1. Saarland

Die Passion Christi neu gedeutet

Die Passion Christi neu gedeutet

St. Johann. Ein dichter Klangteppich erfüllt die Saarbrücker Johanneskirche. An den Seiten und vorne im Chor stehen Bilder - teils knallbunte, graffitiähnliche Kunstwerke, wie man sie in Gotteshäusern selten sieht. Hin und wieder ertönt eine Trompete

St. Johann. Ein dichter Klangteppich erfüllt die Saarbrücker Johanneskirche. An den Seiten und vorne im Chor stehen Bilder - teils knallbunte, graffitiähnliche Kunstwerke, wie man sie in Gotteshäusern selten sieht. Hin und wieder ertönt eine Trompete. Hinter dem Altar steht ein Mann mit langem braunem Haar und liest aus dem Buch "Untergang der Titanic" von Hans Magnus Enzensberger: "Der Anfang vom Ende ist immer diskret".Alles andere als diskret sind hingegen die Bilder in Klaus de Temples Ausstellung "A without passion". Pur, echt, jetzt, lebendig soll sie sein, ohne Brimborium, ohne Schnickschnack, hart, kantig, würdevoll. Denn de Temples Bilder zeigen den Leidensweg Jesu so, wie er ihn persönlich empfindet. "Kein Weichei mit ausdruckslosem Gesicht" wollte er zeigen, erzählt er den Besuchern, nachdem der Vorleser die Bühne verlassen hat, sondern einen kraftvollen Jesus, der sich geopfert hat, um zu zeigen, wie sinnlos Gewalt ist. Die übliche Darstellung der Kreuzigung erscheint dem Künstler unwirklich und verklärt. Mit knalligen Farben wirkt er der klischeehaften Abbildung entgegen. Von den vierzehn an den Kreuzweg angelehnten Bildern schafft dies für de Temple besonders Bild zwei mit dem Titel "Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern". Auf rotem Hintergrund zeichnet sich schemenhaft Jesus' Umriss ab, mit der Dornenkrone auf dem Haupt, kräftigen Armen und einem Ehrfurcht einflößenden Blick. Durch seine Collagen will der Künstler seine Kritik an Gewalt, Folter und Hinrichtung ausdrücken. Auch an der Kreuzigung als Hinrichtungsart, die in Ländern wie Jemen, Saudi Arabien oder im Sudan noch immer vollzogen wird, sagt er.

Nach de Temples Rede folgt eine weitere Darbietung. Erneut werden bedrückende Szenen aus dem Buch gelesen, dessen Textpassagen zu seinen Bildern passen: "Untergründig ist das Buch eine Gesellschaftskritik", sagt de Temple. Die Trompete ertönt erneut, und de Temple lässt seine Hände über einem Theremin schwingen. Dieses älteste elektronische Musikinstrument bringt zunächst sphärische, walähnliche Töne hervor, dann jault es plötzlich laut wie Sirenen.

Auch die drei folgenden Veranstaltungen sollen wie bei der Ausstellungseröffnung mit Musik der Gruppe Soylent Sushi angereichert werden. Am 20. März bringt de Temple mit dem Titel "Murmur" das gedämpfte Gemurmel einer Menschenmenge in die Johanneskirche, ähnlich wie bei einer Hinrichtung. Mit "Violence" am 22. März startet der Künstler Videoprojektionen gewalttätiger Konsolenspiele zu den harten Klängen einer E-Gitarre. "Into suffering" am 27. März soll erneut mit gedämpfteren, aber leidvollen Tönen Betroffenheit hervorrufen. Die Ausstellung öffnet jeweils um 19.30 Uhr.