Streit ums Weltkulturerbe Völklinger Hütte „Die Diskussion ist saarländisch-piefig“

Völklingen · Welterbe-Chef  Grewenig weist die Kritik an Geldverschwendung und überflüssiger Planung zurück.

 Diese Rampe (oben) wurde 2008 als Haupteingang zum Weltkulturerbe Völklinger Hütte fertig gestellt. Genutzt wird sie kaum. Welterbe-Chef Meinrad Maria Grewenig will jetzt einen neuen Eingang bauen lassen.

Diese Rampe (oben) wurde 2008 als Haupteingang zum Weltkulturerbe Völklinger Hütte fertig gestellt. Genutzt wird sie kaum. Welterbe-Chef Meinrad Maria Grewenig will jetzt einen neuen Eingang bauen lassen.

Foto: Iris Maria Maurer

Zur besseren Erschließung des Völklinger Weltkulturerbes soll ein neuer Haupteingang gebaut werden – mit Zugang über den Wasserhochbehälter. 2008 aber wurde bereits ein neuer Haupteingang gebaut samt des dazugehörigen Völklinger Platzes. Kosten: über 2,6 Millionen Euro. Wurden da Millionen in den Sand gesetzt? Weltkulturerbe-Chef Meinrad Maria Grewenig wehrt sich scharf gegen die Kritik.

Herr Grewenig, es mutet wie ein Schildbürgerstreich an: Vor neun Jahren wurde das Weltkulturerbe mit einem neuen Eingang erschlossen. Sie selbst lobten diesen damals als „sehr gelungen“. Nun soll ein weiterer neuer Eingang gebaut werden – wieder für Millionen Euro. Was ist am bisherigen Eingang verkehrt?

GREWENIG Es geht nicht darum, dass wir einen weiteren neuen Haupteingang einrichten. Der damals von der Stadt Völklingen eingerichtete Eingang über den Völklinger Platz ist in vielen Bereichen, die vereinbart waren, nicht endgültig realisiert worden. Ein Beispiel: Wir wollten damals für Menschen mit Behinderung über die Rampe einen barrierefreien Zugang erreichen. Dies scheitert im Grunde am normalen Alltag. Da stehen abends Menschen, die Bier trinken und, wenn sie eine gewisse Menge intus haben, die Flaschen auf dem Platz zerschlagen. Das ist für Rollstuhlfahrer mit luftbereiften Rädern das Schlimmste, was denen passieren kann. Wir versuchen zwar, das möglichst wegzuräumen, aber das ist ja nicht unser Gelände. So bekommt man keine dauerhafte Lösung. Noch gravierender ist: Es war damals vereinbart, dass das Reifencenter und der Getränkemarkt eingehaust werden und dass mit Globus ein Parkkonzept entwickelt wird. Das hat bis heute nicht stattgefunden. Ohne Parkplatzkonzept an der Stelle aber nutzt das wenig. Zudem gibt es keine Toiletten und Parkplätze für Behinderte am Völklinger Platz, auch das wurde nicht realisiert. Von weit anreisende Besucher suchen immer zuerst die Toilette auf.

Die Stadt Völklingen, auf deren Gelände sich der Zugang befindet, ist also Versprechungen nicht nachgekommen?

GREWENIG Das waren schlicht Grundlagen der Planungsabmachungen mit uns. Wir haben darauf vertraut. Aber es nutzt ja nichts, sich die Schuld zuzuschieben, wir brauchen Lösungen. Die Anlage des Völklinger Platzes ist ja auch eine deutliche Verbesserung der Situation.

Aber der Eingang ist nicht so nutzbar, wie Sie ihn brauchen?

GREWENIG Er funktioniert nicht in der Form, wie wir ihn brauchen.

Was soll der andere Zugang über den Wasserhochbehälter bringen?

GREWENIG Wie brauchen einen integralen Zugang, damit all das, was bisher nicht ging, möglich wird. Das ist ein Zugang für Menschen mit Behinderung nach den gegenwärtigen Anforderungen. Wir brauchen für unser Aufsichtspersonal und Sicherheitskräfte Räumlichkeiten, das verlangt schon der Arbeitsschutz. Und wir wollen die jetzige Eingangssituation vor der Gebläsehalle, die Red Box, die im Grunde keine Genehmigung hat, denkmalgerecht zurückbauen. Zwischenzeitlich hat Saarstahl die Grunddienstbarkeiten am Wasserhochbehälter aufgegeben, so können wir ihn auch für unsere inneren Belange einsetzen. Zudem ist der große Parkplatz, den wir mit Hilfe von Städtebaufördermitteln aus dem Unesco-Programm von über fünf Millionen Euro hergerichtet haben, jetzt der zentrale Anlaufpunkt für Autos und Busse. So fügt sich dort alles zusammen.

Norbert Mendgen, über Jahre auch Ihr Mitarbeiter, hat den neu geplanten Eingang als „schlechten Witz“ bezeichnet, weil man die Alte Hütte aus dem historischen Zusammenhang herausgerissen betreten würde.

