Die Sommerszene endet, ihr Gründer Charlie Bick, sagt, warum

Gründer der „Sommerszene“ : Von jetzt an: Manager in Lebenskunst

35 Jahre lang gab’s die „Sommerszene“ im Saarland, doch jetzt ist Schluss. Wie schafft deren Gründer Charlie Bick (65) den Abschied?

Im Verschwinden hat er Übung. Seit Charlie Bick (65) sich jährlich mit seiner Lebensgefährtin eine dreimonatige Auszeit auf den Kanaren gönnt, weiß er, dass der Satz „Ich bin dann mal weg“ in Dur komponiert wurde und weder zum Requiem noch zur Fanfare taugt. Vom Lesenlesenlesen und Wandernwandernwandern – vorzugsweise auf La Palma – wird die Seele satt. Und Bicks Zitatenbuch voll. Sinnsprüche sind eine Leidenschaft des studierten Germanisten und Romanisten. Nebenfach: Philosophie. Auch deshalb stellt Bick jedes Jahr unter ein Motto. 2019 lautet es: „Alles im Leben endet durch Zufall oder Ermüdung“ (Heinrich Heine). „Umgekehrt wird auch ein Schuh draus“, sagt Bick beim Treffen am Saarbrücker Schlossplatz, einem der Hauptspielorte der von Bick 1985 gegründeten „Sommerszene“: „Alles im Leben beginnt durch Zufall und Energie.“

Das gilt auch für seine eigene Karriere als Festivalmanager. Als er, der in der Nähe von Würzburg geboren wurde, nach Saarbrücken kam, trug er das Straßenkultur-Virus bereits in sich, hatte sich in Frankreich damit infiziert und trat selbst auf, in seiner „Asphalt-Compagnie“. Dann kam ein Kulturamtsleiter daher, drückte ihm 20 000 Mark in die Hand und meinte, er solle ruhig mal ein Festival machen. Hat Bick dann auch, brachte Clowns, Comedy-Helden und bunte, innovative Vögel ins Land, mit ihnen die kleine Unbeschwertheit mitten im Sommer-Alltag. Dadurch gab es sie verlässlich auch im Saarland, die kostenlose, niedrigschwellige „Kultur für alle“ nach dem Modell eines Hilmar Hoffmann, das in den 80ern allerorten zum kulturpolitischen Credo der Kommunen erhoben wurde. Doch Theoretiker war Bick nie, auch kein Gutmensch, der sozial Schwache durch Kultur stabilisieren will. Als Bick startete, gab‘s noch das Kultur-Sommerloch, und die heute übliche Dauer-Sause in den Ferien lag außerhalb jeder Vorstellung. Es hatte was von alternativem Leben, öffentliche Events auf Straßen und Plätzen zu erleben. Und Bick hat daran mitgewirkt, dass sich Straßentheater als Kulturangebot etablierte. Er exportierte und perfektionierte sein Saarbrücker Knowhow. In Neckarsulm, Mosbach oder Ludwigshafen bauten er und Künster Festivals auf, das größte in Rastatt („Tete à Tete“). Es hat einen Etat von einer Million und ein städtisches Organisationsteam. Im Saarland ist eine Institutionalisierung nie gelungen, deshalb stirbt die „Sommerszene“ jetzt. Aber für Bick bietet das keinen Anlass, über Versäumnisse der Politik zu schimpfen. Er habe nicht erwartet, dass die Stadt Saarbrücken oder der Kulturminister eine Nachfolge-Regelung findet. Denn: „Die freiwillige Kultur ist additiv und temporär“, sprich nicht auf Ewigkeit angelegt. Dass die Gründer-Generation der freien Szene derzeit auf breiter Front abtritt, betrachtet Bick mit Abgeklärtheit.

Altersmilde darf man ihn nennen, altersweise nicht, weil er den Begriff nicht mag. Obwohl nicht wenig, was  er über das langsame Loslassen erzählt, ziemlich klug klingt. „Ich habe mich immer schon sehr intensiv mit einzelnen Lebensabschnitten auseinandergesetzt“, sagt er. „Was ist in der Phase, in der ich stecke, möglich? Ich trauere nicht dem nach, was nicht mehr geht, sondern lege den Fokus auf das, was ich noch realisieren will.“ Deshalb reiste er 2005, obwohl er beruflich eingespannt war wie selten zuvor, für sechs Wochen nach Australien und Neuseeland, und entdeckte, dass es geht, alles zurückzulassen. Mag sein, das erleichterte ihm, die Fesseln nacheinander zu lösen. 2009 hörte er in Heilbronn auf, 2014 in Rastatt, 2016 in Mosbach. Und im Saarland erlebte er einen Erosionsprozess: Mitveranstalter brachen weg, die Sommerszene, die sich zu einem mitunter 16-tägigen landesweiten Festival mit Spielorten bis Perl-Nennig ausgewachsen hatte, schrumpfte. Das war das Signal für die Reißleine: „Wir wollten uns nicht verkämpfen.“

Hat Asphalt-Kultur ihre besten Tage hinter sich? So sieht Bick das nicht. Er verweist auf Städte wie Kaiserslautern. Dorthin fährt er jetzt unter anderem, wenn er Straßen-Acts genießen will. Wobei sich das noch fremd anfühlt: „Ich habe mal aus Spaß angefangen, aber der wich dann der Professionalität.“ Sogar bei den allerspannendsten Aufführungen sondierte er also, unter welchen technischen Bedingungen er sie einkaufen könne. In der Zwischenzeit erlebt Bick wieder Theaterglück pur, etwa mit dem Stück „Infinita“ seiner Lieblingsgruppe „Familie Flöz“. Es handelt vom Älterwerden.

Ja, das Alter, es ist dann doch Gesprächsthema. Damit die Frage, ob das Leben falsche Stellschrauben stellte? Laut Bick gibt es zwei Dinge, die sein Leben womöglich auf den Kopf gestellt hätten. Da war die Weggabelung, als er zusammen mit dem Saarbrücker Autor Erhard Schmied 1993/1994 austestete, ob er zum „Tatort“- und Vorabendserien-Autor taugte. Bick entschied sich dagegen: „Ich wollte meinen Arbeitsplatz unter den Menschen haben, nicht in der Studierstube.“ Außerdem war da die Idee eines soziokulturellen Zentrums für Saarbrücken, die er nicht durchbekam: „Das wäre eine Lebensaufgabe gewesen“, meint Bick.

Er wird künftig zwar festivalfrei leben, aber nicht ohne Kultur-Betätigung sein. Für den Regionalverband organisiert er zwei Comedy-Reihen, die Arbeit mit seiner VHS-Theatergruppe geht weiter. Sein wichtigstes Vorhaben? „Ich habe mir vorgenommen, im Alter nicht sarkastisch zu werden.“ Zudem gilt für ihn: „Ich hadere nicht, und ich bereue nichts.“ Auch jetzt, kurz vor der letzten Sommerszene, gönnt sich Bick kein bisschen Wehmut. Weinen müssen schon die anderen. Werden sie auch.

Letzte Ausgabe der „Sommerszene“:
6. bis 10. August.

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