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Neunkircher Zoo in der Kritik
„Dramatisch zu wenig Platz“ für Paviane

Das Bundes-Säugetier-Gutachten gibt Mindestgrößen für Pavian-Gehege vor. Im Neunkircher Zoo gibt es demnach nicht genug Platz für die 100 Affen.
Das Bundes-Säugetier-Gutachten gibt Mindestgrößen für Pavian-Gehege vor. Im Neunkircher Zoo gibt es demnach nicht genug Platz für die 100 Affen. FOTO: Jörg Jacobi
Saarbrücken/Neunkirchen. Der Landestierschutz-Beauftragte Willimzik klagt die Neunkircher Zoo-Leitung an. Dort gebe es „dramatisch zu wenig Platz“ für Paviane. Von Dietmar Klostermann
Dietmar Klostermann

Landtags-Vizepräsidentin Isolde Ries (SPD) hat am Ende der vergangenen Woche ein 108 Din-A-4-Seiten umfassendes Werk überreicht bekommen, das reichlich Stoff für erregte Sommerdebatten bieten dürfte. Der Verfasser ist Dr. Hans-Friedrich Willimzik, der Landestierschutzbeauftragte, der seinen Tätigkeitsbericht im Landtag hinterließ. Dort steht dieser Bericht mit Sicherheit auf den Tagesordnungen kommender Ausschüsse und auch des Plenums. Denn Willimzik greift in diesem Bericht die Führung des Neunkircher Zoos um Zoo-Direktor Norbert Fritsch wegen der Pavian-Haltung massiv an. Willimzik stellt fest, dass die etwa 100 Paviane, die im Neunkircher Zoo leben, im Innenbereich „dramatisch zu wenig Platz haben“. Der für die Püttlinger Kleintierklinik Köllertal arbeitende promovierte Tierarzt hatte bereits in einem SZ-Interview im  Frühjahr von einer „Überbevölkerung auf dem Pavian-Felsen“ gesprochen. Willimzik schreibt in seinem der SZ vorliegenden Bericht, dass das Gutachten über Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft von Mai 2014 maßgeblich sei. Darin sind exakt die Größen und die Gestaltung von Innen- und Außenflächen für Pavian-Gehege in Zoos vorgegeben. Demnach sollen die Tier jederzeit frei zwischen den trockenen Innenräumen und dem Außengehege wechseln können. Dafür müssen mindestens zwei räumlich getrennte Türen vorhanden sein. Bei mehreren Paviangruppen, wie im Neunkircher Zoo, sollte jede der Gruppen ein eigenes Innengehege zur Verfügung haben, was in Neunkirchen nicht der Fall ist. Die Bundesregierung schreibt vor, dass für jede sozial intakte Pavian-Gruppe von bis zu fünf erwachsenen Tieren mindestens 40 Quadratmeter bereit stehen müssen. Und das sowohl im Innen- als auch im Außenbereich. Für jeden weiteren Affen, der einer solchen Gruppe angehört, seien drei Quadratmeter vorgeschrieben. Zur Möblierung wird ausgeführt, dass die Paviane Felsen, Klettermöglichkeiten, erhöhte Sitzflächen und Plattformen benötigten, die sie besteigen können. „In Innengehegen ist der Boden mit Heu und Stroh zu versehen“, zitiert Willimzik aus dem Berliner Gutachten. In Außengehegen wird gewachsener Boden oder Sand empfohlen. Zudem sagt das Gutachten des Bundesministeriums, dass bei Pavianen wegen der hohen Reproduktionsquote eine Geburtenkontrolle und Populationsplanung notwendig sei. „Wenn wir als Grundrechnung von zehn Gruppen je zehn Tieren ausgehen, bedeutet dieses, dass wir pro Gruppe jeweils 55 Quadratmeter sowohl für das Außen- als auch das  Innengehege berechnen müssen“, schreibt Willimzik. das heiße für den Neunkircher Zoo, dass die Mindestanforderungen im Außenbereich gerade einmal erfüllt würden, der Innenbereich jedoch viel zu klein sei.


Die Debatte um die Pavian-Haltung im Neunkircher Zoo spielt sich seit Ostern vor allem in den sozialen Medien ab, nachdem eine Zoo-Besucherin dort ihre Eindrücke und ihr Entsetzen über die Pavian-Haltung geäußert hatte. Experten des Great Ape Projects aus Bayern hatten daraufhin den Zoo besucht und von der Stadtverwaltung dringend eine Erweiterung oder einen Neubau des Paviangeheges gefordert. Die Zoo-Leitung hatte die Kritik zunächst als nicht gerechtfertigt zurückgewiesen und die Kritiker als unseriös dargestellt. Auch die Neunkircher Stadtverwaltung hatte sich hinter diese Politik gestellt. Unterstützung bekam die Neunkircher Zoo-Leitung zudem vom Vorsitzenden der Tierschutzstiftung Saar, dem Merziger Rechtsanwalt Andreas Schneiderlöchner, der auch Vorsitzender des Fischereiverbandes Saarland ist. Schneiderlöchner sah die Mindeststandards für eine artgerechte Haltung der Paviane als erfüllt an. Das Ratsmitglied der Tierschutzstiftung Saar, Rolf Borkenhagen, der den Verein Tierbefreiungsoffensive Saar vertritt, schrieb an die Ratsmitglieder, dass Schneiderlöchers „Falschbehauptung“ die „fachliche Kompetenz und Seriosität der gesamten Stiftung jetzt und in Zukunft in Frage“ stelle. Borkenhagen bat die Mitglieder des Rats der Tierschutzstiftung um zeitnahe Stellungnahme.

Wie aus einem Schreiben der Stiftungsratsvorsitzenden Ingrid Seidel, die die katholische Kirche vertritt, an die Stiftungsratsmitglieder, das der SZ vorliegt, hervorgeht, will das Umweltministerium jetzt  einen Gutachter einschalten, um den Streit um die Pavianhaltung zu klären. Doch die Tierbefreiungsoffensive sagt bereits klipp und klar: Umweltminister Reinhold Jost (SPD) will damit nur Zeit gewinnen, das sei herausgeworfenes Geld. Denn Josts Gutachter könne nichts anderes befinden, was nicht bereits im Berliner Säugetiergutachten stehe - dass das Neunkircher Gehege für 100 Paviane viel zu klein ist.



Der Landestierschutzbeauftragte Hans-Friedrich Willimzik
Der Landestierschutzbeauftragte Hans-Friedrich Willimzik FOTO: Andreas Engel