GREWENIG Ich sehe das grundsätzlich anders. Unser Ziel ist es, die Völklinger Hütte zu sanieren, die notwendigen Bereiche in der Forschung, – da geht es etwa um die damalige Arbeitssituation und auch das Thema Zwangsarbeit, aber auch die Entwicklung des Kulturortes für das 21. Jahrhundert – voranzutreiben. Und wir wollen das besucherorientiert machen, nicht nur das Denkmal in seinem Moment halten, der bei seiner Stillsetzung damals denkmalwürdig wurde. Unser Ziel muss es sein, dass die Benutzung, bei höchster Wahrung der Integrität des Denkmals, für die Besucher funktionsmäßig gut ist und niemanden ausschließt. Im Übrigen ist der Wasserhochbehälter kein Hintereingang, wie Herr Mendgen meint. Das ist nur nachvollziehbar, wenn man alle Augen zumacht. Der Wasserhochbehälter ist die zentrale Gebäudesituation. Das ist ein Gebäude, das die gesamte Anlage dominiert.

Da spricht aber der Ausstellungsmacher Grewenig, nicht derjenige, der das Ensemble in seinen historischen Wegen im Auge hat.

GREWENIG Ich habe das jetzt 18 Jahre im Blick. Wenn Sie das mit Herrn Mendgen vergleichen, der drei Jahre operativ bei uns tätig war, und das ganz am Anfang, dann ist das schon ein Unterschied. Ich wehre mich ja nicht gegen den Begriff des Ausstellungsmachers, das ist ja auch eine Kunst, die nur ganz wenige beherrschen. Zu uns kommen ja nicht umsonst Hunderttausende im Jahr. Und um es ganz klar zu sagen: Wir sind mit dem, was wir machen, sowohl mit dem, was wir im Bereich Sanierung und Entwicklung tun, als auch im Bereich der Kulturerschließung des Denkmals und der Möglichkeit, eine solche Anlage auch für junge Menschen nutzbar zu machen, in Europa beispielgebend. Wir sind Vorbild für 1500 Industriekulturstätten von ERIH, der European Route of Industrial Heritage, in 46 Ländern.

Die Kritik ist Ihnen zu kleinkariert...

GREWENIG Ich finde diese Diskussion saarländisch-piefig. Es ist auch einfach falsch, weil sie die Faktenlage und die Entwicklungschancen übersieht. Wir haben in den letzten Jahren das erste Science-Center in Saar-Lor-Lux erstellt. Wir haben mit dem „Paradies“ einen Ort entwickelt, wo einzigartig in Europa der Dialog zwischen der Natur, die sich eine solche Industrieanlage zurückholt, und dem Denkmal sichtbar ist. Da kämpfen die Kollegen im Ruhrgebiet darum, wir haben das. Wir haben das Unesco-Besucherzentrum in der Sinteranlage aufgebaut. Und zu all dem gehört auch ein Funktionsteil mit Kassen, Toiletten, Garderobe. Und darauf ist das Projekt im Wasserhochbehälter bezogen, das nebenbei mit der Unesco im Vorfeld besprochen wurde, mit der Denkmalpflege abgestimmt ist und im Rahmen der Beschlüsse unseres Aufsichtsrates läuft. Also nichts Geheimes.

Es ist aber kein Geheimnis, dass Sie den Hochbehälter als Ausstellungsfläche nutzen wollen. Ist der neue Eingang Ihr trojanisches Pferd, um zu Ausstellungsraum zu kommen?

GREWENIG Wir haben ja die Verpflichtung, dass wir die Ausstellungsflächen in der Gebläsehalle an einen anderen Ort bringen. Insofern ist der Ausstellungsbereich im Wasserhochbehälter zwar auf der Agenda, aber nicht in der operativen Planung.

Der Ausbau soll wohl drei Millionen Euro kosten, der Rechnungshof mahnte aber eine defensive Erschließung an. Defensiv klingt das nicht.

GREWENIG Wir folgen natürlich den Auflagen-Empfehlungen des Rechnungshofes. Und was wir tun, tun wir ökonomisch optimiert.

Kommen mit dem neuen Eingang und möglicher zusätzlicher Ausstellungsfläche nicht auch deutliche Mehrkosten?

GREWENIG Die Rechnungen sind noch nicht im Detail abgeschlossen, aber für den Betrieb sieht es so aus, dass wir Kosteneinsparungen herbeiführen werden.

Wie soll das gehen? Weil die Gebläsehalle nicht mehr als Ausstellungsort genutzt wird?

GREWENIG Nein, die Gebläsehalle ist nach wie vor im Plan des Ausstellungsbereiches. Es geht um Aufwendungen für Heizung, Beleuchtung und ähnliches.

Der Wettbewerb für den neuen Haupt­eingang lief bereits im Frühjahr, die Jury tagte Ende Juni. Warum sind die Ergebnisse immer noch nicht vorgestellt?

GREWENIG Fachintern ist der Wettbewerb bereits veröffentlicht. Aber die endgültige Entscheidung liegt beim Aufsichtsrat. Und danach werden wir die Ergebnisse auch vorstellen.

Der Aufsichtsrat tagt wieder im Dezember?

GREWENIG Voraussichtlich, ja.

Sie bekommen ja einen neuen Chef, statt Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger wird bald Kulturminister Ulrich Commerçon Vorsitzender des Aufsichtsrates. Hat die Nicht-Veröffentlichung damit zu tun?

GREWENIG Nein, wir brauchen einfach diese Sitzung für die Beschlusslage. Wir werden die Ergebnisse danach der Öffentlichkeit vorstellen.

 Meinrad Maria  Grewenig,  Chef des Weltkulturerbes Völklinger Hütte.

Meinrad Maria Grewenig, Chef des Weltkulturerbes Völklinger Hütte.

Foto: Oliver Dietze

Die Fragen stellte Oliver Schwambach.

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