1. Saarland

Die Blieskasteler Werkstätten vermitteln Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen in Jobs.

Menschen mit psychischer Beeinträchtigung : Geschätzte Mitarbeiter mit hoher Motivation

Die Blieskasteler Werkstätten vermitteln Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen in Jobs. Mit großem Erfog.

Wenn bei der 31-jährigen Stefanie in Bliesmengen-Bolchen morgens der Wecker klingelt, dann ärgert sie sich nicht, dass sie aufstehen muss. Dann freut sie sich, dass sie zur Arbeit darf – auch, wenn sie sich schon gegen 6.30 Uhr auf den Weg machen muss, um mit Bus und Bahn pünktlich im Caritas-Klinikum St. Theresia in Saarbrücken anzukommen. „Es ist toll dort“, sagt Stefanie und strahlt. „Die Arbeit macht mir großen Spaß. Und wir haben ein super Betriebsklima.“

Stefanie arbeitet in der Krankenhausverwaltung und scannt Krankenakten ein. Vor zwei Jahren hatte sie hier ein Praktikum absolviert, inzwischen ist ihre Tätigkeit zu einem Außenarbeitsplatz geworden. „Ein unbefristeter Außenarbeitsplatz“, wie sie stolz betont. Vier Tage in der Woche arbeitet sie in der Klinik, einen weiteren Tag bei jener Einrichtung, der sie diesen Job zu verdanken hat: den Blieskasteler Werkstätten. Rund 125 Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen – darunter Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, paranoide Schizophrenie oder Epilepsie – finden hier anspruchsvolle Arbeiten, die ganz individuell auf ihre Fähigkeiten abgestimmt sind: angefangen von Scan-Dienstleistungen über Aktenvernichtung und Verpackung bis zu Konfektionierung und Industriemontage.

„Wir arbeiten personen- und ressourcenorientiert“, so Werkstattleiterin Eva Paulus (57). Ziel sei es, für jeden Beschäftigten den genau richtigen Arbeitsplatz  zu finden –  „möglichst angepasst an seine Fähigkeiten und Wünsche“. Bildungs- und Qualifizierungsangebote ermöglichten es den Mitarbeitern, sich sowohl beruflich wie auch persönlich weiterzuentwickeln. „Raus aus der Werkstatt – wenn immer es möglich ist!“ lautet daher das Motto des Integrationsmanagements. Wobei es eine Herausforderung sei, genau jene Nische zu finden, in der das „Schlüssel-Schloss-Prinzip“ zwischen Mitarbeiter und Arbeitgeber passe.

Doch die Blieskasteler Werkstätten scheinen mit ihrem Konzept genau auf dem richtigen Weg zu sein: Denn ihre Vermittlungsquote liegt weit über dem Bundesdurchschnitt. „Im Saar-Pfalz-Kreis und Regionalverband Saarbrücken gibt es mittlerweile eine ganze Palette an Kooperationspartnern“, berichtet Felix Glöckler (32), Bereichsleiter Soziales und Fachkraft für betriebliche Integration. Nach den guten Erfahrungen der Vergangenheit fragten viele Arbeitgeber inzwischen schon ganz gezielt nach Beschäftigten aus der Werkstatt.

„Wir erreichen oft Win-win-Situationen, in denen wirtschaftliche Interessen der Arbeitgeber gepaart sind mit gesellschaftlichem Engagement für Menschen mit Beeinträchtigung“, meint Paulus. Ihrer Ansicht nach brauche man einen  Arbeitsmarkt, der „nicht ausschließlich gewinnorientiert tickt, sondern auch Menschen aufnimmt, die weniger Leistung bringen“.

Und nicht zuletzt gelte es, Vorurteile und Berührungsängste zu überwinden. „Manchmal ist es immer noch schwierig, überhaupt einen Fuß in die Tür zu bekommen“, gibt Felix Glöckler zu. Vor allem, wenn er sich bei einer „Kaltakquise“ bei einem Unternehmen melde und sich als Sozialarbeiter für Menschen mit psychischer Erkrankung vorstelle. „Dann geht bei vielen sofort die Klappe runter.“

Die Inklusionsdebatte sei jedenfalls noch längst nicht abgeschlossen. „Es geht nicht nur um das Absenken von Gehwegen oder den Einbau von Fahrstühlen“, meint Paulus. „Es geht darum – insbesondere im Blick auf Menschen mit psychischer Beeinträchtigung – Barrieren im Herzen und in den Köpfen abzubauen.“

Im Caritas-Klinikum Saarbrücken St. Theresia war das jedenfalls nicht nötig. Hier wurde die Verstärkung aus den Blieskasteler Werkstätten mit offenen Armen empfangen – und ihre Arbeit wird geschätzt. „Stefanie ist ein sehr unkomplizierter fröhlicher Mensch. Sie macht ihre Arbeit sehr zuverlässig“, sagt Thomas Muche, Abteilungsleiter Medizinmanagement. Dass sie nicht ganz so leistungsfähig sei wie andere im Team, darüber sei man sich im Vorfeld natürlich bewusst gewesen. „Aber wir sind sehr zufrieden – für alle Beteiligten ist das eine Win-win-Situation.“

Er bestätigt damit das, was Eva Paulus und ihre Mitstreiter schon lange wissen: „Gerade die Beschäftigten, die an solche Außenarbeitsplätze gehen, sind oft hoch motiviert. Wenn man ihnen eine Chance gibt, machen sie auch gute Arbeit, legen großen Wert auf Qualität und identifizieren sich mit ihrem Arbeitgeber.“

Felix Glöckler, Bereichsleiter Soziales und Fachkraft für betriebliche Integration, und Eva Paulus, Leiterin der Blieskasteler Werkstätten. Foto: Katja Sponholz

Die 31-jährige Stefanie, die im vergangenen Jahr auch noch einen IHK-Zertifikatslehrgang für Telefonzentrale und Empfang abgeschlossen hat, ist jedenfalls wunschlos glücklich mit ihrer Tätigkeit. Mit einer kleinen Einschränkung: „Mein Ziel wäre es, einmal auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt eine Festanstellung zu bekommen.“