1. Saarland

Die Stunde der Komödianten

Die Stunde der Komödianten

Saarbrücken. Es stimmt etwas nicht in dieser Welt. Diesen Verdacht hat Boris Pietsch nicht erst, seit er auf seinem Schiff sitzt - auf dem Trockenen, mitten in Saarbrücken, auf dem Landwehrplatz. Gerade weil er und andere den Eindruck haben, dass es Zeit ist, "echte Fragen zu stellen", steht dieses Schiff seit einigen Tagen vor der Alten Feuerwache

Saarbrücken. Es stimmt etwas nicht in dieser Welt. Diesen Verdacht hat Boris Pietsch nicht erst, seit er auf seinem Schiff sitzt - auf dem Trockenen, mitten in Saarbrücken, auf dem Landwehrplatz. Gerade weil er und andere den Eindruck haben, dass es Zeit ist, "echte Fragen zu stellen", steht dieses Schiff seit einigen Tagen vor der Alten Feuerwache."Was wollen wir mit unserer Gesellschaft tun, damit wir nicht weiter gegen die Wand fahren?", ist eine solche Frage. Um Antworten zu suchen, um Menschen die Möglichkeit zu geben, sich zu treffen, aber "keine beliebige Party" zu feiern, um sich zu unterhalten, aber "mehr als ein Kneipengespräch" zu führen, haben Pietsch und andere einen Verein gegründet. Vor einigen Wochen hat der Verein ein Camp neben der Alten Feuerwache organisiert. Nun soll das Schiff ein Ort sein, an dem Boris Pietsch mit Menschen ins Gespräch kommen will.

Boot ist mehr als Kulisse

Dass das Schiff, das 14 Jahre lang ungenutzt auf der Werft in Rilchingen-Hanweiler lag, ausgerechnet vor dem Theater steht, ist kein Zufall. Denn Boris Pietsch ist Schauspieler. Am 4. November wird er in der Alten Feuerwache in Graham Greenes "Die Stunde der Komödianten" auf der Bühne stehen. Er spielt dabei Major Jones, einen zwielichtigen britischen Offizier, der mit einem resignierten Hotelbesitzer und einem milliardenschweren, aber naiven Ehepaar am falschen Ort zur falschen Zeit ist - auf Haiti zur Zeit des Diktators Doc Duvalier.

Auf dem Schiff wurden Szenen gedreht, die auf der Bühne als Film eingespielt werden. Aber das Schiff sei mehr als Kulisse, sagt Boris Pietsch. Es ist ein Labor. Ein wissenschaftliches Experimentierfeld, auf dem "die Wirklichkeit ein Stück verschoben" werden soll, um den Blick frei zu kriegen auf das wirkliche Leben. Ein Leben, das den Menschen nicht wie ein Tiger jagt. "Lerne den Tiger zu reiten, von innen, sonst wird dein Rennen sich beschleunigen bis zum unausweichlich letzten Kampf", schreibt Boris Pietsch in seinem "Manifest".

"Wir machen uns zu Sklaven eines ökonomischen Dämons", sagt Boris Pietsch. Erst sich und dann vielleicht die Welt zu verändern, sei "nicht mit einem Fingerschnippen zu erledigen". Aber es lohne sich, daran zu arbeiten auf dem Schiff und im Theater. "Da muss ich ran - aus Egoismus, weil ich sonst wahnsinnig werde", sagt Boris Pietsch. Und wenn dieser Funke auch nur auf wenige Menschen überspringe, dann habe sich der Aufwand, dann habe sich das Projekt "Spinnerei trifft Wirklichkeit" gelohnt.

Die richtigen Fragen stellen

"Innehalten - und eine Welt betreten, die uns der sozialen und ökonomischen Neurosen für eine Weile entledigt": Das wollen Boris Pietsch und seine Freunde. Sie fragen sich: "Wird es uns gelingen, die richtigen Fragen zu stellen? Kann es geschehen, dass wir uns selbst dabei nicht verlieren, sondern möglicherweise sogar finden?"