Peter Kraus in der Neunkircher Gebläsehalle: Die heilende Kraft des Rock’n’Roll

Peter Kraus in der Neunkircher Gebläsehalle : Die heilende Kraft des Rock’n’Roll

Je oller, je doller: Bei Peter Kraus ging am Sonntag in der Neunkircher Gebläsehalle die Post ab.

  Er ist wie die Rolling Stones. Nicht so gegerbt, aber genau so zäh. Macht zig Abschiedstourneen und kann‘s dann doch nicht lassen. Während andere längst die Rente genießen würden, absolviert er schon wieder eine Tour – diesmal garantiert die allerletzte, mit dem wehmütigen Titel seiner aktuellen CD „Schön war die Zeit!“, auf der er sich mit alten Hits vor geschätzten Kollegen von früher verbeugt. Keine neuen Nummern – gut, auch ein berufsjugendlicher Rock‘n‘Roller wie Peter Kraus wird mal alt.

Dass sein Konzert am Sonntag in der Neuen Gebläsehalle bereits um 18 Uhr anfängt, passt ins Bild: Der Knabe ist immerhin 79, der will bestimmt früh ins Bett; wahrscheinlich tun‘s auch die Knochen nicht mehr so. Tatsächlich schlendert Kraus mit Hocker auf die Bühne. Auf dem nimmt er allerdings nicht selbst Platz: „Keine Angst“, verkündet er grinsend, „der ist für meinen Bassisten. Der Mann geht schließlich auf die 50 zu.“ Dieser entwaffnend selbstironische Ton und die Koketterie mit dem eigenen Alter ziehen sich durch das ganze Konzert, bei dem sich Kraus als amüsanter Entertainer chronologisch am eigenen musikalischen Werdegang entlang hangelt und aus seinem „Sugar Baby“ einen „Sugar Daddy“ macht.

Junge Leute brauchen Liebe? Alte auch! Die hat er nämlich in prozentual überwältigendem Anteil vor sich sitzen und verwöhnt sie zur Einstimmung mit einem schmusigen „I can‘t give you anything but love“. Doch danach geht die Post ab, mit Bill Haleys „Rock around the clock“, einem ganzen Elvis-Block und Chuck Berrys fetzigem „Roll over Beethoven“. Spätestens jetzt groovt die ganze Halle entfesselt vor sich hin – je oller, je doller. Ja, Kraus hat es immer noch drauf, und die Band klingt authentisch: Der Rockabilly-Bass klackert, die Lead-Gitarre twangt wie bei Scotty Moore; eine der beiden Backgroundsängerinnen hat eine Babystimme, als ob sie versehentlich einen Heliumballon inhaliert hätte. Und der immergrüne Peter ist gut bei Stimme, sogar die Hüftrotation funktioniert noch und löst ekstatische Pfiffe aus.

Wahrscheinlich wird ihn der Papst demnächst sogar heilig sprechen, beweist Kraus doch messianische Fähigkeiten – und das nicht nur, indem er diversen ollen Schlagern, Twist und Beat neues Leben einhaucht. Nein, bei Vico Torrianis „Sieben Mal in der Woche“ springt eine betagte Dame auf, wirft ihre Krücken von sich und tanzt, bis das ondulierte Haar fliegt. Zur Beruhigung der enthemmten Massen kredenzt Kraus namentlich in der zweiten Konzerthälfte etliche Schnulzen und Medleys der 50er und 60er Jahre. Bis zur Zugabe – da ist mit Elvis‘ Jailhouse Rock wieder der Rock‘n‘Roll-Teufel los.