bleiben? Dass es Nachfrage nach sozialem Engagement gibt, spürt das DRK am großen Interesse an seinen 300 Plätzen für das Freiwillige Soziale Jahr und den Bundesfreiwilligendienst. DRK-Landesgeschäftsführer Martin Rieger glaubt, dass das DRK mit seinem Neutralitätsgebot in einer Gesellschaft, deren Individuen kulturell vielfältiger und weniger konfessionell geprägt sind, eine gute Ausgangsbasis habe. Auch in vielen Sanitätsbereitschaften läuft es rund. Burkert will die jungen Sanitäter, die sich etwa beim Rocco del Schlacko um Alkoholleichen und Verletzte kümmern oder bei Unwettern helfen, stärker für die Vorstandsarbeit gewinnen. Wie genau das gehen soll, dafür sucht der Rotkreuz-Chef noch nach Ideen.

Und zweitens: „Das Thema Ehrenamt muss neu definiert werden“, sagt Burkert. „Viele möchten spontan helfen, sind aber nicht bereit, dauerhaft in eine Organisation zu gehen.“ Das habe die Flüchtlingskrise 2015/16 gezeigt. Damals baute das DRK in der Landesaufnahmestelle in Lebach innerhalb von Tagen eine Zeltstadt auf: Die Helfer versorgten 10 000 Flüchtlinge in einer Sanitätsstation und verteilten zahllose Wolldecken, Hygiene-Pakete und Lebensmittel, die Feldköche stellten 1200 Warmverpflegungen her.

Burkert schwebt vor, dass sich das DRK für jene Klientel, die ungebunden bleiben will, aber für beschränkte Einsätze bereit wäre, stärker öffnet und diesen Menschen spezielle Angebote macht. Er denkt dabei auch an die 40- bis 60-Jährigen, die mit der Erziehung der Kinder durch sind und eigentlich mehr Zeit haben müssten, aber dennoch zurückhaltend sind, was ehrenamtliches Engagement im DRK betrifft.

Und ihm ist wichtig, die Bedingungen für Ehrenamtler zu verbessern. Beim Starkregen, der im Frühsommer Kleinblittersdorf und andere Gemeinden traf, hätten DRK-Helfer die ganze Nacht durchgearbeitet und seien morgens ganz normal wieder zur Arbeit gegangen. „Wie sieht da die Anerkennung aus?“, fragt Burkert. Viele Arbeitgeber unterstützten das Engagement ihrer Mitarbeiter, aber nicht alle. Für die Helfer der Freiwilligen Feuerwehren und des Technischen Hilfswerks (THW) gebe es gesetzliche Regelungen zur Freistellung, fürs DRK nicht. Um 2015/16 bei der Aufnahme tausender Flüchtlinge helfen zu können, hätten Rotkreuzler sogar ihren kompletten Jahresurlaub verbraucht. Darüber müsse man mit der Politik diskutieren.