1. Saarland

Die Corona-Krise trifft Pflegeheime im Saarland besonders hart.

Kostenpflichtiger Inhalt: Immer mehr ältere Menschen im Saarland betroffen : Corona-Krise trifft Pflegeheime hart

Saarländische Pflegegesellschaft fordert flächendeckende Tests und mehr Schutzkleidung für die Einrichtungen.

Noch hat die Welle ihren Höhepunkt nicht erreicht. Doch die Lage in den saarländischen Alten- und Pflegeheimen spitzt sich in der Corona-Krise rasant zu. Täglich steigt die Zahl der neu Infizierten. Das Pflegepersonal stößt an seine Grenzen. „Die Situation ist noch nicht katastrophal, aber sehr angespannt“, warnt Jürgen Stenger, Geschäftsführer der Saarländischen Pflegegesellschaft, vor möglicherweise dramatischen Verhältnissen.

Der Regionalverband Saarbrücken bestätigte unserer Zeitung, dass Corona-Fälle in Pflegeeinrichtungen die Zahl der Neuinfektionen am Wochenende deutlich ansteigen ließ. Und das nach einer Woche, in der immer wieder Ansteckungen in Seniorenheimen bekannt geworden waren. Mit den Corona-Fällen in den Wohnstätten älterer Menschen verstärkt sich ein seit Wochen zu beobachtender Trend. Mittlerweile sind 30 Prozent der Infizierten im Saarland entweder 60 Jahre oder älter. Noch vor einer Woche machten die Älteren nur ein Fünftel der Betroffenen aus.

Viele dieser Menschen sind in Alten- und Pflegeheimen untergebracht und benötigen rund um die Uhr Betreuung. Wie lassen sich diese besser schützen? Früh hat die Landesregierung ein Besuchsverbot erlassen, nur in Ausnahmefällen dürfen Angehörige noch zu ihren Verwandten. Verstößt eine Heimleitung gegen diese Regeln, drohen Bußgelder bis zu 800 Euro. Die Saarländische Pflegegesellschaft hat die Regierung indes aufgefordert, flächendeckende Tests für stationäre Pflegeeinrichtungen und ambulante Dienste anzuordnen.

„Es geht nicht nur darum, flächendeckend Bewohner und Personal zu testen. Wir brauchen auch zeitnahe Rückmeldung“, betont Stenger. Denn jeder Beschäftigte, der mit einem Verdachtsfall in Kontakt gekommen ist, wird – auch ohne Test – für 14 Tage in häusliche Quarantäne geschickt. Durch hohe Krankenstände sei die Lage ohnehin schon verschärft. Da bereits am 16. März auf Beschluss der Landesregierung alle Tagespflegeeinrichtungen geschlossen wurden und sich diese Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit befinden, sondern auf den ambulanten Pflegedienst und andere stationäre Einrichtungen verteilt wurden, gibt es laut Stenger eine „kleine Personalreserve“.

So soll auch ein absoluter Aufnahmestopp in saarländischen Pflegeheimen, wie er bereits in Bayern oder Niedersachen verhängt wurde, vermieden werden. „Wir können diese Menschen nicht einfach vor der Tür stehen lassen“, sagte Stenger. Aber auch die Versorgung müsse sichergestellt sein. Umso dringender wird daher Schutzkleidung gebraucht. Zahlreiche Einrichtungen sind dabei, sich selbst neue Lieferquellen zu erschließen. „Der Bedarf ist wahnsinnig groß“, erklärt Stenger – gerade an FFP2-Masken. Im Zuge der Corona-Pandemie seien die Preise aber geradezu explodiert. Kostete eine Schutzmaske vor einigen Wochen noch zwischen 40 und 60 Cent, würden mittlerweile bis zu 27 Euro pro Stück verlangt, so Stenger.

Das Land plane derzeit keine flächendeckenden Tests, hatte Regierungssprecher Alexander Zeyer am Freitag gesagt. Zu diesem Zeitpunkt waren 6,4 Prozent der Altenheime im Saarland von Infektionen betroffen, 48 Senioren und 43 Beschäftigte trugen das Virus in sich. Es sind Zahlen, die zu Wochenbeginn überholt sind: Am Montag teilte der Regionalverband vor Bekanntgabe der landesweiten Infektionszahlen mit, dass sich allein auf seinem Gebiet mittlerweile 80 Bewohner von Altenheimen angesteckt haben. Nur einen Tag später wurden bereits Coronafälle in jedem sechsten Pflegeheim im Saarland registriert. Inzwischen schließt die Landesregierung diese Test nicht mehr grundsätzlich aus, vielmehr arbeite man mit der Virologie der Homburger Uniklinik an einem Konzept.  Am vergangenen Freitag ließ sich in der Abstrichstation der Kassenärztlichen Vereinigung in Saarbrücken bereits das gesamte Personal eines Seniorenheims auf das Coronavirus testen. Das Robert-Koch-Institut arbeitet an Teststrategien für Einrichtungen im ganzen Bundesgebiet.

Das Gesundheitsamt im Regionalverband entscheidet im Einzelfall, wie und durch wen Bewohner und Beschäftigte von Einrichtungen getestet werden, in denen das Coronavirus angekommen ist. Bisher stiegen die Fallzahlen in den Heimen nach dem Bekanntwerden erster Infektionen meist sprunghaft an. Neben dem Schmelzer Pflegeheim Vitarium, dass am Montag 46 infizierte Bewohner und Mitarbeiter verzeichnete, war in einer Seniorenresidenz der Arbeiterwohlfahrt in Püttlingen das Virus zunächst bei acht von 104 Senioren nachgewiesen worden. Am Freitag war dann ein Viertel aller Bewohner der Einrichtung betroffen, daneben eine zweistellige Zahl von Beschäftigten.

Im Vitarium-Pflegeheim Schmelz wurde das Virus bis Montag bei 46 Bewohnern und Beschäftigten festgestellt. Foto: Oliver Dietze

Noch am selben Tag stellte der Betreiber des Caritas-Seniorenhauses in Bischmisheim sein Heim nach positiven Tests unter Quarantäne. Ähnlich isoliert sind nach Corona-Fällen auch das Egon-Reinert-Haus in Saarbrücken, das Seniorenzentrum Johanna-Kirchner-Haus sowie das Seniorenheim der Barmherzigen Brüder in Kleinblittersdorf, wo eine kürzlich verstorbene Corona-Patientin gelebt hatte.