1. Saarland

"Die Umstellung auf neue gesellschaftliche Verhältnisse braucht Zeit"

"Die Umstellung auf neue gesellschaftliche Verhältnisse braucht Zeit"

Wie schwierig ist es, einen türkischen Migranten aus Burbach für das Programm des Saarländischen Staatstheaters zu begeistern?Ayere: Eher schwierig. Die Mehrheit fühlt sich vom Angebot des Staatstheaters nicht angesprochen, von den Themen und der Art, wie diese präsentiert und konsumiert werden

Wie schwierig ist es, einen türkischen Migranten aus Burbach für das Programm des Saarländischen Staatstheaters zu begeistern?Ayere: Eher schwierig. Die Mehrheit fühlt sich vom Angebot des Staatstheaters nicht angesprochen, von den Themen und der Art, wie diese präsentiert und konsumiert werden. Zudem zählt das Gemeinschaftserlebnis in der vertrauten Gruppe mehr, dort kann es auch mal lauter werden. Ich habe gelernt, mich in meiner Arbeit auf Kinder und Jugendliche zu konzentrieren. Viele ausländische Eltern sehen, dass ihre Kinder hier aufwachsen und Teil der deutschen Gesellschaft sind. Sie möchten ihren Kindern diese Chance der Integration bieten, auch wenn sie selbst diese Angebote nicht wahrnehmen. Ist der soziale Hintergrund von Jugendlichen nicht entscheidender für ihr mögliches Interesse an Kunst und Kultur als etwa der Faktor Herkunft?Ayere: Die Aspekte sozialer, sprachlicher und kultureller Hintergrund ergeben ein kompliziertes Netzwerk. Natürlich gibt es große Gemeinsamkeiten von Jugendlichen bestimmter Schichten, etwa was die Freizeitgestaltung oder den ökonomischen Hintergrund angeht. Der kulturelle Aspekt ist da nur eine zusätzliche Dimension. Wie sieht konkret Ihr Job aus?Ayere: In den ersten Monaten habe ich Kontakte zu Migrantenvereinen aufgebaut, das Theater und das Projekt in der Öffentlichkeit vorgestellt. Dann habe ich überlegt, wie man leicht bei Migranten die Hemmschwellen senken kann. Wir sind auf die Idee gekommen, Theaterführungen anzubieten - in einfacherem Deutsch, weniger detaillastig. Nebenbei spreche ich auch von den Stücken und den Inhalten. Dadurch ergeben sich meist weitere Besuche und Aktivitäten.Wie wird Ihr Angebot von den angesprochenen Vereinen angenommen?Ayere: Unterschiedlich. Manche Communities wie die Russland-Deutschen oder die Integrationskurse greifen es sehr gut auf, bei anderen ist es schwieriger.Muss sich das Theater nicht auch inhaltlich bewegen und etwa Stücke ins Programm aufnehmen, die dem kulturellen Hintergrund von Migranten entgegenkommen?Ayere: Kürzlich kam der Projektkollege der alevitischen Gemeinde zu mir und sagte: 'Ich finde es gut, was du machst, aber ich sehe wenig Chancen, unsere Leute für dein Projekt zu motivieren. Warum ladet ihr nicht mal einen Saz-Spieler (türkische Laute, Anm. d. Red.) ein? Das käme bei unseren Leuten an'. Das war ein ganz direkterVorschlag, den ich gut fand. Das "deutsche" etablierte Theater-Publikum hat sich als sehr offen und neugierig erwiesen, und so ein Auftritt würde sicherlich gute Resonanz finden. Wenn ich diese Ideen weitergebe, stoße ich auch intern auf offene Ohren. Allerdings werden Vorstellungen über Monate, teilweise sogar Jahre vorgeplant. Die Umstellung auf neue gesellschaftliche Verhältnisse braucht Zeit, aber sie ist im Kommen. Welche Rolle spielt die demographische Entwicklung bei diesen Überlegungen? Das künftige Theaterpublikum wird mit Sicherheit multikultureller sein als das heutige...Ayere: Ja, das künftige Theater-Publikum wird weniger homogen sein als das heutige. Wir sind in einer Umschwung-Phase. Aber die Einstellung an sich ist nicht neu: Seit Jahren erweitert das Staatstheater ständig sein Angebotsspektrum, zieht sehr unterschiedliches Publikum an. Dazu tragen auch Projekte wie "Musikmaschine" oder der "Feuervogel" bei, und weitere der Art werden folgen.Nun läuft Ihr Projekt aber erstmal aus...Ayere: Das Projekt geht vielleicht weiter, wenn das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Köln eine Zusage für die Finanzierung durch den Europäischen Integrationsfonds gibt. Dann könnte es bis Herbst 2010 weitergehen.