1. Saarland

Die Schwester trinkt für sie einen mit

Die Schwester trinkt für sie einen mit

Sulzbach. Der letzte Tag des Jahres bedeutet für die meisten Menschen in Deutschland Silvesterball oder zumindest Hausparty. Noch einmal richtig die Korken und die Böller knallen lassen. Oder wenigstens im Kreise der Lieben besinnlich die letzten Stunden des Jahres begehen. Birgit Comtesse gehört nicht zu den Feierwütigen - aber nicht, weil sie nicht möchte

Sulzbach. Der letzte Tag des Jahres bedeutet für die meisten Menschen in Deutschland Silvesterball oder zumindest Hausparty. Noch einmal richtig die Korken und die Böller knallen lassen. Oder wenigstens im Kreise der Lieben besinnlich die letzten Stunden des Jahres begehen. Birgit Comtesse gehört nicht zu den Feierwütigen - aber nicht, weil sie nicht möchte. Die 52-Jährige wird, wie viele andere auch, an Silvester arbeiten. "Mein Dienst an der Pforte des Sulzbacher Knappschaftskrankenhauses beginnt um 22 Uhr", sagt die Ehefrau und Mutter eines erwachsenen Sohnes, "ich arbeite dann bis 6 Uhr in der Früh."Seit 1979 arbeitet die Telefonistin in der Sulzbacher Klinik, seit 1991 im Schichtdienst am Empfang. "Von daher ist es gar nicht so ungewöhnlich, dass ich am Wochenende oder an Feiertagen arbeiten muss", sagt Birgit Comtesse fast emotionslos, "daran gewöhnt man sich." Auch an Heiligabend und am 1. Weihnachtsfeiertag hatte die Frau aus Walpershofen Dienst. Allerdings Mittagsschicht.

Der Ablauf der Nachtschicht an Silvester ist nichts Neues für die Klinik-Mitarbeiter, auch nicht für Birgit Comtesse: "Von 22 bis 0 Uhr wird es eher ruhig sein. Da kann man vielleicht auch noch etwas fernsehen. Aber dann geht es meistens richtig los." Verletzte durch Feuerwerkskörper werden ebenso wieder an der Kliniktür stehen wie die Opfer übermäßigen Alkoholgenusses. "Dazu oft auch ältere Menschen mit Herzgeschichten", sagt Frau Comtesse und erinnert sich an eine Begebenheit vor einigen Jahren: "Damals suchte ein junger Italiener seine Tante. Die war in die Notaufnahme gekommen, aber wegen des ganzen Betriebs noch nicht im Computersystem erfasst. Der Mann war kaum zu beruhigen. Da hatte ich sogar etwas Angst."

Viel schöner endete die Begegnung mit einer ganz in Weiß gekleideten Frau, die über und über mit roten Flecken bedeckt war. "Erst dachte ich, sie blutet ganz schlimm. Dann merkte ich, es war Rotwein. Die Frau wusste nicht, wer sie war und wo sie wohnte. Ich ließ sie bei uns im Foyer schlafen, machte ihr morgens einen Kaffee und bestellte ihr - als sie sich wieder erinnerte - ein Taxi. Ein paar Tage später hat sie mir dann ein Bild geschenkt."

Die Beispiele zeigen, viel Zeit zum Feiern bleibt in einer Klinik nicht. "Zum Jahreswechsel 1999/2000 gab es ein Büfett mit alkoholfreiem Sekt. Normal kommt ab und zu ein Arzt vorbei und wünscht ein frohes neues Jahr." Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dürfen die Pforte nicht verlassen, sie sind für das Öffnen der Tür zuständig - und für die Annahme von Telefongesprächen. Comtesse selbst wird um Mitternacht ihren Mann anrufen und mit ihrer Schwester telefonieren. "Die wird mir dann sagen, dass sie für mich einen mittrinkt", sagt Birgit Comtesse und lächelt. "Gegen diese Privatgespräche hat an Silvester natürlich niemand etwas", fügt die 52-Jährige noch hinzu.

Ihre Wünsche fürs neue Jahr verrät Birgit Comtesse nicht, nur die für die Silvesterschicht: "Ich hoffe, dass alles harmlos und ruhig abläuft."

Diesmal musste sie die Einladung ihrer Nachbarn zum Silvester-Grillfest absagen. "Aber es kommen noch andere Jahre, und da kann dann auch ich feiern", sagt sie. "Der Mann war kaum zu beruhigen. Da hatte

ich sogar etwas

Angst."

Birgit Comtesses Begegnung mit einem aufgebrachten Menschen