Die Gääß als Überlebensgarantie

Saarbrücken · Eine anspruchslose Ziege war einst so etwas wie die Überlebensgarantie für große Teile der Landbevölkerung in der Region. Später hielten auch die Kumpel in der Kohle- und Stahlindustrie sich Ziegen. Heutzutage finden Produkte aus Ziegenmilch wieder vermehrt ihre Abnehmer.

 In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gab es abermals in vielen saarländischen Haushalten eine „Bergmannskuh“. Foto: SZ

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gab es abermals in vielen saarländischen Haushalten eine „Bergmannskuh“. Foto: SZ

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Manche Straßennamen in der Region, so der Geisberg in Schafbrücke oder der Geisrech in Kleinblittersdorf, erinnern noch heute daran, welche elementare Bedeutung die Ziegenhaltung an der Saar in früheren Zeiten für die Ernährung der einfachen Bevölkerung hatte. Dem Autor dieser Zeilen fällt dazu ein, dass noch um 1960 die letzte Geiß, Gääß oder Gääs im Keller des heimischen Hauses am Kleinblittersdorfer Geisrech stand und es im Ort eine kleine Ziegenzucht gab, bei der man sich die Milch in einen Blechkanister abfüllen lassen konnte. Aber nur wenig später schien dann saarland- wie deutschlandweit im Zuge des wachsenden Wohlstands und der Hinwendung zu vermeintlich hochwertigeren Lebensmittelprodukten das Ende der traditionsreichen Ziegenhaltung gekommen.

Rasanter Niedergang

1977 wurden in der gesamten Republik nur noch gut 36 000 Tiere gezählt, während nach Ende des Ersten Weltkrieges im Deutschen Reich noch 4,7 Millionen Ziegen gelebt hatten. Anfang der 1980er Jahre machte die von Schaf und Ziege erzeugte Milchmenge mit 22 Millionen Liter nur noch 0,1 Prozent der gesamten Milcherzeugung Deutschlands aus. Doch danach setzte eine deutliche Renaissance der Ziegenhaltung ein. Schätzungen zufolge dürften heute in deutschen Landen wieder rund 160 000 Ziegen anzutreffen sein - was allerdings angesichts der Gesamtzahl von 700 bis 800 Millionen weltweit vor allem in Entwicklungsländern gehaltenen Hausziegen noch immer recht bescheiden ist. Im Saarland wurden zuletzt 487 Ziegenhaltungen mit knapp 2800 Tieren gemeldet. Dabei existieren allerdings nur drei hauptberufliche Zuchtbetriebe mit je 70 bis 80 Tieren. Für die große Mehrzahl der Tierfreunde ist die Ziegenhaltung Nebenerwerb oder Freizeithobby.

Wann genau die zur Familie der Horntiere zählende Ziege, das nach dem Hund zweite vom Menschen wahrscheinlich schon um 10 000 vor Christus domestizierte Haustier und der erste Wiederkäuer, in unserer Heimat sesshaft wurde, lässt sich nicht quellenmäßig belegen. Zwar maß schon Karl der Große der Ziegenhaltung einen großen Wert bei und befahl seinen Gutsverwaltern das Halten von Milchziegen und Böcken. Doch erst Mitte des 16. Jahrhunderts tauchten die Ziegen in der Literatur vermehrt auf. Damals hatte sich in der deutschen Landwirtschaft gerade ein Wandel vom bis dahin dominierenden Ackerbau hin zu einer verstärkten Viehhaltung vollzogen, was höchstwahrscheinlich auch einen enormen Anstieg der Zahl der Ziegen zur Folge gehabt haben dürfte.

Das geschah zum Leidwesen der Fürsten und lokalen Potentaten, denn diese sahen in den Ziegen vornehmlich unbeliebte Forstschädlinge. In der nahen Pfalz wurde Ziegenbesitzern von den örtlichen Behörden daher dringend nahegelegt, die Tiere wieder abzuschaffen. In der Grafschaft Nassau-Saarbrücken soll die Ziegenhaltung damals sogar ganz verboten worden sein. In diesem Zusammenhang tauchte Ende des 16. Jahrhunderts erstmals die Bezeichnung "Kuh des kleinen Mannes" auf.

