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"Die waren dem Staube nahe"

"Die waren dem Staube nahe"

Saarbrücken. Das sind die eher seltenen Momente in der täglichen Arbeit Udo Jägers: vom Saarbrücker Stadtarchiv wurden kürzlich Krankenhausakten angeliefert, die es zu restaurieren galt. "Die waren bereits dem Staube nahe", erzählt der Buchbindemeister. Die Akten seien aus dem 16. Jahrhundert gewesen

Saarbrücken. Das sind die eher seltenen Momente in der täglichen Arbeit Udo Jägers: vom Saarbrücker Stadtarchiv wurden kürzlich Krankenhausakten angeliefert, die es zu restaurieren galt. "Die waren bereits dem Staube nahe", erzählt der Buchbindemeister.

Die Akten seien aus dem 16. Jahrhundert gewesen. Berührungsängste bei derart altem Material? "Da gibt es keine Grenzen bei uns, wir restaurieren im Grunde alles, was man uns bringt", sagt Udo Jäger. Bei den Akten kam es wesentlich darauf an, die extrem brüchigen Seiten durch so genanntes Japanpapier zu "kaschieren": von beiden Seiten der porösen Stelle werden passgenau Blättchen des feinen, transparenten Papiers geklebt und so für immer fixiert. Allerdings sei hier die Grenze zum Arbeitsbereich des Konservators erreicht.

Als "Molschder Bub" im Saarbrücker Nordosten aufgewachsen, hat sich der 48-Jährige schon früh für den Lehrberuf des Buchbinders entschieden. 1977 begann Udo Jäger im Betrieb seine Ausbildung zum Buchbindergesellen. Als Gemischtwarenladen von Albert Kittler in Malstatt gegründet, wurde zunächst neben Papier auch Tabak verkauft. Mittlerweile besteht die Sortiments-Buchbinderei Kittler und Jäger seit über hundert Jahren in Saarbrücken.

In ihrer Firmengeschichte sah die Werkstatt schon manchen Stadtteil: Malstatt, Rotenbühl, das Nauwieser Viertel und seit zwölf Jahren wieder Malstatt. Als 1990 der Junior Rolf Kittler vom Vater das Geschäft - mittlerweile als Buchbinderei geführt - übernimmt, steigt Udo Jäger als 50-prozentiger Teilhaber ein und leitet seit 2009 die Buchbinderei.

Wie sieht die Tagesarbeit des Unternehmens aus? "Zu unseren Hauptauftragsgebern zählen neben der Universität des Saarlandes mit ihren Fachbibliotheken das Stadtarchiv Saarbrücken, für das wir monatsweise die Saarbrücker Zeitung binden, aber auch Ministerien, Kanzleien und Arztpraxen, für die wir Fachmagazine und Zeitschriften, meistens jahresweise, aufbinden", erläutert Jäger. Aber viele private Kunden finden nach wie vor und regelmäßig mit Restaurierungswünschen liebgewonnener Bücher den Weg in Jägers Werkstatt: alte Familienalben mit Fotos, Bibeln, aber auch Comic-Ausgaben. "Vor einem halben Jahr brachte eine Kundin eine Bibel, in der ein Granatsplitter steckte, diesen haben wir trotz Restaurierung der einzelnen Seiten an seiner Position belassen können", sagt Udo Jäger. Diese Aufträge machten das alte, anspruchsvolle weil schöne Arbeiten aus, so Jäger.

Die üblichen Arbeitsschritte beim Binden eines Buchblocks sind: zuerst das Aufstossen der Seiten, dann folgt der Beschnitt. Damit der Leim später gut zwischen die Seiten laufen kann, werden an der Rückenseite, die später im Regal nach außen zeigt und den Titel ausweist, Kanäle eingefräst. Als verbindendes Element wird auf den Rücken des Blocks ein Streifen aus Gaze geklebt, der die Seiten untereinander noch einmal festigt. Damit die Seiten wegen des feuchten Leims nicht aufquellen, wird der Buchblock gepresst und trocknet dabei ab - entweder über Nacht oder mit Heizofen in rund einer dreiviertel Stunde.

"Ein Buchblock kann bis zu acht Kilo wiegen", erzählt Udo Jäger und hebt den Jahresband einer Juristen-Zeitschrift an einem einzelnen Blatt in die Höhe - die Bindung hält. Jetzt fehlt nur noch der Umschlagdeckel. Die drei einzelnen Pappen für Rücken, Vorder- und Rücktitelseite sind bei genormtem Papierformat wie Din-A-4 vorgefertigt, werden jedoch auch eigens gefertigt. Für den Umschlag hält Udo Jäger verschiedene Materialien vor: Ziegenleder, verschieden gefärbt, oder handmarmorierte Papiere Pariser Herkunft sind sicherlich die Deluxe-Varianten. Weit häufiger kommt der so genannte "Durabel"-Bezug aus gewebtem, wasser- und schmutzabweisendem Leinen zum Einsatz, manchmal auch reines Stoffleinen. "Da erfüllen wir genau die harten Bedingungen des Bibliotheksalltags, wenn die Bände durch hunderte Hände gehen oder beschmutzt werden", erklärt Udo Jäger.

Allerdings kämen auch immer häufiger Studenten in die Buchbinderei, um ihre Abschlussarbeiten den geforderten Ansprüchen entsprechend binden zu lassen. Je nach Umschlaggestaltung mit Prägung der Angaben wie Name, Thema und Hochschule kostet das Exemplar rund 20 Euro.

Kontakt: Buchbinderei Kittler und Jäger, Am Ludwigsberg 80-84, Tel. (06 81) 39 78 00.

HINTERGRUND

Im Saarland gibt es noch drei weitere so genannte Sortimentsbuchbinderei-Betriebe, die lediglich binden und keine beispielsweise eigene Papierherstellung betreiben.

Die Ausbildung dauert drei Jahre, seit zweieinhalb Jahren müssen Berufsschüler - derzeit insgesamt 16 bei Handwerks- (HK) und Industrie- und Handelskammer (IHK) im Saarland - für den Unterricht nach Lux-emburg fahren. hcr