1. Saarland

Die Blüte der Saar-Hochkultur

Die Blüte der Saar-Hochkultur

Jede Hochkultur zeichnet sich durch ureigene Speisen und Getränke aus. Die Inka hatten ihren kostbaren Kakao, die alten Griechen ihre edlen Weine und Oliven - und die Saarländer haben ihren Bettsäächer. Im Saarland wird ein regelrechter Kult um die goldgelbe Pflanze veranstaltet

Jede Hochkultur zeichnet sich durch ureigene Speisen und Getränke aus. Die Inka hatten ihren kostbaren Kakao, die alten Griechen ihre edlen Weine und Oliven - und die Saarländer haben ihren Bettsäächer. Im Saarland wird ein regelrechter Kult um die goldgelbe Pflanze veranstaltet. Gerade im März und April werden Loblieder auf den Pis-en-lit angestimmt, wie die Franzosen die Pflanze wegen ihrer harntreibenden Wirkung nennen. Gelegenheiten, der köstlichen und heilenden Blume zu huldigen, gibt es in der Region zuhauf: die Bettsäächertage in Orscholz, entlang der Eichenlaubstraße sowie zahlreiche Vorträge, etwa über den "Löwenzahn und seine Heilwirkung".Als Zugereister schätze ich vor allem eines an den Saarländern: ihre Bodenständigkeit. Diese entfaltet sich auch in der Verehrung des Bettsäächers. Was andere für Unkraut halten, für den Bodensatz der Pflanzenwelt, mit Füßen treten oder Kühen und Kaninchen zum Fraß vorwerfen - das kultivieren die Saarländer zu einer saisonalen Delikatesse, etwa mit gebratenem Speck. Unsere Sterneköche haben dazu beigetragen, dass die bitter-würzige Blume mittlerweile manch Gala-Diner veredelt. Bettsäächer-Bratwürste verdrängen Trüffeln und Austern.

Ich bin ein integrationswilliger Zugereister, mit Leib und Seele. Das werde ich unter Beweis stellen. Da ich nun weiß, dass der Bettsäächer in der saarländischen Hochkultur eine göttliche Pflanze ist, werde ich mich - in einer Art Initiationsritual - in den kommenden Wochen jeden Morgen von Kopf bis Fuß mit Löwenzahn einreiben, drei Liter Bettsäächer-Tee trinken und mittags drei Kilogramm Bettsäächer-Salat essen. Ich hoffe, das beschleunigt meinen Integrationsprozess im Saarland. Die Chancen stehen gut: Einem alten Hexenglauben zufolge ist man nach dem Bettsäächer-Ritual überall gern gesehen, und alle Wünsche werden wahr. Eines ist gewiss: Erleichterung.

Gregor Haschnik wurde in Kattowitz geboren, wuchs bei Frankfurt am Main auf, studierte in Hamburg. Zurzeit führt ihn sein Volontariat täglich nach Merzig. An dieser Stelle schildert er Eindrücke aus seiner Wahlheimat.