Die Herrschaft derer von Kerpen (Herrschaft Illingen) veröffentlichte am 2. April 1724 folgende Verfügung: "Jeder, der 1 Kuh hat, darf 3 Geißen halten, Jeder, der 2 Kühe hat, darf 2 Geißen halten, Jeder, der 3 Kühe hat, darf 1 Geiß halten, Jeder, der 4 Kühe hat, darf 0 Geißen halten." Auch daraus lässt sich ableiten, dass die Ziegenhaltung nur etwas für die ganz Armen war, die sich nicht die Pacht einer Weide oder die Anschaffung einer Kuh leisten konnten. Am 2. Oktober 1773 erlaubte Herzog Ludwig das Halten von Ziegen in der Grafschaft Nassau-Saarbrücken. Allerdings durften von dieser Ausnahmegenehmigung ebenfalls nur besonders bedürftige Familien Gebrauch machen.

Die restriktiven Maßnahmen der absolutistischen Fürsten in Bezug auf die Ziegenhaltung waren hauptsächlich in der Jagdleidenschaft begründet. Die Fürsten sahen in den Ziegen eine Nahrungskonkurrenz für ihre extrem hohen Wildbestände. Das Jagdareal sollte keinesfalls als Waldweide genutzt werden. Die Verbote hatten zwar langfristig positive Auswirkungen für die Allgemeinheit, weil der deutsche Wald Ende des 18. Jahrhunderts übernutzt und in Folge von Bevölkerungs- und Gewerbezuwachs teils drastisch flächenmäßig zurückgegangen war. Aber kurzfristig verschlechterten die strengen forstpolitischen Maßnahmen die Lebensverhältnisse der ländlichen Bevölkerung. Dabei waren die armen Bauern für die Ziegenhaltung auf den Wald angewiesen, weil sie mangels Stroh Blätter und Zweige im Stall auslegten und zur Fütterung der Tiere auf Wipfel von jungen Tannen und Fichten oder auf geschreddertes Blattgrün zurückgriffen.

Milch galt als Heilmittel

Mit Beginn des Bergbauzeitalters in der Region stieg die Ziege schnell zum bevorzugten Haustier der Kumpel auf. Anfang der 1860er Jahre wurden in den Kerngebieten des Saarreviers, den Landkreisen Saarbrücken und Ottweiler, bereits 6868 Ziegen gezählt. Ein Bergmannsbauer hatte nun einmal seine "Bergmannskuh" im Stall. Zudem galt die Ziegenmilch als ideales Heilmittel gegen die Berufskrankheit der Malocher unter Tage, die stark verbreitete Lungentuberkulose. Außerhalb der Montangebiete wurde die Ziege zwar immer noch als "Kuh des kleinen Mannes" bezeichnet, aber schon ab Ende des 18. Jahrhunderts mit einem deutlich negativen Unterton. Die Ziege galt als minderwertiges Lebewesen, das in kleinen, dunklen, stinkenden Verschlägen sein Dasein fristet zur alleinigen Selbstversorgung der Ärmsten der Armen. Das Reinigen und Sauberhalten von Tieren und Ställen war ebenso wenig üblich wie das Schaffen von Bewegungsmöglichkeiten.

Im 20. Jahrhundert blühte die Ziegenhaltung, natürlich auch in unserer Region, vor allem in den Krisenzeiten vor und nach den beiden Weltkriegen auf. Wobei in Mitteleuropa natürlich die Milchziegen, die bis zu 1800 Liter pro Jahr liefern können, die dominierende Gattung darstellen, während in anderen Weltregionen Fleisch- oder Wollziegen gezüchtet werden. Im Zuge des Wirtschaftswunders mit dem rasch wachsenden Lebensstandard und dem Streben nach bequemer Lebensgestaltung, was eine nebenberufliche Tierhaltung zunehmend ausschloss, ließ die Ziegenhaltung rapide nach.

Seit den 1980er Jahren geht es jedoch im Zuge einer neuen Wertschätzung der heimischen Ziegenprodukte wieder aufwärts. Ziegenmilch ist für bestimmte Heil- und Diätzwecke hervorragend geeignet. Die Milch enthält zudem im Vergleich zur Kuhmilch vier Mal mehr Vitamin D und doppelt so viel Vitamin A. Außerdem ist sie eine wichtige Quelle für die Mineralien Kalzium, Phosphor und Magnesium. Daneben erfreuen sich bei immer mehr Verbrauchern aber auch Ziegenfrisch-, Ziegenweich- oder Ziegenschnittkäse, Ziegenjoghurt, Ziegenquark, Ziegenkefir, Ziegenfeta oder Ziegenbutter großer Beliebtheit.

Zum Thema:

Auf einen BlickDer Verband für handwerkliche Milchverarbeitung im ökologischen Landbau ist Träger der "Deutschen Milch- und Käsestraße". Sie hat einen saarländischen Ableger mit sechs Betrieben, wobei einige Produkte aus Ziegenmilch, andere Produkte aus Kuhmilch im Sortiment haben. plemilchundkaesestrasse.de