1. Saarland

Die Angst vor Cattenom wächst

Die Angst vor Cattenom wächst

St. Ingbert. Ob es denn im Rathaus eine Stelle gebe, die sich mit dem Thema Strahlenschutz beschäftige, will Günter Krüger an der Info-Theke des St. Ingberter Rathauses wissen. Die Dame hinter dem Tresen ist zunächst verdutzt und weist auf die Unterschriften-Liste gegen Cattenom hin, die seit diesem Montag im Rathaus ausliegt

St. Ingbert. Ob es denn im Rathaus eine Stelle gebe, die sich mit dem Thema Strahlenschutz beschäftige, will Günter Krüger an der Info-Theke des St. Ingberter Rathauses wissen. Die Dame hinter dem Tresen ist zunächst verdutzt und weist auf die Unterschriften-Liste gegen Cattenom hin, die seit diesem Montag im Rathaus ausliegt. Oberbürgermeister Georg Jung hat sich einer Aktion des saarländischen Städte- und Gemeindetages angeschlossen, die eine Abschaltung des durch eine Vielzahl an Störfällen bekannten Kernkraftwerkes jenseits der Grenze fordern. Bis zum Mittag haben 41 Menschen unterschrieben.Eine Abteilung für Strahlenschutz kann die Verwaltungsmitarbeiterin natürlich nicht benennen. Im Gespräch kommt heraus, dass sich der 72-jährige St. Ingberter sorgt, weil er ein japanisches Auto bestellt hat. Nach der Reaktor-Katastrophe in Japan kämen ja nur widersprüchliche Meldungen, erklärt der Mann. Und die Autoverkäufer wiegelten auf Nachfrage ab. "Angeblich kommt kaum Strahlung aus den Reaktoren. Das erinnert mich an die Diskussion, die wir nach Tschernobyl hatten. Im Saarland sollten wir den Salat nicht essen, in Lothringen war er angeblich nicht belastet." Krüger erschüttert, dass es dem Hochtechnologie-Land Japan nicht gelingt, die Havarie unter Kontrolle zu bekommen.

Das sehen auch andere St. Ingberter so. In der Fußgängerzone auf das Atom-Unglück und ihre Meinung zu Cattenom angesprochen, sagt Elke Fath, 49: "Ich beziehe Ökostrom. Und ich wäre dafür, dass wir unsere Kohlereserven weiter nutzen." Von der Unterschriftenakion hat sie wie viele andere Angesprochenen noch nichts gehört, aber sie will die Forderung nach einer Stilllegung des Meilers unterschreiben. Von der Poliktik fühlt sie sich hinters Licht geführt: "Ich finde, so doof sind weder wir noch die Menschen in Tokio." Die nukleare Belastung werde sich auf dem ganzen Erdball verteilen. Mehmedovic Mujo, 20, ist verblüfft darüber, dass die Verantwortlichen in Japan erst im Nachhinein merken, was sie falsch gemacht haben. Die radioaktiven Strahlen seien zu gefährlich, deshalb solle man AKW abschalten.

Carla Huber, 62, aus Rohrbach sagt: "Natürlich bin ich gegen Cattenom. Das liegt ja direkt vor der Tür." Luftlinie ist die Atomanlage rund 65 Kilometer entfernt. Die Menschen bräuchten zwar Energie, aber die sollte aus anderen Quellen kommen. Wolfgang Kuttig, 61, wohnt in Wittersheim. Die Forderung nach sofortigem Ausstieg hält er für Hysterie. Er selbst sei weder für noch gegen Atomkraft. In Deutschland sollte man sich aber von ihr verabschieden, weil das die Mehrheit wolle. Cattenom? "Die Entscheidung muss in Frankreich fallen."

Ingrid Quirin, 55, aus St. Ingbert bezweifelt, dass die Franzosen sich von deutschen Unterschriften beeindrucken lassen. Atomkraft hält sie gleichwohl für gefährlich: "Es müssen Alternativen her." "Gute neue Lösungen" würde sich auch Miro Ivanic, 45, wünschen. Ein Abschalten der AKW würde seiner Meinung nach aber "schlechte Dinge nach sich ziehen." Aktiv ist Vera Walter, 70, aus Dudweiler. Sie engagiert sich bei Greenpeace, wie sie berichtet, und war schon bei vielen Demonstrationen gegen Atomkraft: "Ich bin fürs Abschalten, so schnell wie möglich." Nach ihrem Eindruck wacht die Politik langsam auf. Die Situation in Fukushima findet sie beängstigend. Fatiha Boujmal, 17, fürchtet, im Zuge der Reaktor-Katastrophe könnten in Japan noch viele Menschen sterben. Im Rathaus ist Fukushima beherrschendes Thema. Pressesprecher Wilfried Trapp: "Die Leute sind emotional berührt." Dabei gehe es nicht um die Frage, wie viel Radioaktivität in unseren Breiten ankomme, sondern um die Lage in Japan. Die Unterschriftenliste gegen Cattenom liege die kommenden Tage im Foyer aus.