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Dillinger Grünenchef wechselt Partei nach Streit um das Jamaika-Votum

Dillinger Grünenchef wechselt Partei nach Streit um das Jamaika-Votum

Dillingen. Vor sechs Wochen zog erstmals ein Grüner in den Dillinger Stadtrat ein, gestern verließ Walter Neyses, auch Vorsitzender des Ortsverbands der Grünen, die Partei - nicht wegen des Votums für die Jamaika-Koalition auf Landesebene, sondern der Art, wie es beim Parteitag zustande kam (siehe Seite B 2: Bericht)

Dillingen. Vor sechs Wochen zog erstmals ein Grüner in den Dillinger Stadtrat ein, gestern verließ Walter Neyses, auch Vorsitzender des Ortsverbands der Grünen, die Partei - nicht wegen des Votums für die Jamaika-Koalition auf Landesebene, sondern der Art, wie es beim Parteitag zustande kam (siehe Seite B 2: Bericht). "Ich werfe der Partei keine Mauschelei vor, aber ich hatte berechtigte Fragen, auf die ich keine befriedigenden Antworten bekommen habe", erläuterte er der SZ. Man hätte ihn als Ortsverbandschef über das Abstimmungsreglement besser informieren müssen. "Der Parteitag mit der Dominanz der Saarlouiser Delegierten war eine Show, das hatte mit Basisdemokratie nichts mehr zu tun", meinte Neyses (Foto: SZ).

"Ich lege das Mandat im Stadtrat nicht nieder. Ich habe viel dafür getan, dass ich gewählt wurde", betonte der Dieffler, der über sein Engagement gegen Bergbau und Kiesabbau zur Politik kam. "Ob ich mich einer anderen Fraktion anschließe, weiß ich noch nicht", sagte er. "Als Parteiloser ist es extrem schwer im Stadtrat, man hat keinen Rückhalt. Das hat keinen Vorteil für die Bürger. Ich werde mit mehreren Fraktionen reden." Darüber ist Neyses Vorgängerin als Ortschefin empört: "Das ist ein Hammer. Wir wären nicht mehr im Stadtrat vertreten, wenn er uns das Mandat stiehlt", sagte Claudia Beck. "Dabei hat die Partei den Wahlkampf geführt." Die Arbeit im Ortsverein gehe weiter wie bisher, dafür sei Neyses nicht entscheidend.

Bisher verteilten sich die 39 Sitze so: CDU 17, SPD 12, Linke 5, FDP 2, ÖBL 2, Grüne 1.

Kontakt zur Basis geht verloren

Von SZ-Redakteur

Harald Knitter

Selbst wenn die Abstimmung der Grünen formal unanfechtbar sein sollte, zeugt der Austritt von einer neuen Politikverdrossenheit: die ehrenamtlicher Kommunalpolitiker an der Basis gegenüber den Politprofis an der Parteispitze.

Der bundesweit bahnbrechende Kurswechsel der Saar-Grünen hin zum Jamaika-Bündnis hat - speziell in diesem Tempo - nicht nur Wählern, sondern auch grünen Politikern den Atem verschlagen. Sie gewinnen den Eindruck, sie sollen im Bauch des Parteischiffs rudern, ohne an dessen Kurs etwas ändern zu können. Von oben forciert ist für die basisorientierten Grünen der mehr personell als inhaltlich begründete Kurswechsel weniger Tabubruch als Identitätskrise: der Wandel von Themenpartei zur Personenpartei.