1. Saarland

Die persönliche Geschichtsklitterung

Die persönliche Geschichtsklitterung

Thea schimpft wie ein Rohrspatz. Ihr scheint die kurzfristige Hitzeperiode der vergangenen Tage nicht gut bekommen zu sein. Ist meiner besten Freundin mächtig zu Kopfe gestiegen. Schätzt mein Kumpel Tobi. Sie regt sich über "diese Jugend von heute" auf. Grund für Theas Aufruhr: Junge Leute lassen sich im Park nieder. Den sie tagtäglich quert

Thea schimpft wie ein Rohrspatz. Ihr scheint die kurzfristige Hitzeperiode der vergangenen Tage nicht gut bekommen zu sein. Ist meiner besten Freundin mächtig zu Kopfe gestiegen. Schätzt mein Kumpel Tobi. Sie regt sich über "diese Jugend von heute" auf.Grund für Theas Aufruhr: Junge Leute lassen sich im Park nieder. Den sie tagtäglich quert. Sitzen auf einer Bank, einige auf dem Boden. Lachen. Feixen. Quatschen über Themen, die viele Erwachsene nicht interessieren, auch nicht verstehen. Über Sex. Und moderne Musik.

"Was ist Dein Problem?", will Tobi von der sich echauffierenden Thea wissen. Sie blickt ihn an, als wollte sie ihn auf der Stelle steinigen. So wenig Rückendeckung hätte sie von Tobi nicht erwartet. Da geht man doch gemeinsam durch diese schweren Zeiten. Doch Tobi - der glotzt verständnislos.

Thea bleibt eine Antwort schuldig. Holt dafür weiter aus. Schimpft auf die Pimpfe, die - ungeheuerlich - Mädchen gleichen Alters anbaggern. "Das hätte es bei uns früher nicht gegeben." Tobi weist Thea dezent darauf hin, dass ihre verdrängte Sturm- und Drangzeit nicht allzu weit zurückliegt. Auch wenn Thea seit Jahren Mitte 20 ist. "Eine Unverfrorenheit", geifert Thea. "So was habe ich nie gemacht." Und Alkohol? Da hätte sie's mit ihren fürsorglichen Eltern zu tun bekommen. Ganz im Gegensatz dazu lungerten diese verlotterten Halbstarken mit der Pulle draußen. "Die schämen sich nicht, dass ihnen jeder dabei zuguckt." Tobi, kein Kostverächter, wie er unumwunden zugibt: "Dann guck doch weg. Die tun Dir doch nix." Die völlig unverstandene Thea dreht sich um, lässt Tobi zurück.

Am Abend steht er an ihrer Haustür. Thea hat sich mittlerweile abgeregt. Bis zu dem Moment, als mein Kumpel ihr Fotos vorlegt. Abgewetzte Abzüge, angegilbt. Trotzdem prägnant darauf zu erkennen: Thea als Teenie, wild knutschend in einem katholischen Jugendklub. In der rechten Hand eine Bierflasche, in der linken eine Kippe. Tobi überreicht die Beweise aus einer seiner heimischen Pappschachteln mit den Worten: "Kann ich Dir nach dem Vergangenheitsrealitätsverlust damit auf die Sprünge helfen?"