1. Saarland

Dolon-Company im Bilder-Rausch

Dolon-Company im Bilder-Rausch

Saarbrücken. Eigentlich liegt Marguerite Donlons nach vorne orientiertem Naturell das Beschaulich-Retrospektive nicht. Selbstbewusstsein schon. Insofern überraschte Marguerite Donlons Idee denn auch nicht wirklich, ihr zehnjähriges Dienstjubiläum als Ballettchefin am Saarländischen Staatstheater mit einer Art Festschrift zu "feiern". Also sich selbst? Mitnichten

Saarbrücken. Eigentlich liegt Marguerite Donlons nach vorne orientiertem Naturell das Beschaulich-Retrospektive nicht. Selbstbewusstsein schon. Insofern überraschte Marguerite Donlons Idee denn auch nicht wirklich, ihr zehnjähriges Dienstjubiläum als Ballettchefin am Saarländischen Staatstheater mit einer Art Festschrift zu "feiern". Also sich selbst? Mitnichten. Die fotogene Donlon ist, anders als vermutet, nicht die Hauptperson. Das macht den dickleibigen Bildband "Tanzdekade" zu einem erstaunlichen Buch: Er ist eine Hommage an die Tänzer der Donlon-Dance-Company (DDC), die mit ihrer unterschiedlichen, markanten Physis ein vitales, ausdrucksstarkes, spannungsreiches Gesamt-Bild erzeugen. Bei Donlon herrscht Individualität, kein polierter Tanz-Model-Standard. Doch im Kern handelt es sich um eine Dokumentation des künstlerischen Schaffens der Jahre 2001/2002 bis zur aktuellen Saison - Donlons jüngste Arbeit "Blue" fand keine Aufnahme mehr.Es ist ein begeisterndes Buch geworden - weil Donlons Choreografie-Kunst begeistert. Die Fotos überrollen uns mit einer derart großen Zahl emotionsintensiver, bildmächtiger, dynamischer, ästhetisch höchst ausgefeilter Szenen, dass wir nicht anders können als mit Staunen, Stolz und Freude zu reagieren. Auf diesem Spitzen-Niveau also tanzt die Saarbrücker Company! Zugleich summieren sich die Fotos - mehrheitlich stammen sie von der versierten Berliner Ballettfotografin Bettina Stöß - zu einem die Erinnerung beflügelnden Bilder-Rausch. Manche Szenen haben gar Ikonen-Qualität entwickelt, bieten "unsterbliche Momente": Julias (Youn Hui Jean) hinreißende, übermütige Hüpf-Bett-Hüpf-Aktion in "Romeo & Julia" (2006/2007), das Masken- und Spiegel-Labyrinth in "Le sacre du printemps" (2007/2008), die drei Frida Kahlos in "Casa Azul" 2009/2010). Wer nicht nur Fotos anschauen, sondern auch noch ein wenig analysieren möchte, dem enthüllen sich die Originalitäten und Konstanten in Donlons Schaffen: großartige Videoräume, die die Bühne zum Surrealen hin öffnen, pantomimische Klamauk-Elemente, extremste Körper-Spannungen, die Vorliebe für alles Transparente, Fließende, auch Dekorative.

Nicht ganz glücklich macht sich "Tanzdekade" allerdings als Nachschlagewerk. Beim Register fehlen Seitenverweise, auf den Seiten selbst vermisst man die Jahreszahl und den übergeordneten Titel des Ballettabends, aus dem die Szene stammt. Offensichtlich wollte man die Fotos nicht "zutexten". Das geht zulasten der Orientierung.

In die Intimität des Ballettsaals

Textlich überzeugt vor allem der Beitrag des Ex-Musikdramaturgen Christoph Gaiser, der den Leser mitnimmt in die Intimität des Ballettsaals. Er ist Lebens-, nicht nur Trainings- und Proben-Raum der Tänzer.

Der Chefin wurde kein eigenes Porträt gewidmet. Doch die eingestreuten Kurz-Charakterisierungen des "kleinen irischen Kobolds" ergeben ein treffendes Charakter-Bild. Sie sei eine "von Kreativität beseelte, humorvolle, gutmütige, von einem impulsiven Temperament angetriebene, gelegentlich zweifelnde, oftmals lachende, stets fürsorgliche und um das Wohl ihrer Kompanie gelegentlich wie eine Löwin kämpfende Künstlerpersönlichkeit", schreibt beispielsweise Gaiser. "Direktes, pragmatisches, umstandsloses Denken" bescheinigt der Berliner Tanzkritiker Arnd Wesemann. Und Donlons künstlerische Beraterin Adolphe Binder fügt zu der Palette unter anderem noch "trotzige Beharrlichkeit, Inbrunst, Wissbegierde" hinzu.

Tanzdekade - Zehn Jahre Donlon Dance Company: K. Kieser Verlag, 240 Seiten, 39,80 Euro.